Mit dem Baron Ochs von Lerchenau aus dem "Rosenkavalier" konnte ich bisher nicht viel anfangen. Mir war der ungehobelte, alte Schwerenöter einfach unsympathisch. Seit dem Wochenende bin ich von meiner zweifellos nicht vorurteilsfreien Haltung befreit. Geschafft haben das der spielfreudige Bassbariton Claudius Muth und vor allem der Regisseur Bernhard Stengele, der der Komödie, die die viel gespielte Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sein will, überzeugend zu ihrem Recht verhilft.

Zwangsverheiratung anno dazumal
Natürlich hatte die "gute alte Zeit" um 1740 in Wien, wie sie in der 1911 uraufgeführten Oper abgebildet wird, ihre schlechten Seiten. Nicht umsonst erinnert sich die etwa 34-jährige Feldmarschallin an die eigene Verheiratung. Und an die Tatsache, dass früher junge Mädchen von Stand sich ihren zumeist wesentlich älteren Gatten nicht aussuchen konnten.


So geht es auch Sophie, der 14-jährigen Tochter des neureichen Faninal, zu der die Fürstin Werdenberg auf Bitten ihres grobschlächtigen Verwandten den jungen Grafen Octavian als Brautwerber mit der silbernen Rose vorausschickt - also jenen 17-jährigen Jungspund, der ihr derzeitiger Liebhaber ist.

Der tiefere Sinn blitzt zumindest auf

Das Schöne an dieser Inszenierung ist, dass Schauspieldirektor Bernhard Stengele ernst nimmt, was Komponist und Librettist aus gutem Grund als Genrebezeichnung gewählt haben: "Komödie für Musik" heißt das Werk im Untertitel - und genau das wird in Würzburg gespielt. Wobei der tiefere Sinn, der weniger komödiantische Hintergrund durchaus nicht zu kurz kommt.

Er blitzt immer wieder auf - wenn die Feldmarschallin im 1.Akt wehmütig über die Vergänglichkeit der Jugend und der Liebe räsoniert, wenn Sophie, die etwas andere verkaufte Braut, im 2. Akt gegen den ungewollten Zukünftigen aufbegehrt, wenn der präpotente, sich mit vielen rohen Eiern dopende Ochs in der Wirtshausfarce des 3. Akts seine Prügel bezieht. Gerade in dieser Szene wird deutlich, was der Regisseur richtig gemacht hat: Stengele gibt dem Baron Ochs rechtzeitig seine Würde zurück, indem er aus der ohnehin daunenweichen Keilerei eine Kissenschlacht macht, an der sich auch der genasführte Ochs beteiligt.


Lauter schlampige Verhältnisse

Die Ausstattung von Bernd Franke (Bühne) und Götz Lanzelot Fischer (Kostüme) schlägt ebenfalls Brücken. Das Einheitsbild mit der gemauerten Wand rechts und den auf Gittern angebrachten Stuckverzierungen zitiert zwar noch den seit der Uraufführung gepflegten Spätbarock, verweist aber mit dem gleichbleibenden, letztlich nur farblich differierenden Bett, dass fast alle hier stattfindenden Liebeshändel illegitim sind: Marie-Theres hintergeht mit Octavian ihren Mann, Octavian spielt dem Ochs als Mariandl eine Travestie vor, der nach echtem blauen Blut gierende Faninal verhökert seine Tochter in diesem Ambiente, und hier findet sich schließlich das junge Paar, dessen Zukunft womöglich darin bestehen dürfte, dass sie einander irgendwann auch betrügen. Die farbprächtigen, pointierten Kostüme erinnern nicht umsonst an die Sissy-Filme mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm.


Der große Aufwand wäre aber nicht viel wert, wenn die Besetzung nicht stimmte. Das Mainfrankentheater ist in der glücklichen Lage, fast alle Haupt- und viele Nebenrollen mit hauseigenen Kräften zu besetzen, die für ihre Partien wie gemacht erscheinen - allen voran der schon erwähnte, mit schwarzer Basstiefe und Spielwitz glänzende Claudius Muth sowie die drei tragenden Frauenfiguren.


Drei ideal besetzte Frauenrollen

Anja Eichhorns Feldmarschallin ist sängerdarstellerisch überzeugend und voller Delikatesse: Wie wissend diese Frau ihren jungen Liebhaber genießt, wie souverän und ohne Selbstmitleid sie alle Klippen umschifft, muss man erlebt haben. Zumal Sonja Koppelhuber als Octavian schlichtweg eine Idealbesetzung ist. Sie wirkt nicht nur wie ein junger Mann, sie agiert auch so, dass das erotische Prickeln zwischen ihr und der doppelt so alten Fürstin, zwischen ihr und der auch stimmlich strahlend jungen Sophie von Silke Evers sich unmittelbar mitteilt. Und das Orchester unter Jonathan Seers trifft genau jenen kunstvollen Konversationston, von dem man trotz einer Spieldauer von gut dreieinhalb Stunden keinen einzigen missen möchte.


Termine und Karten

20. und 28. April, 15. Mai, 4. und 23. Juni sowie 2. Juli (jeweils um 18.30 Uhr); 25. April und 18. Juli (jeweils um 17 Uhr); 2. und 23. Mai (jeweils um 15 Uhr). Karten gibt es im Vorverkauf unter Telefon 0931/3908124.

Internet

www.theaterwuerzburg.de