Bamberg
Konzert

Vor dem Symphonischen Chor liegt noch viel Arbeit

Der neue Symphonische Chor Bamberg trat zum ersten Mal auf. Es ist noch viel Luft nach oben.
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Tarmo Vaask beim Premierenkonzert in Bamberg  Foto: Marian Lenhard
Tarmo Vaask beim Premierenkonzert in Bamberg Foto: Marian Lenhard

Die gute Nachricht zuerst: Der neue Symphonische Chor Bamberg hat seine Arbeit aufgenommen, und es hat sich gezeigt, dass da wirklich gute Stimmen versammelt sind, die einiges für die Zukunft versprechen.

Aber da sind wir auch schon bei der weniger guten Nachricht: Es ist noch viel Luft nach oben. Oder anders gesagt: Man saß am Sonntag im Joseph-Keilberth-Saal und fragte sich, worüber man sich zuerst wundern sollte.

Erstaunliche Entscheidung

Allein schon die Beobachtung, dass das Jungfernkonzert eines großen, neu gegründeten Chores, der einmal ein wichtiger Faktor im Konzertleben werden soll, unter "Orgelkonzert" firmierte, war erstaunlich.

Vielleicht, weil sich der Chor erst am Vortag des Konzerts mit seinem Leiter Tarmo Vaask zu gemeinsamen Proben traf. In so knapper Zeit kann man kein abendfüllendes Programm erarbeiten, das das Jungfernkonzert zu einem künstlerischen Weckruf machen würde. So sang der Chor das "Festival Te Deum" op. 32 von Benjamin Britten und Dobrinka Tabakovas "Centuries of Meditation" in der Uraufführung der Bearbeitung für Sopran, Chor und Orgel.

Ansonsten gab es Gesichertes, das ein Chor auch singt, wenn man ihn um 4 Uhr morgens aus dem Tiefschlaf holt: Advents- und vor allem Weihnachtslieder von Johann Sebastian Bach bis John Rutter. Damit es ein Orgelkonzert wird, hatte man zwei Fachleute geholt: den Freiberger David Franke, der heute in Freiburg unterrichtet.

Seine Improvisationen waren eindrucksvoll in ihren strukturellen und dynamischen Aufgipfelungen, aber auch etwas schematisch und akademisch. Da hätte er auch mal Elemente des Jazz oder andere Aspekte einbauen, das Ganze moderner machen können. Ljubov Nosova war eine ausgezeichnete Begleiterin für den Chor, insbesondere bei den "Centuries of Meditation", einer Art bulgarisch-englischer Minimal Music, die von allen Beteiligten hohe Konzentration forderte. Allerdings hatte sie dabei leider - wie auch David Franke - mit einem getrübten Ansprechverhalten der Tastatur des elektrischen Spieltisches an der Bühnenrampe zu kämpfen.

Innere Balance

Aber eigentlich ging es ja um den Chor. Man hörte schon, dass den beiden Werken von Britten und Tabakova bei der Probe das Hauptaugenmerk gegolten hatte, ihrer strukturellen Durchdringung, ihren Gefahrenstellen und deren Überwindung.

Da sang ein Chor mit großer Intonationssicherheit, der schnell seine innere Balance fand, der in allen Registern wirklich gut besetzt ist. Aber der Chor steht hörbar noch am Anfang seiner Arbeit. Denn es gibt noch einiges zu hobeln und zu feilen, etwa an der Entschiedenheit der Einsätze oder an der Artikulation der Vokale. Es war für den Zuhörer oft nicht zu entscheiden, in welcher Sprache der Chor sang. Da muss Tarmo Vaask ihm noch lange auf die Nerven gehen. Aber auch interpretatorisch muss er Fragen beantworten. Denn sein Dirigat ließ das Motto vermuten: "Keine Experimente!" Klar, die Zeit war knapp, aber immer nur auf Sicherheit zu dirigieren, ist auf Dauer uninteressant.

Ob Vaask in der Lage ist, seine Leute zu musikalischen Höhenflügen zu inspirieren, wird sich zeigen müssen. Eine Euphoriebremse war da zum Beispiel der Bachchoral: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegn'ich dir?" Das ist die Frage eines unsicheren, nervösen, ein bisschen ratlosen Menschen vor einer für ihn entscheidenden Begegnung.

Franke hatte diese innere Anspannung in seinem Intro mustergültig vorbereitet; Vaask hätte nur aufspringen und die Gestaltung weiterführen müssen. Aber als die Orgel verklungen war, wurde die Pause genutzt, um die Spannung auf Null zu bringen. Und dann begann der übliche staatstragend-emotionslose, flächige Gesang. Schade!