Kultur im Fernsehen hat es schwer – das musste zuletzt sogar Buchexpertin Elke Heidenreich (65) erfahren: Ihre Sendung „Lesen!“, die vor fünf Jahren das legendäre „Literarische Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki ersetzte, hat mit sinkenden Quoten zu kämpfen. In der Anfangszeit erreichte die Vielleserin mit ihren energisch vorgetragenen Literaturtipps rund zwei Millionen Bücherwürmer, mittlerweile liegt die Zuschauerzahl bei etwa einer Million. Am 1. Mai läuft im ZDF um 22.45 Uhr die Jubiläumsausgabe von „Lesen!“, das sechs bis sieben Mal im Jahr zu sehen ist. Zu Gast bei der Aufzeichnung des Literaturmagazins in der Kölner Kinderoper war Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles.
Frau Heidenreich, vor fünf Jahren startete Ihre Büchersendung „Lesen!“. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Elke Heidenreich: Die Sendung hat meine Erwartungen weit übertroffen. Ich wollte Menschen ans Lesen bringen, die eben nicht die Kritiken in den Feuilletons lesen. Das ist mir gelungen. Das merke ich an der Zuschauerpost und daran, dass fast alle besprochene Bücher auf den Bestsellerlisten landen.
Die Zuschauerzahlen sind aber von anfangs zwei Millionen auf etwa die Hälfte gesunken, seit „Lesen!“ nicht mehr dienstags läuft.
Der neue Termin hat uns sehr geschadet. Ich hätte gerne wieder mehr Zuschauer, aber nun gibt es leider kein Zurück auf den Dienstag, weil da das Politkabarett „Neues aus der Anstalt“ läuft. Wir überlegen uns für 2009 etwas Neues, das ist aber noch nicht ganz ausgereift. Unsere Überlegung ist, dass wir „Lesen!“ künftig freischwebend zeigen, also ohne festen Wochentag. Vielleicht nehmen wir einfach Termine, die gerade frei sind, bewerben die ordentlich, und dann findet die Sendung schon ihr Publikum – egal ob das nun Dienstag, Donnerstag oder Sonntag ist.
Und was ist an den Gerüchten dran, dass Sie die Brocken hinschmeißen wollen, weil Sie mit der Quote unzufrieden sind?
Diese Gerüchte sind völlig dummes Zeug. Weder ist das ZDF mit mir unzufrieden noch ich es mit dem ZDF. Es ist alles in Ordnung.
Manche Kritiker werfen Ihnen vor, Bücher allzu pauschal und undifferenziert zu beurteilen.
Die Sendung sollte nie klassische Literaturkritik machen, das haben manche immer noch nicht verstanden, sie ist aber dennoch nicht trivial und seicht.
Hat die Show Sie auch persönlich weitergebracht?
Sehr sogar. Ich lese viel mehr Bücher als früher und hebe da manche Schätze. In der Jubiläumssendung ist Claus Peymann zu Gast, und der will unbedingt über Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ reden. Ich wollte mich vor dem Buch eigentlich drücken, weil es 1500 Seiten hat und so einen grässlichen Inhalt, aber er hat darauf bestanden. Jetzt habe ich es gelesen, und es ist ein grandioses Buch, das ich sonst wohl nicht gelesen hätte.
In der letzten Ausgabe haben Sie Martin Walsers „Ein liebender Mann“ empfohlen, obwohl Sie seine Werke 2007 als „Altmännerliteratur“ bezeichnet haben; er hat Sie dafür scharf kritisiert. Da mussten Sie wohl über Ihren Schatten springen...
Da haben alle gestaunt und gesagt: Was macht sie denn jetzt? Aber warum soll ich nicht ein Buch empfehlen, wenn es schön ist, auch wenn ich vorher von dem Autor mal was nicht schön fand? Das habe ich von Reich-Ranicki gelernt, dass man mit Emphase und Leidenschaft an die Bücher rangehen muss, statt zurückzugucken und zu sagen: Den Autor mag ich nicht, den boykottiere ich.
Haben Sie Kontakt zu Marcel Reich-Ranicki?
Ja klar, ich frage ihn oft um Rat. Wir reden über Bücher, wir telefonieren sehr häufig. Er ist mir ein wichtiger Lehrer und Ratgeber. Er sagt zwar in Interviews, ich hätte keine Ahnung von Literatur – aber ein bisschen Krach gibt es mit ihm eben immer. Ich weiß, dass er mich schätzt, und ich schätze ihn auch.
Reich-Ranicki hat mit 80 Jahren noch das „Literarische Quartett“ moderiert. Könnten Sie sich vorstellen, mit „Lesen!“ auch bis ins hohe Alter durchzuhalten?
Nein. Ich habe vor lauter Lesen gar kein Leben mehr. Ich stelle pro Ausgabe fünf, sechs Bücher vor, aber ich muss dafür mindestens 40, 50 Bücher lesen. Ich lese von morgens bis spät in die Nacht hinein. Ich komme selber gar nicht mehr zum Schreiben.
Schauen Sie sich andere Kultursendungen im Fernsehen an?
Ich gucke jeden Tag „Kulturzeit“ auf 3sat. Ohne diese grandiose Sendung kann ich gar nicht leben. Außerdem „Titel, Thesen, Temperamente“, schon allein weil ich ein Fan von Moderator Dieter Moor bin. Aber ich wünschte mir, dass die Kultur endlich einen größeren Stellenwert hätte und die Sendungen früher laufen würden.