Was bleibt von der "Robyn Hod"-Premiere der diesjährigen Calderón-Spiele? Ein zur Ader gelassener Titelheld, drei "Emanzen" auf der Flucht, die ein oder andere platte Zote, eine peinlich berührende Belobigung des scheidenden Intendanten zum großen Finale und ein sehr verhaltener Schlussapplaus vonseiten des Publikums.

Doch der Reihe nach: Mit Rainer Lewandowskis Freilichtfassung der Geschichte des grün gewandeten Bogenschützen aus dem Sherwood Forest beschließt das E.T.A.-Hoffmann-Theater die diesjährige Spielzeit in der Alten Hofhaltung; mit diesem Stück endet auch die Ägide des Intendanten Lewandowski sowie das Engagement eines Großteils des Ensembles an diesem Haus.


"Eine Zumutung"

Da Regisseur Georg Mittendrein angekündigt hatte, sich in seiner Inszenierung eng an die Vorgaben des Autors halten zu wollen, muss es wohl die Textfassung
sein, die ein ansprechendes Freilichttheater verhindert. Freilich, letztlich kommt bei einer solchen Theaterkritik auch immer ein Schuss persönlicher Geschmack hinein; und womöglich ist es nicht sehr höflich, den scheidenden Intendanten allzu hart zu kritisieren. Doch wenn schon die der Rezensentin unbekannte Sitznachbarin raunt, dass es eine Zumutung sei, was da gerade geboten werde, dann muss Kritik erlaubt sein, denn Lewandowskis Robin-Hood-Variante ist mehr enervierend als amüsant.

Zwischen einem Burgaufbau und einem Lager im Wald rund um ein Feuer (Ausstattung: Jens Hübner) sind Robyn Hod (Matthias Tuzar als jugendlicher Freischärler) und seine Merry Men mehrmals in Kämpfe - präzise choreografiert von Tamás von Mandy und Peter Kolloch - mit dem Sheriff Osbert de Lacy (Volker J. Ringe mit gewohnt großer Präsenz) verwickelt. Dazwischen soll die Wahl einer neuen Maikönigin unter den Waldbewohnern stattfinden; was dies zur Handlung beiträgt, bleibt jedoch kryptisch. Letztlich muss Maid Marian - Nadine Panjas und Matthias Tuzar gehen als verliebtes Paar seltsam steif miteinander um - aus den Fängen des Sheriffs befreit werden, wobei Florian Walter als Kopfgeldjäger Guy of Gisborne, der sich in die Gruppe als Spitzel eingeschlichen hat, keinen Raum für das Ausspielen der Intrige bekommt. Unterbrochen wird die allenfalls lose miteinander verbundene Handlung von schrägen Gesängen (musikalische Leitung: Franz Tröger) eines Troubadix-Barden (Ulrich Bosch), die weniger komisch als vielmehr lästig sind.


Konturlose Gestalten

Die Figuren in Lewandowskis "Robyn Hod" sind konturlose Gestalten: So sehr sich das Ensemble auch müht, bleiben die Charaktere doch blass. Ein triebgesteuerter Abt (Eckhart Neuberg) und eine schwangere Nonne (Iris Hochberger) provozieren, so scheint's, ein Donnergrollen am gewittrigen Sommerhitzehimmel, als Letztere dem Kirchenmann in den Schritt langt, zumal in "Robyn Hod" auch sonst mit ordinären Witzen nicht gespart wird. Pseudo-aktuelle Verweise ("Es gibt keine Steuermoral mehr heutzutage.") und einfallslose Zitate, etwa aus Erich Frieds "Was es ist", komplettieren die spannungslose, auseinanderfallende Darbietung.

Zum Ärgernis wird "Robyn Hod" in der Schlussszene, in der die imaginäre Wand zum Publikum geöffnet wird und eine Lewandowski-Eloge beginnt, die sich an die intendierte Parallelführung von Robyn Hod alias Lewandowski als vormals erfolgreichem und treusorgendem Anführer respektive Intendant seiner Merry Men bzw. seines Ensembles anschließt. Nietzsches "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können" müssen die Darsteller dabei ebenso rezitieren, wie sie folgenden Schlussappell verkünden: "In der Abwesenheit wird klarer zu erkennen sein, was man zuvor hatte." Da beginnen auch schon die ersten Tropfen eines leichten Sommerregens vom Himmel zu fallen; ob aus Rührung oder aus Betroffenheit über solches Pathos, sei dahingestellt.