Bamberg

Treffen sich ein Komiker und ein Philosoph im Dunkeln

2018 war Markus Orths Poetikprofessor an der Bamberger Universität. Jetzt legt er seinen neuen Roman vor. "Picknick im Dunkeln" ist beides: witzig und nachdenklich.
Artikel drucken Artikel einbetten
Markus Orths
Markus Orths

Folgendes Gedankenexperiment: Zwei Personen, deren Biografien 700 Jahre auseinanderliegen, treffen sich in totaler Finsternis. Genau das wagt der neue Roman des Bamberger Poetikprofessors von 2018, Markus Orths.

Die absurde Grundidee von "Picknick im Dunkeln" (Hanser Verlag, 240 Seiten, 22 Euro) ließe sich vielleicht noch treffender in Witzform umreißen: Treffen sich Stan Laurel und Thomas von Aquin im Dunkeln.

Poetikprofessur in Bamberg

Ja genau, der Slapstick-Star, der in über 100 Filmen den Stan spielte, und der große christliche Philosoph des Mittelalters, der vielen heute als der bedeutendste katholische Theologe der Geschichte gilt.

Wie sie in den lichtlosen Raum hineingeraten sind, wissen sie nicht. Schlimmer noch, sie wissen auch nicht, ob sie je wieder herauskommen. Andeutungen auf dieses literarische Experiment hatte der Irrwitz-Meister Orths bereits in seinen Bamberger Vorlesungen eingestreut.

Nun sind die versteckten Hinweise aus dem Hörsaal zu einem 240 Seiten langen philosophischen Witz zwischen zwei Buchdeckeln geronnen. Und wie man das von guter Komik erwarten darf, beschert der mal slapstickartig stolpernde, mal kontemplativ tastende Gang durch den lichtlosen Raum der Leserschaft etliche Erkenntnisse.

Auf den ersten Blick könnten die beiden Protagonisten unterschiedlicher nicht sein. Der Philosoph so füllig, dass man sich fragt, wie er am Tisch überhaupt bis zu seinem Essen greifen konnte, der Komiker so schmal, dass sein Grätengang Filmgeschichte schrieb. Stan sieht sich bei jedem Satz, den er spricht, vor die Herausforderung gestellt, dem mittelalterlichen Mönch begreifbar zu machen, was ein Film ist, wo Amerika liegt, wie unverschämt Kant gedacht hat und was sich sonst noch so in 700 Jahren Weltgeschichte getan hat.

Zugleich teilt das ungleiche Paar jedoch eine seltene Gemeinsamkeit: Sie haben das Denk- und Machbare in ihren beiden Welten bahnbrechend erweitert. Der eine im Film, der andere in der Philosophie.

Gegen Wände rennen

Für den Dominikanermönch steht fest, dass sie sich im Übergang vom Leben zum Tod bewegen. Entsprechend zuversichtlich ist er, dass sie dem Licht entgegenlaufen. Stattdessen rennen sie gegen Wände.

Neben dieser vordergründigen Escape-Room-Handlung sorgen die beiden Protagonisten aber für eine zweite Ebene im Text. Sie tun das, was Menschen in Romanen üblicherweise tun, wenn sie mutterseelenallein in der Patsche stecken: Sie erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Dabei begegnen und verstehen sie sich über Länder-, Kultur-, ja Epochengrenzen hinweg. Mönch und Showbusiness. Mittelalter und 20. Jahrhundert. Das macht diesen Roman auch so unverschämt aktuell.

I

Und natürlich wäre Markus Orths nicht Markus Orths, wenn in den anekdotenreich-kurzweiligen Erinnerungsschnipseln, mit denen sich die Protagonisten in diesem Darkroom des Daseins bei Laune halten, nicht eine halbe poetologische Abhandlung versteckt wäre.

Insofern verbergen sich hinter "Picknick im Dunkeln" gleich drei Bücher: zwei halbe historische Romane, ein absurder Abenteuerroman und ein philosophisch kurzweiliges Nachdenken über das Leben, das Lachen und das Erzählen.

Verwandte Artikel