Berlin
Satire

Wiglaf Droste - Deutschlands schärfster Satiriker

Es wird in diesen Tagen viel salbadert über Satire, das Recht darauf und wie sie doch zur "Freiheit" resp. "dem Westen" oder der "Wertegemeinschaft" gehöre. Man reibt sich Augen und Ohren und fragt sich, ob diese Heuchler jedweder Provenienz, von der Sozialdemokratie über alle Konfessionen und Religionen über die Grünen bis zu Gauck je mit wirklicher, bösartiger - ja: auch verletzender - Satire konfrontiert worden sind und nicht nur mit Karikaturen in der "Bäckerblume" oder ihrer Tageszeitung.
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Wiglaf Droste  Foto: tomprodukt
Wiglaf Droste Foto: tomprodukt
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Sicher nicht. Man möchte sie festbinden und ihnen Sätze wie diesen vorlesen: "Bioläden haben etwas bedrückend Peinliches an sich, etwas grün wählend Gattinnenhaftes, ja Breitarschiges, Marke: Geld spielt keine Rolle, mein Mann hat's ja." Oder diesen Kommentar zu einer Landtagswahl: "Die Abwahl von Altfäkalien hat den Preis neuer Gülle ... Wer Claudia Roth zuhört, weiß, dass die Grünen nicht aus ästhetischen oder mentalen Gründen gewählt werden ... angesichts einer so routiniert gesichtsbreitgetretenen Abgeledertheit." Oder gehen wir ans Eingemachte: "Das religiöse und das nationale Gerede haben vieles gemeinsam. Bei beidem muss salbungsvolles Pathos den nicht vorhandenen Verstand ersetzen, beides kostet den, der es von sich gibt, nicht das geringste an geistiger oder materieller Anstrengung, beides lenkt von der wirklichen Wirklichkeit ab, und beides bildet den Nährboden für Massenhysterie und Krieg." Dann gleich noch mal eine Schraubendrehung weiter: "Irgendwann muss jeder dran glauben, heißt es, aber an Gott glauben, an die Mischung aus Zynismus und Brutalität, muss niemand. Gott ist der Tod, Christen sind Todesanbeter. Möge ihr Gott mit ihnen sein."

Jetzt darf tief durchgeatmet werden. Das ist Satire, werte Satirekenner und -verteidiger. Der das geschrieben hat in seinem jüngsten Sammelband "Der Ohrfeige nach", nennt sich, unter anderem, Satiriker. Doch Wiglaf Droste, Jahrgang 1961, nach Lehr- und Wanderjahren als Tageszeitungsjournalist, Werbetexter, Musiker auch, Redakteur, ist unter den umherschweifenden Autoren aus dem "Titanic"-Umfeld einer der produktivsten, nach etlichen Buchveröffentlichungen und Hunderten von Lesungen landauf, landab wohl das auch, was man (einigermaßen) etabliert nennt. Wobei einer wie Droste niemals fernsehkompatibel wäre und sich aus guten Gründen der Vermarktung so weit wie möglich fernhält.

Wiglaf Droste ist ein Meister der kleinen Form, die er als Sprachglosse, als Alltagsbeobachtung, als Miniessay pflegt. Ihn quält das halbalphabetische Gejaule der Werbefuzzis, das Gestammle der Fußballkommentatoren, die Phraseologie eines Dummbeutel-Journalismus ("Der Plapperstorch hat ein neues Wort gebracht, und der Journalismus, die Babyklappe des Analphabetismus, saugt es begierig ein und auf"). Wörter wie "Rasenpapst", "Beziehung", "abgrenzen", "gestalten", die sich in den Alltag eingeschlichen haben wie Unkraut in die Blumenwiese, seziert er und richtet sie dann hin. Bzw. natürlich nicht die Wörter, sondern die Haltung, die dahinter steht - die des Konsumismus, der besinnungslosen Affirmation, des rasenden Neoliberalismus und der psychischen Deformationen, die der erzeugt.

Kein beckmesserischer Oberlehrer ist er deshalb, sondern ein klassischer Satiriker. Ein auch ästhetisch beleidigter Moralist, dem z. B. die unzumutbare Freizeitkleidung der, nun ja, Mitmenschen im Sommer unerträglich ist, ein "aufklärungsverpflichteter Gedankenarbeiter", wie er sich sehr schön selbst beschreibt. Im Zweifel immer noch links, obwohl er die Blödheiten der Linken klar sieht und beschreibt. Einer, der auch sehr zart loben kann, Musik, schöne Filme, gutes Essen, die Liebe liebt und sich wundert, warum das nicht alle tun und ansonsten Ruhe geben. Ist er resigniert? Ja, schon. "Dass Vernunft und Aufklärung sich durchsetzen gegen die Doofheit der Religion. Dass der Kommunismus eine gute Idee wäre und eben nicht auch religiöser Wahn" erscheint ihm als abgeworfener Ballast auf der Lebensreise. Kurt Tucholsky resignierte schließlich auch. Wenn einer sich Nachfolger des großen Mannes in Deutschland nennen darf, dann Wiglaf Droste.

Wiglaf Droste: Der Ohrfeige nach. Neue Geschichten, Sprachglossen und Miniaturen. Berlin: Edition Tiamat 2014. 207 Seiten, 14 Euro