Nürnberg
Premiere

"Wie es euch gefällt": wunderbare Shakespeare-Komödie in Nürnberg

Frank Behnke macht am Nürnberger Staatstheater aus William Shakespeares Komödie "Wie es euch gefällt" ein ironisches Spektakel mit einem großartigen Ensemble.
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Während Orlando (Julian Keck) schwebend zum Kampf ansetzt, verharren (v. l.) Le Beau (Jochen Kuhl), Celia (Lilly Gropper), Touchstone (Frank Damerius), hinten der neue Herzog (Pius Maria Cüppers), Rosalinde (Josephine Köhler), Oliver (Marco Steeger) bass erstaunt.  Foto: Marion Bührle
Während Orlando (Julian Keck) schwebend zum Kampf ansetzt, verharren (v. l.) Le Beau (Jochen Kuhl), Celia (Lilly Gropper), Touchstone (Frank Damerius), hinten der neue Herzog (Pius Maria Cüppers), Rosalinde (Josephine Köhler), Oliver (Marco Steeger) bass erstaunt. Foto: Marion Bührle
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Nein, der Regisseur hat der Versuchung nicht nachgegeben. Alle Verweise oder auch nur Anspielungen auf aktuelle Genderdebatten, auf "Metoo" und den in medialen Internet-Blasen tobenden Geschlechterkampf verkniff sich Frank Behnke. Und das ist verdammt gut so.
Bietet doch die Komödie nach über 400 Jahren noch immer reichlich Stoff zum Staunen, zum Bewundern, wie artifiziell da ein Autor der elisabethanischen Zeit das Motiv "Theater im Theater" umgesetzt hat, zum Amüsement - kurz: Stoff für Hirn und Herz. Wobei im Jahr 2018 naturgemäß das Spiel um Liebe, Geschlechterrollen, Hass und märchenhafte Versöhnung ohne eine gehörige Portion Ironie nicht funktionieren kann.
Regisseur Behnke ist das zusammen mit seinem Bühnenbildner Peter Scior hervorragend gelungen. Der Hof wird angedeutet durch nackte Metallgitter, die sich als Ardennerwald dann zu einem Berg aus Eisen und Draht türmen - da bleibt wenig vom arkadischen Idyll. Die Figuren in ihren zerfledderten Kostümen (Ayse Özel), mal dekonstruierte Uniformen, mal hippiesk, mal karikierter Freizeit-Look, liegen apathisch unter dem Drahtverhau oder turnen akrobatisch darauf herum - schon das schafft Distanz zum pastoralen Utopia. Keine Zuflucht, nirgends.


Ringkampf in der Luft

Wobei die Szenen zu Beginn, im Umkreis des dämonisch-diktatorischen neuen Herzogs (Pius Maria Cüppers) zu den eindrucksvollsten dieser Inszenierung geraten sind. Nicht genug zu loben, dass der Text (Übersetzung Jürgen Gosch und Angela Schanelec) weitgehend beibehalten wurde und nicht wie manchesmal die Hof-Exposition wegfiel. Da dräut der Herrscher von oben donnernd wie ein Big Brother, da gelingt ein theatertechnisches Kabinettstück: Frei schwebend tritt Orlando (Julian Keck) den Kampf gegen einen großartig grimassierenden und bramarbasierenden Ringer Charles (Nicola Lembach) an, der dann blutverschmiert über die Bühne geschleift wird - am Drahtseil hängend entschwindet auch der unbarmherzige Diktator im Nirwana des Bühnendunkels. Dies alles untermalt von der düsteren Musik Malte Preuß', die klingt wie ein Gemisch aus 70er-Jahre-Krautrock-Psychedelia und Ambient, mehr als ein Tüpfelchen auf dem i dieser Inszenierung.
Die eigentliche Hauptperson der Komödie ist ja Rosalinde/Ganymed (Josephine Köhler). Ihr gelingt, die auch durch ihre Kleidung angedeutete Wandlung vom noch eher unbedarften Girlie, gespiegelt in der Cousine Celia (Lilly Gropper), über den raffinierten Ganymed zur gereiften und selbstbewussten Frau virtuos auf die Bühne zu bringen. Wobei die Leistungen ihrer Kolleginnen und Kollegen den ihren kaum nachstehen. Die Nürnberger Schauspiel-Schlachtrösser Pius Maria Cüppers als neuer Herzog und Amiens, Jochen Kuhl als dessen exilierter Bruder und Höfling Le Beau, besonders Frank Damerius als Hofnarr Touchstone brillieren wie gewohnt. Wobei wir Heutige die Einsprengsel dieses Außenseiters und des Misan-thropen Jaques (Heimo Essl mit Iro-Schnitt) mit Kopf nickendem Einverständnis rezipieren - Schopenhauers pessimistische Philosophie in knapp 30 Versen zusammengefasst.
Modern und ironisch, aber kein Klamauk: Auch nicht in der Beziehung zwischen Silvius (Janco Lamprecht) und Phebe (Svetlana Belesova), die mit Sadomasochismus kokettiert, auch nicht in der deutlich von der Physis geprägten Liebe zwischen Touchstone und Audrey (ebenfalls Nicola Lembach). Den Konventionen der Zeit entsprechend, musste Shakespeare seine Komödie mit einem Happy End schließen. Ein Märchen. Alle finden sich, die verfeindeten Brüder - gut auch Marco Steeger als Oliver - fallen sich in die Arme, und sogar der böse Herzog wird geläutert. Das gibt es nur im Theater. Was jedoch nicht als Kitsch empfunden wird, sondern mit der nötigen ironischen Distanz erträglich wird. Was auch das Publikum fand und heftig applaudierte.

Termine und Karten
Weitere Vorstellungen

17., 23., 25. 27. April; 12., 17., 19., 26., 27. Mai, 6., 9., 14., 17., 24. Juni; 5. 13., 18. Juli
Karten
Tel. 0180/1344-276; E-Mail: info@staatstheater.nuernberg.de
Dauer ca. 2,5 Stunden, eine Pause