Er ist eine deutsche Schauspiel-Legende und hat mit Regisseuren wie Billy Wilder, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff gearbeitet: Mario Adorf, der in filmischen Meilensteinen wie „Die Blechtrommel“ und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, in der legendären Fernsehserie „Kir Royal“ und in großen TV-Mehrteilern wie „Der Schattenmann“ oder „Der große Bellheim“ mitgespielt hat. Nun ist der 76-Jährige, der abwechselnd in München, St. Tropez und Paris lebt, in dem Dreiteiler „Der Tag wird kommen“ zu sehen. In dem Special der Krimireihe „Rosa Roth“ verkörpert er den Gegenspieler der von Iris Berben gespielten Berliner Kommissarin Roth – den skrupellosen Waffenhändler Willem van Kleve. Ein Gespräch.
Herr Adorf, kannten Sie „Rosa Roth“ schon vorher?
Mario Adorf: Nein, ich kannte die Reihe überhaupt nicht. Ich hatte nie eine Folge gesehen, weil ich nur selten in Deutschland war und dann auch nur selten Fernsehen schaute.
Und dennoch haben Sie das Angebot, den skrupellosen Gegenspieler von Kommissarin Roth darzustellen, spontan angenommen, wie man hört. Warum?
Ganz so spontan war es nicht. Ich hatte gerade mit Iris Berben ein Hörbuch gemacht, als das Angebot kam, und wollte sehr gerne mit ihr drehen. Dann habe ich das Drehbuch gelesen und fand, dass es interessant geschrieben war, sehr knapp, sehr amerikanisch – aber mir schien, dass es keine besonders große Rolle für mich war. Ich habe dann Regisseur Carlo Rola in Paris getroffen und er machte mir klar, dass die Rolle etwas Besonderes sei und das Gewicht haben würde, das ich mir vorstellte. Eine Rolle, die auch rechtfertigt, warum man ausgerechnet mich nimmt. Daraufhin habe ich zugesagt.
Das Angebot wäre sonst für Sie nicht interessant gewesen?
Richtig. Man muss ja bedenken, dass es trotz allem um eine Serie geht, auch wenn es ein außerordentlicher Dreiteiler ist. Ich habe noch nie in einer deutschen Langzeitserie mitgespielt, weder im „Derrick“ noch im „Alten“ noch im „Tatort“, das ist also eine Neuheit. Als Gast in einer Serie muss man sich ja mit den eingeführten Figuren auseinander setzen und sich fragen: Wo bleibe ich denn da?
Starregisseur Sam Peckinpah hat Ihnen vor vielen Jahren empfohlen, öfter Schurken zu spielen – das war, nachdem Sie Rollen in seinen Filmen „The Wild Bunch“ und „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ abgelehnt hatten. Haben Sie an seinen Rat gedacht, als das Angebot kam, den Waffenhändler Willem van Kleve zu spielen?
„The Wild Bunch“ abzusagen war vielleicht ein Fehler, weil das nachher der große Welterfolg wurde. Aber meine Absage lag nicht daran, dass es eine Schurkenrolle war – ich wollte einfach nicht zum wiederholten Mal einen Mexikaner spielen. Und bei „Steiner“ sah ich mich gar nicht in der Rolle als deutscher Landser, das passte mir nicht. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Böse, im Gegenteil. Ich habe diese Rollen immer gern gespielt, und nachdem ich zuletzt im Kinofilm „Die rote Zora“ einen lieben Fischer gespielt habe, dachte ich mir, es wäre im Sinne der Abwechslung ganz gut, wieder eine andere Seite zu zeigen.
Obwohl der Waffenhändler ein übler Schurke ist, wirkt er bisweilen trotzdem sympathisch. Ist das Absicht?
Ja, aber das war nicht meine Erfindung, das war schon im Drehbuch so angelegt. Er hat eine Familie und ein gehandicaptes Kind, man wollte ihn so ein wenig menschlicher machen. Er ist eben ein Geschäftsmann, der im weltweiten Waffenhandel mitmischt. Mit seiner Erfindung möchte er einfach nur groß abräumen.
Seine Erfindung ist ein Kunststoff-Keramik-Revolver, den Terroristen durch alle Sicherheitsschleusen in ein Flugzeug schmuggeln könnten...
Eine erschreckende Erfindung, von der man sich wünscht, dass sie nie Wirklichkeit wird.
Sie haben in Ihrer Laufbahn unzählige Filme gemacht. Welcher Ihrer Filme ist Ihr liebstes Kind?
Das kann ich eigentlich gar nicht sagen. Ein Film ist ja zunächst auch das Kind eines Regisseurs und nicht des Schauspielers, es sei denn, er wäre für ihn gemacht worden. In dieser Hinsicht bin ich aber leider nie verwöhnt worden. Ich war immer derjenige, den man einsetzte, wenn es eine passende Rolle zu spielen gab, aber man hat nie gesagt: Jetzt müssen wir den Adorf bedienen, Bücher für ihn suchen, Geschichten, Rollen. Darüber habe ich mich immer ein bisschen gewundert. Ich hätte mir schon einen Regisseur gewünscht, der mich als sein Alter Ego gewählt hätte, so wie es bei Fellini und Mastroianni war.
Aber das Publikums mag Sie, in Umfragen schneiden Sie oft als beliebtester deutscher Schauspieler ab.
Ich nehme Umfragen ehrlich gesagt nicht so ernst.
Aber Sie werden doch bestimmt oft auf Ihre großen Erfolge angesprochen, auf Ihre Rolle als Gangster Santer in „Winnetou“ oder auf den legendären Auftritt als Generaldirektor Haffenloher in der Serie „Kir Royal “...
Stimmt, auf „Kir Royal“ werde ich auch heute noch häufig angesprochen. Viele Leute kennen die einzelnen Sätze, die ich da sage. Vor ein paar Tagen habe ich jemanden getroffen, der hatte einen bestimmten Satz sogar auf seinem Handy gespeichert und hat mich das anhören lassen. Das war schon sehr lustig.
Welchen Satz?
Na, Sie wissen schon, diesen berühmten Satz: „Ich scheiß dich zu mit meinem Jeld.“