Er sieht sich als Medien-Terminator. Als Rächer entnervter Zuschauer, der die (verbale) Pumpgun lädt, um vermeintliche TV-Stars von der Bildfläche zu pusten. Die dunkelsten Momente der TV-Unterhaltung zerrt Oliver Kalkofe via „Mattscheibe“ ins Scheinwerferlicht. Für seine Tournee stieg der Grimme-Preisträger, der gerade im Kino als „Wixxer“ agierte, aus dem Flachbildschirm. Wir nutzten dies für ein Interview.
Anfang der 90er Jahre kamen Sie übers Radio zum Fernsehen. Doch schon als ffn-Praktikant entwickelten Sie „Kalkofes Mattscheibe“, um sich an TV-Flops zu weiden. Statt graue Zellen abzutöten, ließen Peinlichkeiten Ihre Kreativität sprudeln. Kamen Sie nie auf die Idee, die Kiste abzuschalten?
Oliver Kalkofe: Es war eine Mischung aus Wut und wahrer Liebe zum Fernsehen, die mich agieren ließ. Der Fernseher war über viele Jahre eben mein bester Freund, bis ich den Videorekorder kennen lernte. Ich sah mit Schrecken, was aus der TV-Unterhaltung wurde und wollte ausdrücken, was anderen ebenfalls zu schaffen machte. Zumal es noch keine derartige satirische Medienkritik gab.
Zwischen Formaten wie „Rudis Tagesshow“ und Ihrer Sendung lagen Welten. Wenn Sie als Carolin Reiber über den Bildschirm stöckelten oder sich an Ausrutschern beim Polit-Schaulaufen ergötzten, war das bizarrer und gnadenloser, als man es kannte. Blieb der Protest von moralinsauren Medienwächtern aus?
Ich hatte das Glück, dass ich zunächst fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei „Premiere“ laborierte. So entwickelte sich eine kleine Kultgemeinde. Ganz langsam hatten immer mehr Zuschauer Gelegenheit, sich an die „Mattscheibe“ zu gewöhnen. Schließlich bekam ich den Grimme-Preis und durfte alles.
Achim Mentzel, der mit seiner „Hitparade“ geraume Zeit Ihr Lieblingsopfer war, reagierte auf ätzende Persiflagen mit so viel Witz, dass sich ein Teamwork entwickelte. Welche anderen Redaktionen kamen völlig unerwartet?
Achim war der erste, der auf originelle Weise zurück schoss. Ich weiß noch, wie er in seiner Sendung die Tafel „Kalki ist doof“ präsentierte. Ich reagierte dementsprechend und wir wurden Freunde. Aber es gab auch Klaus Baumgart von Klaus & Klaus, der mich gar nicht witzig fand und verklagen wollte. Eine Publicity-Aktion, die letztendlich für mich die beste Publicity neben dem Grimme-Preis war.
Mittlerweile ist die „Next Generation“ der Zuschauer herangewachsen und Peinlichkeiten wurden alltäglich, zumal sie permanent recycelt werden und Zuschauer in einer Endlosschleife zermürben. Wie wollen Sie das noch toppen?
Ich sehe im Moment vor allem ein gesendetes Vakuum, einen absoluten inhaltlichen Stillstand. Überall lähmen Call-In-Shows mit Gewinnspielen, bei denen möglichst viele Zuschauer anrufen sollen, um dieses Nichts auch noch zu bezahlen. Nicht mal mehr die Quote zählt. Dann gibt es Real-Soaps, die so deprimierend sind, dass einem dazu wirklich nichts einfällt. Vor zehn Jahren bemühte man sich immerhin noch, gute Sendungen zu machen, selbst wenn das Ergebnis grotteschlecht war.
Ihrer Linie bleiben Sie im Kino und als Synchronsprecher von „Little Britain“ treu, einer Serie, die der Spiegel als „Parade der Perversionen“ bezeichnete. Und die Grenzen?
Z. B. lästere ich niemals über körperliche Gebrechen. Ich thematisiere nur, wie sich Menschen nach außen hin verkaufen. Was Institutionen betrifft, so gelten andere Regeln. Hier darf es keine Grenzen geben, hier sind Grenzen sogar gefährlich. Der Karikaturenstreit zeigte, wie plötzlich die Pressefreiheit in Frage stand.
Als Medienkritiker wurden Sie längst selbst zum TV-Star. Verliert man angesichts solcher Höhenflüge nicht die Fähigkeit zur Selbstironie und reagiert entnervt auf Angriffe junger Comedians, die sich profilieren möchten?
Ärgerlich ist, wenn andere Ideen klauen. Aber das Gefühl, dass es mir so gut geht, dass ich überheblich werden kann, kenne ich nicht. Schließlich habe ich mir vom Praktikum beim Radio bis heute alles selbst beigebracht. Nichts ist mir zugeflogen. Ein Vorteil ist auch, dass ich so vielfältig arbeite: Das fängt bei „Onkel Hottes Märchenstunde“ an und reicht über Film, TV und Kolumnen bis hin zur Synchronisation von Serien. Vielleicht sind andere ihre Masche leid, wenn sie auf nur eine Geschichte reduziert werden. Das führt zu Aggressionen, sobald man selbst Zielscheibe ist.
Der Trend zur Trivialisierung scheint sich im Fernsehen fortzusetzen. Wie erklären Sie sich diese Verflachung? Hat sich ein Teil der Gesellschaft vom Geschehen verabschiedet? Hat das Fernsehen die Masse wirklich verdummt?
Beides trifft zu. Natürlich gab die breite Masse schon früher die Richtung vor. Irgendwann aber haben die Programmgestalter gemerkt, dass diese Masse einschaltet, egal wie weit man das Niveau senkt. So entwickelten sich die Dinge in diese Richtung weiter und ein Großteil des anderen Publikums verabschiedete sich und lebt (wie ich) nun von DVDs. Der Rest hat sich an die ganz simple Form der Unterhaltung gewöhnt.
Glauben Sie, dass es mal einen Retro-Trend zur Hochkultur gibt?
Ich hoffe wirklich, dass dieser Trend kommt, wie er in den USA, England und im Radiobereich erkennbar ist. Bei uns müssen sich solche Tendenzen in kleinen Schritten aus dem Untergrund heraus entwickeln. Über kleine TV-Sender, die zum Geheimtipp werden.
Und wie entwickelt sich „Kalkofes Mattscheibe“ weiter?
Nach einer Pause hat sich einiges für den Neustart im Herbst angesammelt. Aber nach wenigen Sendungen wird der Stillstand wieder spürbar. Wöchentliche Sendungen wie früher wären heute kaum mehr möglich.
Als Niedersachse kommen Sie nun nach Bamberg. Haben Sie die Stadt schon kennen gelernt?
Franken ist für mich Neuland. Aber meine Maskenbildnerin ist Fränkin und hat mir einiges Grundwissen vermittelt. Ich stelle mir den Landstrich verträumt mit einem – für Norddeutsche – beängstigenden Dialekt vor. Der Mentalität entspricht vermutlich ein trockener, langsamer Witz. Umso gespannter bin ich, gleich einen Haufen Franken zu erleben.