Jede "Ring"-Inszenierung hat ihre Höhen und Tiefen, und das spiegelt der gleichwohl umjubelte Münchner "Siegfried" in jeder Beziehung wider. Die Premiere von Richard Wagners drittem Teil der "Ring"-Tetralogie am Sonntag erzeugte ein Wechselbad der Eindrücke und Gefühle - mit wiederum großartigen Solisten und einer Statistenhundertschaft, die diesmal allzu sehr an der Oberfläche klebt und leider seltener jene Assoziationsräume schafft, die der Zuschauer braucht, um sich nicht bloß unterhalten zu fühlen. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Der visuelle Overkill fängt im 1. Akt schon damit an, dass die Schmiede von Zwerg Mime gleichsam immer wieder auseinanderfliegt, damit Erzähltes durch konkretes Nachstellen illustriert werden kann. Wenn Mime Siegfried über dessen Herkunft Auskunft gibt, sieht man im Hintergrund einen weiteren Mime, der hilflos bei Siegfrieds Geburt zuschaut, wenn Mime in Wotans Fragespiel von den Riesen spricht, tauchen diese wieder auf jenen Menschenblöcken aus dem "Rheingold" auf.


Dreifacher Waldvogel im Märchenwald


Der Grundgedanke eines zauberischen Märchenwaldes als Spielort ist zwar schön, aber das Gros der Körperbilder, die Doppelungen und Vervielfachungen zahlen sich nicht aus. Dass der Waldvogel gleich in drei Versionen zu sehen ist - als flatternder Vogel auf einer Stange, den eine mit den Gließmaßen flatternde Tänzerin führt, sowie als die konkrete Sängerin, die mit gefiederten Fächern herumflattert - bringt keinerlei Erkenntnisgewinn.

Wenn es ans Schwertschmieden geht, bauen die Statisten wie in den aufwändig illustrierten "Wie funktioniert das?"-Büchern eine eher mittelalterlich anmutende Maschinerie auf, bewegliche heutige Regenwurmröhren inklusive, als witzige Anspielung auf Siegfrieds erwachende Sexualität. Kurz: Es wird herumgewimmelt und -gewuselt auf Teufel-komm-raus, mit immer wieder schönen Details. Die Idee vom kollektiven Erzählen macht Spaß, wenn eine Statistin den Amboss sichtlich gestresst mit Flitterkram befüllt, damit bei Siegfrieds Hammerschlägen auch schön die Funken stieben oder wenn Mime seinen Gifttrank von Statisten zwangsvorkosten lässt.


Im Dickicht disparater Einfälle



Aber schon der an sich beeindruckende, aus Statistenleibern gebaute Drachenkopf zeigt die Grenzen des Körperbildersystems: Der Kampf ist ein Pseudokampf und geht ins Leere, die zuvor so eindringliche und beklemmende Szenerie der mit angeketteten Menschenleibern gefüllten Gitterwand zum Fürchtenlernen bleibt folgenlos. Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald Thor sind im Dickicht disparater Einfällen stecken geblieben und schaffen erst im 3. Akt den Befreiungsschlag.

Hier herrscht plötzlich jene Art von stilistischer Klarheit und Geschlossenheit, die es braucht, damit das Publikum sich auch eigene Gedanken machen kann. Wie sich die Statistenschar zu einer unüberwindlich scheinenden Mauer formiert, wie diese archaisch geschminkten, nackt wirkenden Wesen hinter der Plastikfolie für einen Moment plötzlich Gedanken an die Gaskammernschrecknisse evozieren, wie sie dann mit entsprechender Beleuchtung den Feuerring um Brünnhildes Felsen bilden, das sind große Momente.


Ein Bilderbuch-Siegfried


Die noch größeren sind natürlich den Solisten vorbehalten. Lance Ryan ist zu Recht der momentan am meisten gefragte Jung-Siegfried. Auch an weniger guten Tagen und mit einem gefährlich langsamen Dirigenten wie Kent Nagano steht er die stimmlichen Strapazen verlässlich und weit mehr als solide durch, was allerdings auf Kosten der lyrischen Passagen in dieser Monsterpartie geht. Darstellerisch reicht ihm derzeit keiner auch nur annähernd das Wasser. Dass ein gestandenes Mannsbild soviel Jugendlichkeit ausstrahlen kann, ist einfach umwerfend.

Die bekanntermaßen nur im 3. Akt, also ausgeruht singende Brünnhilde Catherine Naglestad wurde noch mehr bejubelt. Eine derart stimmmächtige und doch fein differenzierende, sauber und unangestrengt intonierende, himmelhochjauchzende Walküre zu erleben, die auch als Bühnenfigur absolut glaubhaft agiert, ist selbst für altgediente Wagnerschlachtrösser im Publikum eine seltene Kostbarkeit.


Ein Zwerg mit viel Potenzial


Thomas J. Mayers Wanderer hatte es dagegen schwer, schon einfach deshalb, weil Wolfgang Kochs Alberich ihn im 2. Akt mit mächtiger Präsenz in Grund und Boden sang. An einem kleineren Haus wäre Mayer sängerdarstellerisch ein idealer Wotan, das Nationaltheater ist für seine ausdrucksvolle Stimme doch (noch?) eine Nummer zu groß. Was man von Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Mime nicht behaupten kann. Im Gegenteil: Ein Mime, der über alle charaktertenorischen Finessen gebietet, dem man aber auch stimmschönere Partien anvertrauen kann, ist ebenfalls eine Rarität.

Anna Virovlanskys Waldvogel, Jill Groves Erda und Rafal Siweks Fafner rundeten die insgesamt hochrangige und mit Getrampel gefeierte Solistenriege ab. Das Bayerische Staatsorchester musizierte einen selten lauten, eher transparenten, von Generalmusikdirektor Kent Nagano in manchen Arien und Dialogen allerdings zuweilen behäbig-langsam dirigierten Wagner. Durchbuchstabieren erhöht zwar die Wortverständlichkeit, ist aber Gift selbst für jene Sänger, die unkaputtbar scheinen.


Termine und Karten



Weitere Vorstellungen am 31. Mai und 3. Juni sowie bei den Münchner Opernfestspielen am 6. und 13. Juli. Karten-Info unter Telefon 089/21851920. Die "Götterdämmerung" hat am 30. Juni Premiere. Mehr Informationen auf der Homepage der Staatsoper.

Lesen Sie hier noch einmal die Kritiken des ersten und zweiten Teils der Münchner Ring-Inszenierung.