Immerhin drei neue Erkenntnisse hat die Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele 2013 gebracht: Erstens ist "Ring"-Regisseur Frank Castorf ein mit viel (Selbst-)Ironie gesegneter Alleinunterhalter, zweitens ist der seit Mitte Mai in der Festspielleitung tätige Heinz-Dieter Sense, so, wie ihn Pressesprecher Peter Emmerich vorstellte, als Geschäftsführender Direktor angestellt, und drittens sind die englischen Sprachkenntnisse der Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner auf peinliche Weise dürftig. Was letztere jedoch nicht davon abhielt, zu sagen, als Besonderheit zu preisen, dass die Eröffnungspremiere "live-live" in 200 Kinos und zeitversetzt auch in der ARD zu erleben sei.

Das Podium war diesmal gleich von zwei Männern flankiert: links außen Heinz-Dieter Sense, der neue kaufmännische Mitarbeiter der Festspielleitung, rechts außen Wolfgang Heubisch, Bayerns Kultur- und Wissenschaftsminister, der
versicherte, dass der Freistaat die Festspiele auch weiterhin stärken und nachhaltig unterstützen wolle. Die "Ring"-Neuinszenierung bezeichnete er als "hoch spannend": "Da ist Pfeffer drin, in der Kombination Frank Castorf und Kirill Petrenko."

Ostdeutsche Emfpindlichkeiten

Vom Leitungsteam der "Ring"-Neuinszenierung, deren Premierenreigen heute mit "Das Rheingold" startet, fehlte zwar der musikalische Leiter Kirill Petrenko, aber die hauptverantwortlichen Szeniker waren komplett vertreten: Frank Castorf (Regie), Aleksandar Denic (Bühnenbild) und Adriana Braga Peretzki (Kostüme).

"Wir sind", konstatierte der gerade 62 Jahre alt gewordene Regisseur, "ein Außenseiter-Team - ein Ostdeutscher, ein Serbe, eine Schwarze aus den brasilianischen Favelas und ein Russe." Zwar witzelte er zunächst darüber, dass die Festspieleröffnung mit dem "Holländer" wieder ein Zeichen dafür sei, dass Ostler immer schlecht behandelt würden. Dann aber bekannte er, dass Bayreuth auch für ihn etwas Besonderes sei. Woanders - in Wien oder auch in Ingolstadt - hätte er den "Ring" bestimmt nicht gemacht. "Vaterfiguren werden wichtiger für uns", sagte er, der er selbst bestimmt kein lupenreiner Demokrat sei - und bezog das konkret sowohl auf autobiografische Stationen im Leben Richard Wagners als auch auf Bertolt Brecht, der ihn sehr geprägt habe.

Was die "Ring"-Tetralogie betrifft, so habe er und sein Team versucht, eine Zeitreise mit Zeitsprüngen auf die Bühne zu bringen, ausgehend von "einer fad gewordenen Gegenwart, von der aus ein Aufbruch in die Illusion stattfindet". Auf die Frage, was für uns heute das Gold sei, habe er als Antwort Öl gefunden. "Öl kann man nicht essen, ohne Öl funktioniert seit mindestens 150 Jahren nichts." Deshalb spiele das "Rheingold" in einer imaginären Tankstelle samt Motel an der Route 66 in den USA, weitere Stationen des vierteiligen Zyklus seien Aserbaidschan, der Mount Rushmore und die Wallstreet. "Und überall sind Kameras, alles wird gefilmt."

Trotz der konkreten Bilder sei alle Eindeutigkeit falsch. "Das alles soll nur flüchtig aufscheinen, das sind Zitate, die kurz wie eine Sternschnuppe auftauchen." Es sei ein Spiel mit einem anderen Realismus, so ähnlich wie in "Underground", einem seiner Lieblingsfilme von Emir Emir Kusturica, den ebenfalls Aleksandar Denic ausgestattet hatte. "Wenn wir nach Rio kommen, atmen wir immer freier. Genau das wollten wir nach Bayreuth bringen." Was zumindest beim Waldvogel klappen dürfte, denn der wird ein Sambakostüm tragen.

Keine Nazi-Anspielungen

Auf die Frage, warum er bei den östlichen Potentatenköpfen seines Mount Rushmore nicht auch noch Adolf Hitler untergebracht habe, sagte Castorf: "Ich kann diese eindeutigen Zuordnungen nicht mehr sehen. Es geht uns mehr um das Antipodische in Russland und Amerika." Außerdem wolle er anderen mit seiner Inszenierung nicht auch noch die eigene deutsche Weltgeschichte aufoktroyieren. Deshalb habe er bewusst auf Nazi-Anspielungen verzichtet.

Was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht legt Katharina Wagner 2015 damit in ihrer "Tristan"-Inszenierung nach. Oder 2016 dann Jonathan Meese im "Parsifal", falls bis dahin geklärt ist, ob der Hitlergruß zur künstlerischen Freiheit gehört oder nicht.

Apropos Freiheit: Mit der Pressefreiheit nimmt man es bei den Bayreuther Festspielen bekanntlich nicht so genau. Zwar gab es exakt vor einer Woche - nach umfänglichen Protesten von Chefredakteur Frank Förtsch auch für unsere Zeitung Pressekarten für alle Bayreuth-Premieren. Aber die Festspiele üben auch auf andere Weise eine Art Zensur aus: Bei der gestrigen Pressekonferenz durfte erneut keines der zahlreich angereisten TV-Kamerateams filmen und wurde vertröstet mit kostenlosem Filmmaterial der Festpieltochterfirma BF Medien GmbH.

Die übrigens den "Fliegenden Holländer" demnächst auch als DVD herausbringen. Ähnliches hat man von der ungleich bedeutenderen "Parsifal"-Aufzeichnung noch nicht gehört. Warum eigentlich?