München
Interview

Landtagswahl 2013: Christian Ude im Interview

Am Sonntag wählt ein außerordentlicher Landesparteitag der SPD in Nürnberg den langjährigen Münchner Oberbürgermeister Christian Ude zum Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten für die Landtagswahl 2013. Die SPD setzt mit ihm auf den Wechsel.
Artikel drucken Artikel einbetten
Christian Ude auf dem Marienplatz vor dem Münchner Rathaus   Foto: Ronald Rinklef
Christian Ude auf dem Marienplatz vor dem Münchner Rathaus Foto: Ronald Rinklef
Wer ist Christian Ude? Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Münchens OB seine Gründe für den Wechsel in die Landespolitik, wie seine Frau zu der Kandidatur steht, was er von politischen Gegnern wie Peter Gauweiler hält und warum er Ehrenbürger der Insel Mykonos ist.

Bei der Landtagswahl im nächsten Jahr werden Sie fast 66 Jahre alt sein. Das ist Ruhestandsalter. Was treibt Sie eigentlich zur Kandidatur für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten?
Christian Ude: Ich gehöre derselben Altersgruppe an wie der bayerische Ministerpräsident. Der kandidiert ja ebenfalls noch einmal. Insofern gibt es mit Blick auf das Alter eine Gemeinsamkeit. Offensichtlich reizt uns beide diese Herausforderung.

class="artKursiv">Böse Zungen behaupten ja, Sie kandidieren für das Amt des Ministerpräsidenten, weil Sie als OB wegen Erreichens der Altersgrenze nicht mehr kandidieren können.
Das ist gar keine üble Nachrede, sondern die realistische Beschreibung. Die CSU hat verfügt, dass man mit 65 nicht mehr Oberbürgermeister werden darf, sehr wohl aber Ministerpräsident. Damit war für mich klar, dass meine Lebensaufgabe im Münchner Rathaus beendet ist, und ich das mache, was der Landesgesetzgeber in seiner Weisheit mir noch zutraut.

Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, dass Sie sich noch einmal einer neuen politischen Herausforderung stellen?
Meine Frau fand am Anfang die Vorstellung, es gibt keinen Ausklang der Stadtratsarbeit, sondern es geht noch einmal in größerem Rahmen von vorne los, mit Programmdiskussion und Wahlkampf, überhaupt nicht lustig. Aber sie ist ein herausragend politischer Mensch. Sie hat die Abwägung mitgemacht und gesagt, ihre privaten Interessen sind eigentlich voll dagegen. Aber ihr politischer Verstand sagt ihr, die Chance und eine solche politische Aufgabe lässt man nicht sausen.



Sie sind ganz offenkundig bei den Münchnern außerordentlich beliebt. Hat diese Beliebtheit auch damit zu tun, dass Sie zu Ihrer eigenen Partei gelegentlich auch ein wenig auf Distanz gehen?
Dazu muss ich sagen, dass ich seit über 45 Jahren SPD-Mitglied bin und immer aktiv mitgearbeitet habe. Ich habe zum Beispiel schon als Schüler den Landtagswahlkampf eines Abgeordneten organisiert, ich war sechs Jahre lang ehrenamtlich Pressesprecher und ich habe über 20 Jahre ehrenamtlich eine SPD-Zeitung herausgebracht. Ich bin also schon das, was man einen Parteisoldaten nennt, der Kärrnerarbeit leistet. Allerdings habe ich nie meine eigene Meinung an der Garderobe abgegeben. Ich habe manche marktradikale Meinung der Regierung Schröder nicht verstanden. Und wenn sie nachteilig für die Kommunen war, habe ich das auch deutlich gesagt. Das hat mir in der Tat auch Konflikte eingetragen, jedoch nie mit meiner SPD in München.
Interessant ist, dass Sie es offensichtlich auch mit dem politischen Gegner können, zum Beispiel mit Peter Gauweiler. Was schätzen Sie an Gauweiler?
Erstens nehme ich ihn sehr ernst, weil er seit meiner Schulzeit mein gewichtigster Widersacher und Konkurrent war. Er war der einzige OB-Kandidat, der mir 1993 das Leben wirklich schwer gemacht hat. Außerdem weiß ich, dass er Urgestein der CSU ist, was heute schon ein wenig anachronistisch wirkt. Heute erkenne ich CSU-Politiker daran, dass sie blitzschnell ihre Meinung ins Gegenteil verkehren können. Das kann Gauweiler nicht. Er steht zu Positionen, auch wenn ihm der Wind ins Gesicht bläst. Das schätze ich an ihm.

