An diesem Wochenende trifft sich in der Konzerthalle der Verband deutscher Musikschulen (VdM). Die Besucher tauschen sich drei Tage lang u. a. über Musikdidaktik für Kinder und Senioren aus, über die Inklusion behinderter Menschen und zum Stand musikpädagogischer Forschung. Nach Angaben des Fach- und Trägerverbands VdM unterrichten bundesweit 38 000 Lehrkräfte an 4000 Standorten ca. eine Million Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Winfried Richter, seit 2005 VdM-Vorsitzender, wird nach dem Kongress abgelöst von Ulrich Rademacher.

40 Millionen Nutzer der Musikschule jährlich. Steht alles zum Besten mit dem deutschen Musikschulwesen?

Es könnte natürlich immer zum Besten stehen, das ist selbstverständlich. Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Länder, da geht es den Musikschulen hervorragend, dazu gehört Bayern.
Musikschule ist ein Bildungsangebot, das hat bestimmte Erfordernisse zu erfüllen, und nur wenn dies erfüllt wird, dann darf sie sich auch Musikschule nennen. Damit kein Etikettenschwindel stattfindet und der Bürger wirklich weiß, was er bekommt. Musikschule ist natürlich auch ein politisches Anliegen. Selbstverständlich weiß man, dass man Menschen an die Kultur heranführen muss, und Schule leistet das im Musikunterricht, aber im Kindergarten muss man schon anfangen, zu singen und zu musizieren, und wenn es darum geht, mit Senioren zu arbeiten, ist auch schon wieder die Musikschule unerlässlich. Zum Besten würde es stehen, wenn dies ganz selbstverständlich in allen Bundesländern der Fall wäre. Das ist es nicht, und insofern haben wir schon manchmal die Klage zu führen. Ich weiß aber, dass die Bevölkerung hinter dieser Idee steht. Nach dem Krieg wurde mit Bürgerbegehren erreicht, dass Musikschulen gegründet wurden. Wenn man das heute vergleichen würde, wäre das so was wie die Umweltbewegung. Man wusste noch intensiver als heute, dass es darauf ankommt, Menschen an die Kultur heranzuführen, und nicht nur Profit, den Konsum von Musik zu sehen, sonder das Selbermachen von Musik, das Erleben von Musik mit anderen und sich selbst durch Musik zu formen. Manchmal hat man den Eindruck, wenn man heute so was sagt, dass man sich selbst bildet, dann wird man angesehen, als ob man von gestern wäre. Das ist Teilhabe an der Kultur, und das werden die Menschen auch fordern.

Stehen die Träger wie hier Stadt und Kreis hinter den Musikschulen, oder haben Sie mit Kürzungen zu kämpfen?
Gut, wir sind ein Trägerverband, und ich werde natürlich nicht auf die Träger schimpfen, aber ich werde ihnen auch nicht nach dem Mund reden. Die Träger stehen hinter den Musikschulen, wenn es um die Politik geht. Es wird kein Politiker sagen, wir brauchen keine Musikschulen, so blöd kann man ja auch nicht sein. Aber es gibt Teile in Deutschland, da ist das Geld knapp, und wenn es im Krankenhaus durchregnet, fragt man sich, muss man erst das Dach machen, oder muss man erst die Musikschule machen? Und das ist das Dilemma. Kultur ohnehin schiebt man dann gerne etwas zurück, weil man sagt, es sollen die finanzieren, die daran teilhaben. Aber was passiert mit denen, die nicht daran teilhaben können, weil sie es sich nicht mehr leisten können? Die Träger stehen dahinter, meinen aber, das kulturelle Schlagloch ist noch nicht sehr groß, wie beim Straßenbau, da fällt noch keiner rein.

Aber in Bayern ist es noch vergleichsweise gut?
Mit Sicherheit. Ich will auch nicht auf die andern schimpfen, die sich ja auch Mühe geben. Da wird der Ball hin- und hergeschoben zwischen Land und Stadt und Kreis und wie auch immer. Das ist in Bayern nicht der Fall, da hat man klare Regelungen.

Beschäftigen Sie haupt- oder nebenamtliche Lehrkräfte?
Grundsätzlich brauchen wir einen hohen Anteil an festen Lehrkräften, gerade weil das Feld, das abgedeckt wird, immer größer wird. Es hätte vor 15 Jahren noch keiner gedacht, dass wir so einen hohen Anteil an Erwachsenen, an Senioren zu betreuen haben. Der Bedarf ist riesig. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass so ein hoher Anteil von Musikschule im Kindergarten, im Kinderhort stattfindet, weil unsere Gesellschaft sich ändert, weil beide Elternteile arbeiten? Dann müssen wir sehen, wie können die Kinder an die Musik herangeführt werden. Es kommen auch wieder die Erwachsenen an die Musikschulen, kommen mit ihren Kindern in Eltern-Kind-Gruppen. Wer das abdecken will, der kann das nicht machen, ich mach das als Hobby nebenbei. Auch wenn der das studiert hat und noch so weit sich fortbildet, der braucht einen festen Arbeitsplatz. Zwei Drittel der Lehrkräfte an der Musikschule müssen angestellt sein.

