Es ist gut und richtig, dass die Festspielleiterinnen ihm nahegelegt haben, auf seine Auftritte in der Neuinszenierung zu verzichten. Selbst wenn das Hakenkreuz, das der vormalige Rockmusiker sich in jüngeren Jahren auf die Brust tätowieren ließ, von einem anderen Tattoo unkenntlich gemacht und ohnehin nicht sichtbar sein sollte, wäre es schlichtweg ein Unding, wenn die mit ihrer braunen Vergangenheit für immer gebrandmarkten Festspiele einen Solisten beschäftigen, der auf Youtube für jedermann erkennbar nationalsozialistische Symbole auf seiner Haut trägt.

Zwar bedauert Nikitin seine Tattoos in seiner Verzichterklärung vom Samstag als großen Fehler, aber in der "Aspekte"-Sendung am Freitag hörte sich das noch ganz anders an. Zwischen den "good crazy things", wie junge Menschen sie eben anstellten, und dem Wunsch, dass er es niemals getan hätte, ist eine große Kluft. Dass die Tätowierungen schaden könnten, scheint weder ihm noch seiner Agentur noch zunächst den Festspielchefinnen in den Sinn gekommen zu sein. Im Gegenteil: Als Vermarktungsstrategie waren sie sogar willkommen - auch für Katharina Wagner, die sich bekanntlich gern als Heavy Metal-Fan verkauft.

Trotz der einzig richtigen Entscheidung müssen Eva Wagner-Pasquier und vor allem die internetaffine Katharina sich fragen lassen, warum ihnen erst kurz vor der Premiere aufgefallen sein soll, dass Nikitins Tattoos ein Problem sein könnten. In einer Zeit, wo schon Grundschülern eingeschärft wird, rechtzeitig über ihre Bilder im Netz nachzudenken, weil später jeder Personalchef Stellenbewerber erst mal googelt, ist das schon sträflicher Leichtsinn - und verantwortungslos gegenüber dem Regisseur und den anderen Mitwirkenden.

Wie immer sind die beschwichtigenden Sätze, die Pressesprecher Peter Emmerich dazu geäußert hat, mehr als dünn. Dass keiner etwas gewusst haben will, erstaunt schon deshalb, weil erstens gerade Debütanten in jedem Theater der Welt auf große Neugier und viel Klatsch stoßen. Und zweitens hätte die weithin bekannte Ganzkörpertätowierung eines Solisten, der einen fluchbeladenen Schiffskapitän darstellen soll, natürlich schon im Vorfeld Gedanken darüber auslösen können, ob man das auch für die Figur nutzen könnte. Wie auch immer: "Die Frist ist um" für den fliegenden Holländer Nikitin. Ob das auch für die Festspielleiterinnen gelten wird, die just auf sieben Jahre verpflichtet wurden, weiß jetzt noch keiner. Aber mit Flüchen kennen sich ja hinlänglich aus.

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