Gesetzt den Fall Sie werden Ministerpräsident. Was würden Sie als erstes ändern?
Meine erste Amtshandlung wird die Abschaffung der Studiengebühren sein. Weil ich die Studiengebühren für den Versuch halte, die Kosten der Bildung schrittweise wieder den Eltern und den Familien aufzubürden. Das halte ich für eine verhängnisvolle Fehlentwicklung.
Ist das denn finanzierbar?
Da habe ich überhaupt keine Zweifel. Es geht um etwa 170 Millionen Euro. Allein die Zinsen, die uns das Landesbankdebakel kostet, machen ein Zehnfaches dieses Betrags aus.

Bayern ist nicht gleich Bayern. Da gibt es die Boomregion München, da gibt es aber auch die oberfränkische Region um Hof mit großen wirtschaftlichen und demografischen Problemen. Was würden Sie unternehmen, um hier einen Ausgleich zu erreichen?
Die CSU-Politik war immer zentralistisch, um sich mit Leuchttürmen zu schmücken. Mein Leitbild ist immer gewesen - in der Kommunalpolitik wie in der Landespolitik - die Stadt und das Land im Gleichgewicht zu halten. Ich strebe nicht Rekordzahlen in der einen Region und Ausdünnung in der anderen Region an, sondern ein Land im Gleichgewicht. Da darf man dann nicht nur das tun, was die Wirtschaft von einem erwartet, die wünscht natürlich zentrale Strukturen. Aber das sind nicht die Lebenswünsche der Menschen.

Ich denke, wir brauchen eine Politik, die die Entwicklung im Gleichgewicht hält, und die gezielt strukturschwache Gebiete und den ländlichen Raum stärkt. Als Stichwort sei die Breitbandversorgung genannt, die wesentlich zügiger vorangetrieben werden muss. Ein weiteres Stichwort ist das Schulsterben auf dem Land. Das ist das Schlimmste, was man einem Dorf antun kann. Damit muss Schluss gemacht werden.
Kommen wir mal zur politischen Konkurrenz, zum Beispiel den Freien Wählern. Könnten Sie wirklich mit Aiwanger eine Koalition eingehen? Selbstverständlich. Ich kenne die Freien Wähler schon aus den 15 Jahren, in denen ich stellvertretender Vorsitzender des bayerischen Städtetags war. Ich arbeite mit Freien Wählern aus allen Landesteilen engstens zusammen. Ich kenne sie als sehr pragmatisch, wenig ideologisch. Sie haben überhaupt keine Scheuklappen. Im übrigen stimmen wir in 80 Prozent der Sachfragen überein. Die Freien Wähler halte ich von daher nahezu für Blutsverwandte.

Und die Piratenpartei? Kann die Ihnen die Suppe noch versalzen?
Die Piraten haben zweifellos neue Kommunikationsmittel besser zu nutzen verstanden und da Willensbildungsprozesse organisiert, die zunächst faszinierend wirkten. Nach dem vorübergehenden Hoch vom Frühjahr diesen Jahres kämpfen sie inzwischen mit der Fünf-Prozent-Hürde. Das heißt der Charme des Ahnungslosen überzeugt die Menschen nicht wirklich.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht Ministerpräsident werden?
Das ist ja das Wunderbare an meiner derzeitigen Situation, die mir auch eine große innere Gelassenheit gibt. Im schlimmsten Fall bleibt es bei meiner sehr ambitionierten privaten Lebensplanung.

Eins noch: Wie wird man Ehrenbürger der griechischen Insel Mykonos?
Das war die Idee und ein Geschenk der griechischen Gemeinde in München. Die haben gesagt, unser Oberbürgermeister tut seit Jahren sehr viel für die Integration der Griechen speziell in München. Aber was nützt ihm irgendein griechischer Orden. Viel lustiger wäre am Ort seines Ferienhäuschens eine Auszeichnung, die er in den Ferien sinnlich erleben und genießen kann. Ich gebe offen zu, Verdienste um die Insel hatte ich damals noch nicht. In der Zwischenzeit habe ich sie mir allerdings reichlich erworben.

Das Gespräch führte Klaus Angerstein