Fast genau zwei Jahre ist es her, dass die Bundeswehr ihren Einsatz in der nordafghanischen Provinz Kundus offiziell beendete. Bald darauf zogen die Soldaten aus dem Feldlager am Rande der Stadt ab, obwohl die Sicherheitslage schon damals bedenklich war - der Abzugstermin war von der Bundesregierung nun einmal so beschlossen worden. Seitdem hat sich die Lage weiter verschlechtert. Am Montag begannen die Taliban eine Offensive zur Eroberung von Kundus-Stadt. Kundus könnte nun als erste Provinzhauptstadt in Afghanistan an die radikalislamischen Aufständischen fallen.

Schon vor der Taliban-Offensive waren die Entwicklungen in der Provinz Kundus alarmierend. Mehrfach griffen die Aufständischen in diesem Jahr bereits die gleichnamige Provinzhauptstadt an. Bereits im April warnte Vizegouverneur Hamdullah Daneschi erstmals vor einer Eroberung der gesamten Provinz durch die Taliban. Im Juni drangen die Taliban bis an den Stadtrand vor, wie Anwohner berichteten.
Am Montag gelangten ihre Kämpfer bis in die Stadtmitte von Kundus hinein. Auf dem zentralen Platz hissten sie die Taliban-Flagge.

Ebenfalls im Juni nahmen die Taliban den Distrikt Dascht-e-Archie ein, die anderen sechs Distrikte rund um die Stadt sind umkämpft. In Dascht-e-Archie hätten die Aufständischen neben Munition auch 25 bis 30 teils gepanzerte Kampffahrzeuge vom Typ Humvee erbeutet, sagt ein afghanischer Regierungsmitarbeiter in Kabul, der anonym bleiben wollte. Mit den Humvees hatte die US-Armee die afghanischen Sicherheitskräfte ausgerüstet.
Der Regierungsmitarbeiter sagte noch vor der Offensive gegen Kundus-Stadt, man gehe davon aus, dass inzwischen 80 Prozent der Provinz unter Kontrolle der Taliban seien. "Die Taliban haben inzwischen eine eigene Schnelle Eingreiftruppe mit 600 Mann in Kundus und sind sehr gut ausgerüstet." Diese Eingreiftruppe - eine solche Einheit unterhalten eigentlich nur hochprofessionelle Armeen - greife bei Gefechten an Brennpunkten in Kundus ein.

Am Montag griffen die Taliban die Stadt gleich aus mehreren Richtungen an, ihnen gelang es, Regierungsgebäude zu stürmen. Darunter war auch das Provinz-Krankenhaus mit seinen 200 Betten, das mit deutscher Hilfe saniert wurde. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid drohte über Twitter, in dem Krankenhaus suchten Taliban-Kämpfer nun nach "verwundeten feindlichen Soldaten".

Ein afghanischer Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte am Telefon: "Wir verstecken uns im Bad. Wir haben alle große Angst. Wir hören Schüsse rund 50 Meter entfernt von uns. Raketen fliegen durch die Gegend und wir können Hubschrauber hören, die auf die Taliban schießen. Alle Ausländer sind zum Flughafen, die einzigen, die noch hier sind, sind die Einheimischen." Ein westlicher Mitarbeiter einer Hilfsorganisation sagte, mehrere Ausländer seien am Flughafen versammelt. "Die Lage ist wirklich schlecht."

Ein solches Horrorszenario hätte sich niemand vorstellen können, als die Bundeswehr ihren zehnjährigen Einsatz in Kundus im Jahr 2003 begann. Damals war die Provinz eine der sichersten im Land, der Standort wurde unter Soldaten als "Bad Kundus" verspottet. Doch im Laufe der Jahre verschlechterte sich die Lage in der strategisch wichtigen Provinz erheblich. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr deutsche Soldaten als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan.

Die Bundeswehr unterhält weiterhin ein Feldlager mit 600 deutschen Soldaten in der rund 150 Kilometern Luftlinie entfernten nordafghanischen Provinzhauptstadt Masar-i-Scharif - was den bedrängten Menschen in Kundus aber wenig nützt. Der Kampfeinsatz der Bundeswehr und der Nato in Afghanistan lief Ende vergangenen Jahres aus, weil die vor allem Amerikaner darauf drängten. Der Auftrag lautet nun: Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte.

Besonders gut informiert über die bedrohlichen Entwicklungen in Kundus scheint die Bundesregierung trotz der Anwesenheit der deutschen Soldaten in Nordafghanistan nicht zu sein. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte am Montag in Berlin, sie habe über die Medien von der Offensive gehört. Wie sich "die Lage aktuell darstellt, das weiß ich nicht". Der damalige Außenminister Guido Westerwelle hatte bei der Übergabe des Bundeswehr-Feldlagers in Kundus an die Afghanen vor zwei Jahren versprochen: "Wir kehren den Menschen in Afghanistan nicht den Rücken."