Leipzig trägt zu Pfingsten schwarz. Das hat inzwischen Tradition: Seit fast 30 Jahren kommen Menschen aus aller Welt in der sächsischen Metropole zusammen, um gemeinsam Musik, Kultur, schöne Veranstaltungsorte und einfach das Gefühl zu feiern, sich mit Gleichgesinnten zu treffen.

Die Welt ist ein Dorf - und die schwarze Szene erst recht

Veranstalter wie Teilnehmer betonen immer wieder, dass das Festival mit gutem Grund seinen Namen trägt, denn das WGT ist für viele tatsächlich mehr "Treffen" als Festival, eine Art Familientreffen. Und tatsächlich ist es so, dass langjährige Besucher nicht nur Freunde und Bekannte treffen - irgendwie sieht man immer wieder die gleichen Leute.

Das ist kein Anzeichen von Langeweile oder dröger Wiederholung, sondern hat etwas von Nachhausekommen. Die Welt ist eben doch ein Dorf - und die Gothicszene umso mehr.

Die Besucherzahlen sind nach wenig guten Erfahrungen vergangener Jahre auf stabilem Niveau - jährlich treffen sich um die 20.000 Menschen in Leipzig zum WGT. In diesem Jahr waren es 21.000. Die Veranstalter sind mit dem Besucherandrang zufrieden - die Grufties waren aber nicht nur mit Flanieren und Posieren beschäftigt, sondern besuchten auch rege die angebotenen Veranstaltungen.

Großer Andrang beim Viktorianischen Picknick

Diese reichten von Konzerten bis zu Ausstellungen, Führungen, Lesungen und Theateraufführungen. Wie in den letzten Jahren gab es auch Freikontingente für Festivalbes ucher für Opernaufführungen und Kinobesuche.

Großen Zulauf erhielt auch das "Viktorianische Picknick", das traditionsgemäß am Freitagnachmittag stattfand. Die Zahlen dieses Jahr sprengten jeden Rahmen - laut Veranstalter waren rund 10.000 Menschen anwesend. Viele davon waren aber keine Festivalbesucher, sondern Leipziger, die sich das Kostümspektakel, bei dem viele aufwändige Kostüme zur Schau stellen, nicht entgehen lassen wollten.

Ein volles Dorf - große Mittelalterbands

Das "Gotenglotzen", wie es manch Schaulustiger scherzhaft selbst bezeichnet, ist inzwischen eine beliebte Freizeitbeschäftigung vieler Leipziger am Pfingstwochenende. Das zeigt das große Interesse und sorgt für manch interessanten Austausch, heißt aber auch, dass etwa vor dem Agra- Messegelände teilweise nur schwer durchzukommen ist, wenn viele Schaulustige vor den Toren ausharren, um zu gucken und das ein oder andere Bild zu machen.

Auch das Heidnische Dorf, der große Mittelaltermarkt im Rahmen des WGT, fand großen Zuspruch. Hier können Besucher ohne Festivalbändchen Tagestickets kaufen, um das Flair des Marktes zu genießen - Bandauftritte inklusive.

Sicherheit ist kein Problem beim WGT

Große Namen, gutes Wetter - das sorgte in diesem Jahr für ein volles Heidnisches Dorf. Für manchen Besucher war das eher enttäuschend, denn gemütliche Atmosphäre kommt nur schwer auf, wenn man bei Hitze und Sonnenschein kaum einen Platz zum Sitzen findet und gefühlt die halbe Zeit in Warteschlagen für Essen, Trinken und Toiletten verbringt. Die Stimmung war dennoch ausgelassen, was wohl auch an Top-Acts wie In Extremo, Faun oder Schandmaul lag.

Wenn der Andrang an einigen Veranstaltungsorten subjektiv sehr hoch war - das Festival erschien teilweise etwas voller als in vergangenen Jahren - die Bilanz in Sachen Sicherheit ist im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen sehr gut. Die Polizei hatte kaum zu tun und das ist erstaunlich bei einem mehrtägigen Festival, bei dem viele Menschen auf engem Raum feiern, tanzen und der ein oder die andere auch einiges an Alkohol konsumiert.

Auch der Müll, der anderen Festivals wie Rock im Park große Probleme bereitet, ist auf dem Zeltplatz des Wave Gotik Treffens kein Grund zur Besorgnis. Die soziale Kontrolle und das Verantwortungsbewusstsein innerhalb der schwarzen Szene scheinen zu funktionieren.

Es wird politisch: Der große Trauermarsch für das Artensterben

Dass Bewusstsein für die Umwelt vorhanden ist, zeigte auch der Montag: Die Macher der WGT-Guide-App sowie Extinction Rebellion hatten zu einem Trauermarsch für die aussterbenden Arten aufgerufen. Vom Bayerischen Bahnhof aus sollte sich ein Zug in Bewegung setzen, der nach einer Zwischenkundgebung an der Moritzbastei in einem "Die In" am Bahnof gipfeln sollte.

Laut Anmelder der Demo wurden etwa 200 bis 500 Teilnehmer erwartet, am Ende waren es zeitweise bis zu 2000. Mit Schildern wie "Ich möchte kein Eisbär sein - am warmen Polar" (In Anspielung auf den 80er-Jahre-Hit von Grauzone) ausgestattet, machten sich die Trauernden auf den Weg, gemessenen Schrittes und - natürlich - in schwarz gekleidet.

Der Marsch verlief friedlich und ohne Störungen, gesprochen wurde wenig, ein Trommler schritt voran, gefolgt von einem von sechs Aktivistinnen getragenen Sarg. An der Moritzbastei sprach Marc Bennecke, Kriminalbiologe und Klimaaktivist, zu den Versammelten über die Konsequenzen unserer Lebensweise für die Natur. "Wir sind mittendrin im sechsten großen Massensterben der Erdgeschichte", wies Bennecke auf die Ernsthaftigkeit der Situation hin. Zuletzt waren so viele Arten vom Aussterben bedroht, als die Dinosaurier von der Erde verschwanden.

Am Willy-Brand-Platz am Hauptbahnhof in Leipzig schließlich spielte die Band "Feline & Strange" und auf das abgesprochene Signal hin- das letzte gesungene Wort "die" - legten sich über 1000 Menschen auf den Boden, ein beeindruckendes Bild und ein Zeichen.

Danach folgte noch ein Redebeitrag und die Veranstaltung fand ein Ende. Anmelder waren beeindruckt von dem großen Zulauf und der beeindruckenden Resonanz, die zeigte: Auch die schwarze Szene, die sich in Teilen als bewusst unpolitisch geriert und mit Weltabgewandtheit kokettiert, ist alles andere als indifferent, wenn es um wichtige politische Themen geht.