Es gibt sie noch, die guten Dinge, wirbt ein Versandhaus, und es gibt sie noch, die kleinen Bühnen, die kreativen Wühler, die allen Gesetzen des Kulturmarktes zum Trotz ihre Nische besetzen. Das schöne Örtchen Sommerhausen bei Würzburg - fast zu schön scheint diese rothenburgisierte Wein-, Freizeit- und Tourismus-Enklave mit Galerien und Restaurants an einem herrlichen Spätsommerabend - beherbergt ein solches Reservat. Man stolpert geradezu über das, Vorhang auf: Torturmtheater. Das in der Tat hoch originell in einem alten mittelalterlichen Wachgebäude untergebracht ist. Was bedeutet, Eingangs-"Halle", Foyer und Zuschauerraum mit 50 Plätzen nebst Bühne, die so in etwa vier Meter breit und fünf tief ist, finden alle mehr oder weniger Platz in dem Gemäuer über dem Würzburger Tor.


Begründet hat es der Bühnenbildner Luigi Malipiero 1950, der über die Mozartfestspiele nach Unterfranken kam. Nach dessen Tod 1975 übernahm Veit Relin das Minitheater, das natürlich nur vor den Toren einer Studentenstadt überleben konnte. Und dieser Veit Relin ist ein ganz Besonderer. Geboren 1926 in Linz, gründete der Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und bildende Künstler ein Theater am Wiener Naschmarkt, das die Avantgarde der Zeit mit Autoren wie Bond, Albee, Pinter bekannt machte. Würzburg kannte Relin durch seine Bekanntschaft mit dem ortsansässigen Maler Joachim Schlotterbeck, und als ihm die Stadtoberen die Leitung des kleinen Theaters in Sommerhausen anboten: lehnte er erst einmal ab.

Gleich ob sie authentisch ist oder nicht; die Anekdote ist gar zu schön: Nach einer launigen Nacht in dem Weinörtchen hatte sich Relin für die Heimfahrt Blumen ans Armaturenbrett gesteckt, die nickten ihm zu, und so schlüpfte er doch noch in die Rolle des Impresarios, Intendanten, Allround-Theatermanagers ... Dies alles hat nun seine Witwe Angelika Relin übernommen, denn Veit Relin ist im Januar dieses Jahres gestorben. Ein schwerer Schlag für Angelika Relin, die seit 1976 dem Maestro treu zur Seite stand, und das gesamte kleine Team. 30 Jahre jünger als er ist sie, die einst als Studentin der Fachhochschule für Gestaltung zum Sommerhausen-Team stieß und, wie wir mit Fug annehmen dürfen, des Meisters rechte Hand gewesen ist.

Den metaphorischen Trauermantel hat die neue Leiterin immer noch nicht ganz abgestreift, spürt der Besucher Aber sie beißt die Zähne zusammen und führt das Werk im Geiste des verstorbenen Gatten fort. Ihr zur Seite steht eine treue, zum Teil jahrzehntelang erprobte Mannschaft aus drei Technikern und einer Dame für die Organisation. Und: Ohne Subventionen von Land, Bezirk und Landkreis ginge es bei allem Idealismus nicht.
Vier Inszenierungen pro Jahr stehen auf den Programmzetteln und ein Ex-traabend. Gespielt wird von April bis Dezember. Maximal drei bis vier Schauspieler können auf der winzigen Bühne agieren, wobei sich für die Leiterin ein Problem auftut: "Die guten Stücke für diese Besetzung haben wir eigentlich durch." Denn seit 38 Jahren währt nun die Ägide Relin, und in dieser Ära hat man sich (selbst) verpflichtet, dem Klamauk abzuschwören, allenfalls gehobenen Boulevard zuzulassen, Komödie, Farce, aber auch Tragödie, vorwiegend Zeitgenössisches "nah am Menschen".

Fall Mollath: das Leben ein Drama

Musterbeispiel: Das aktuelle Stück "Geflügelschere". Es steht geradezu paradigmatisch fürs Torturm-Konzept. Verfasst vom italienischen Dramatiker-Senkrechtstarter Fausto Paravidino, thematisiert es den Menschen im Mahlwerk von Psychiatrie und Justiz. "Der Fall Mollath wurde uns zur Premiere geschenkt", sagt Relin nicht zu Unrecht. Der Beginn ist reinster Kafka: Ein Herr im Trench besucht den arglosen Marco, der zum Kaffeekochen geradezu verurteilt wird.
Ein zweiter Herr kommt dazu, gespielt von einer Dame; der erste Herr zieht einen Revolver und schießt den zweiten nieder. Wie in einem quälenden Alptraum wird Marco zum Mörder, von Freundin, Polizei, Rechtsanwalt, erst recht den psychiatrischen Gutachtern zur Verzweiflung getrieben, bis er selbst an seine Täterschaft glaubt. Als der wahre Mörder sich am Schluss offenbart, weiß der Held nicht mehr, wer er ist und was er weiß. Kafka mal Beckett dividiert durch Dario Fo und Foucault, könnte man die Formel dieser Farce aufstellen. Das Leben, ein Alptraum. Vielleicht ein bisschen arg pauschal oder stammtischhaft fällt das Urteil über die selbst gestörten Psychologen aus. Eine kurze knackige Stunde schlüpfen die drei Schauspieler in wechselnde Rollen und coram publico in ihre Kostüme. Sie agieren frisch und gut gelaunt, dezente Einspielungen z. B. einer Italowestern-Melodie unterstreichen das Spiel, und die Wohnzimmer-Atmosphäre eines solchen Minitheaters ist eben unübertrefflich.
Obligatorischen Applaus gibt es vom meist älteren Publikum. Unterschiede zu den Anfängen in den siebziger Jahren stellt Angelika Relin, bedauernd, schon fest. Unpolitischer seien die Leute geworden, eher auf Unterhaltung als Verstörung aus. Ärgernisse wie 1976, als die Polizei eine Veit Relin'sche Inszenierung wegen einer gehissten Hakenkreuzfahne besuchte, kommen nicht mehr vor. Die Avantgarde von einst sei die Klassik heute. Und dass die Politik noch nie in den Spielplan hineingeredet habe. So wird sie weiter ihre Schauspieler- und Regisseur-Mannschaft in München und Berlin pflegen, wo auch geprobt wird. Die 50 Besucher können sich jeweils vor und nach der Vorstellung im mit Arbeiten von Veit Relin geschmückten Foyer umschauen. Intimer geht's nicht.

Fausto Paravidinos Drama "Geflügelschere" in der Inszenierung von Christine Neuberger mit Manuel Scherer, Franziska Würzl und Christoph Pabst wird bis 5. Oktober im Torturmtheater Sommerhausen Di.-Fr. um 20 Uhr, samstags 16.30 und 19 Uhr aufgeführt. Karten unter Tel. 09333/268, E-Mail kartenbestellung@torturmtheater.de.