Welche Klientel bedienen Sie denn außer Kinder und Jugendlichen?
Die elementare Musikpädagogik im Bereich Vorschule, aber nicht nur. Ein großes Thema sind die Senioren. Die früher so genannte musikalische Früherziehung hat etwas mit sozialer Kompetenz zu tun. Das hat mit Sprachentwicklung zu tun, deswegen sollte man mit musikalischer Bildung schon so früh wie möglich ansetzen. Die Menge der Schüler ist gerade in diesem Elementarbereich. Was Musikschule zum Elementarunterricht hinzufügt, das ist das Ensemblespiel. Wo das Instrument nicht nur gelernt wird, sondern in der Gemeinschaft, im Symphonieorchester oder in der Big Band oder in der Rockband praktisch ausgeführt wird.


Vorurteile gegen Genres der populären Musik gibt es nicht?
Nein. Da gibt es nicht den braven Klavierspieler und den bösen Rockmusiker. Ich sag's aus ganz persönlicher Erfahrung. Ich hab' einen Klavierschüler gehabt, der studiert mittlerweile Gitarre und spielt in einer Heavy-Metal-Band, wurde Bundespreisträger beim Wettbewerb "Jugend musiziert". So muss es sein. Gerade die jungen Menschen heute haben einen Horizont, der ist nicht mehr so eindimensional. Dann kommt die Zusammenarbeit mit den Vereinen hinzu. Wenn es eine Blaskapelle am Ort gibt, dann muss die Musikschule nicht noch eine Blaskapelle aufmachen, das wäre Unfug. Diese Offenheit ist schon länger da.

Ihre Klientel an den Musikschulen, rekrutiert die sich aus einer bestimmten Schicht, einer Einkommens-, einer Bildungsschicht?

Diese Frage gehört zu den Standardfragen. Meine Standardantwort ist: Wenn das so teuer ist, dass es sich nicht alle Schichten leisten können, dann wird das so sein. Um dem entgegenzuwirken, müssen alle Musikschulen im Verband Zahlermäßigung leisten, bis hin zum Nulltarif. Von daher könnte fast jeder an eine Musikschule. Durch die Bildungscard gibt es eine Riesennachfrage gerade an den Musikschulen. Im Vergleich zum Sportverein vielleicht wenig, aber es sind 50 000 zusätzliche Kinder, die durch die Bildungscard an die Musikschulen kommen. Der Verband der Musikschulen verteilt 20 Millionen Euro aus dem Bündnis für Bildung. Wenn Musikschule in die Ecke gedrängt wird, ihr seid nur für die Besserverdienenden da und für das Bildungsbürgertum, dann liegt das daran, dass sie zu teuer ist für jeden.

Ist das Angebot für Senioren gewachsen? Ein Mensch geht mit 60 in den Ruhestand und möchte Gitarre spielen wie Jimi Hendrix?
Genau. Das gibt es. Es gibt die Seniorenrockgruppe, My Generation, aber es gibt auch den Senior, der sagt, ich möchte noch mal Klavier lernen. Als Kind habe ich das mal ein bisschen getan und wieder vergessen, das geht hervorragend. Es gibt aber auch Menschen, die einen Traum haben, ich wollte immer schon Klavier lernen, und kommen erst mit 65.

Geht das noch?

Ja selbstverständlich. Wenn es nicht richtige körperliche Einschränkungen gibt, ist das überhaupt kein Problem. Vieles spielt sich auch in dem Bereich elementare Musikpädagogik ab. Leichtes Klatschen, Bewegen, Singen, Trommeln, solche Dinge. Das ist aber erst entstanden seit zehn, 15 Jahren. Ein Erwachsener lernt anders und ein Senior nochmal anders.

Und der Vergleich zu Kindern?
Es ist nicht so, dass man es so schnell schafft wie die Kinder, die Neuronen schießen nicht mehr so durchs Gehirn wie bei den Kindern, aber Neurologen sagen: Das Gehirn kann dies alles leisten. Im Gegenteil, es ist sogar gut fürs Gehirn. Aber es dauert länger, und es wird sich auch altersbedingt nicht mehr der große Künstler entwickeln. Obwohl es Menschen geben soll, die im hohen Alter angefangen und es zu beachtlicher Fertigkeit gebracht haben. Aber was ist Qualität? Qualität ist einfach das Erlebnis, die Freude. Wenn einer schon musiziert hat, das bleibt im Gehirn ein Leben lang erhalten, das haben die Neurologen herausgefunden. Auch das reizt Senioren, dass sie schnell wieder dazukommen. Das ist ein großes Erfolgserlebnis, das können Sie im Sport nicht. Wenn Sie sich mit 80 hinstellen und sagen, ich war mal Leichtathletikmeister, wird man sehr schnell wahrscheinlich einen Kreuzbandriss haben.

Ein letztes Wort zum Ergänzen: Die Zukunft der Musikschulen ...
... ist wichtiger als je zuvor.