Unsere Zeitung unterhielt sich mit Guido Knopp über die deutsche Identität.
Ihr Buch „Die Deutschen“ beginnt mit den Fragen: „Wer sind die Deutschen? Woher kamen Sie? Wohin führt ihr Weg?“ Warum sind diese Fragen heute noch relevant?
Guido Knopp: Es sollte uns mehr denn je interessieren. Deshalb haben wir im ZDF auch fünf Jahre harte Arbeit in die Serie investiert. Denn erst jetzt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist der richtige Zeitpunkt für die Serie gekommen. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte gelten gleichzeitig die drei Grundwerte: Einheit, Freiheit und Gleichheit. Es gibt zwar kein Ende der Geschichte. Aber dennoch ist jetzt ein wichtiges Ziel in der deutschen Geschichte erreicht.
Deutschland gilt als eine verspätete Nation. Wie erklärt sich dies?
In der Tat ist Deutschland eine verspätete Nation. Das liegt an der Tatsache, dass Deutschland immer ein Land der Stämme war. Dadurch entwickelte sich einerseits eine große kulturelle Blüte und Vielfalt. Andererseits verhinderte dies eine starke Zentralmacht und einheitliche Identität. Dies gilt mit Abstrichen auch heute noch. Denn was Kaiser Otto die Stämme waren, sind Angela Merkel die machtbewussten Ministerpräsidenten.
Gibt es Ihrer Meinung nach eine spezifische deutsche Identität?
Es gibt in Deutschland ein ganzes Bündel von Identitäten. Man ist Bamberger, Franke, Bayer, vielleicht auch Europäer. Eine spezifische deutsche Identität galt nach der Nazi-Zeit lange als diskreditiert. Man schämte sich seiner deutschen Herkunft und Geschichte. Ich glaube aber, dass die Deutschen nun einen gesunden, positiven Patriotismus entwickeln. Man denke dabei nur an die Begeisterung während der Fußball-WM 2006. Es gibt viele Traditionen und Ereignisse, auf die sich ein schwarz-rot-goldener Patriotismus beziehen kann: das Hambacher Fest, die Weimarer Republik, das Grundgesetz, die friedliche Wiedervereinigung. Darauf können und sollten wir stolz sein.
Was bleibt schließlich von der deutschen Identität unter den Vorzeichen europäischer Vereinigungsprozessen bestehen?
Eine positive deutsche Identität ist wichtiger denn je. Denn in Europa sind wir von stolzen und patriotischen Ländern umgeben. Dies ist auch kein Gegensatz. Im Gegenteil: Ein europäisches Gemeinschaftsbewusstsein kann nur auf der Basis starker nationaler Identitäten entstehen. Wir Deutschen sollten deshalb unsere Identität keinesfalls aufgeben: Wir können nur gute Europäer sein, wenn wir gute Patrioten sind.
Verfolgen Sie mit Ihren Büchern und Filmen einen pädagogischen Auftrag? Glauben Sie, dass man aus der Geschichte lernen kann?
Ja, man kann und sollte aus der Geschichte lernen. Vor allem aus ihren Fehlern und Verirrungen. Wir Deutsche haben aus den Fehlern der Weimarer Republik gelernt. Wir wissen, dass wir nie wieder radikale Parteien an die Macht lassen dürfen. Es gibt zwei Lehren unserer Geschichte. Die erste heißt: Wehret den Anfängen! und die zweite, noch wichtigere: Bei uns nie wieder!
Stimmen Sie mit Reich-Ranickis Medienschelte überein, und verstehen Sie Ihre Arbeit vielleicht sogar in seinem Sinn?
Nun, er hat sich ja in der Zwischenzeit schon wieder etwas korrigiert. Aber ich kann ihm in Teilen durchaus zustimmen. Vor allem was die Verirrungen menschlicher Existenz in einigen Programmen der Privaten betrifft. Auch deshalb haben die Öffentlich- Rechtlichen die unbedingte Pflicht, Qualität und Quote zu verbinden. Und ja, das begreife ich auch als ganz persönlichen Auftrag. Denn ich bin überzeugt, dass man nur lernen kann, wenn man einprägsame Bilder vor Augen hat. Die versuche ich mit meinen Sendungen zu liefern.
Von Ihnen stammt der programmatische Satz: „Aufklärung braucht Reichweite.“ Wie schwierig ist der Spagat zwischen inhaltlicher Seriosität und Einschaltquote?
Das ist eine typisch deutsche Diskussion. Es gelten zwei Gesetze für das Fernsehen: Du sollst nicht lügen. Und du sollst nicht langweilen. Niveau und Quote sind kein Gegensatz. Ich will gutes, spannendes und emotionales Fernsehen machen. Ich mache meine Sendungen nicht für Leute, die Interesse an Geschichte haben. Und die erreiche ich mit spannend und informativ gestalteten Filmen.