München
Premiere

"Soldaten"-Oper in München: Ein Gewaltakt ohnegleichen

Für die Neuinszenierung der in jeder Hinsicht extrem schwierigen Oper "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann gab es am Sonntag im Münchner Nationaltheater Ovationen. Die Produktion ist selbst für das Publikum anstrengend, überzeugt aber in allen Punkten.
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Szene mit einer Sex- und Gewaltorgie in der Münchner Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" Alle Fotos: Wilfried Hösl
Szene mit einer Sex- und Gewaltorgie in der Münchner Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" Alle Fotos: Wilfried Hösl
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Kein Zweifel: Dieser Opernabend wird in die Theatergeschichte eingehen als einer, der das Unmögliche möglich gemacht hat. Und keiner, der am Sonntag die Premiere der Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" im Münchner Nationaltheater miterleben konnte, dürfte unberührt geblieben sein von diesem inhaltlich harten Werk. Eine unerhörte Kunstanstrengung für alle Beteiligten - auch für das Publikum, das erschöpft, aber frenetisch applaudierte.

Das Theater als moralische Anstalt, indem es zwei Stunden lang eine von dissonanter, überaus komplexer Zwölftonmusik unterlegte und überwucherte apokalyptische Sex- und Gewaltorgie vorführt, kann das gut gehen? Es kann.
Weil erstens die in jeder Hinsicht anspruchsvolle Vorlage es hergibt und zweitens sämtliche Verantwortlichen und Mitwirkenden mit stupendem Können, schlagender Präzision und sicherem Gespür, mit blutigem und heiligen Ernst den dahinter stehenden pazifistischen Gedanken aufgegriffen haben.

"Weltraumschiff" Staatsoper

Die Bayerische Staatsoper erweist sich mit dieser Produktion genau als das Theater, das der Komponist sich für seine einzige vollendete Oper wünschte: Sie ist das nicht nur technisch perfekt ausgerüstete "Weltraumschiff" - mit einem phänomenalen musikalischen Kapitän samt ergebener Crew, mit großartigen Solisten und einem Szenikerteam, das diesen Alptraum, unterstützt von exzellenter Bühnen- und Tontechnik, in überzeugend klare Bilder umsetzt.

Regisseur Andreas Kriegenburg hat den Titel der 1965 in Köln uraufgeführten "Soldaten" ernst genommen, zeigt beängstigend deutlich, wie schnell das humanistische Fundament dünn werden kann, wenn Menschen Uniform tragen. Es herrscht wohlgemerkt kein konkreter Krieg in dieser Oper. Doch wie das Militär in der ebenfalls von Herrschen und Beherrschtwerden dominierten Gesellschaft agiert und reagiert, wenn jemand - noch dazu eine junge Frau - sich ein paar Freiheiten herausnimmt, ist nichts anderes als ein zynischer Vernichtungsfeldzug.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Die Handlung um die nach Liebesglück und Selbstverwirklichung suchende Bürgerstochter Marie spielt, wie der Komponist es vorgeschrieben hat, gestern, heute und morgen - in einem Kontinuum, das in einem futuristisch angehauchten, fensterlosen, farbstark beleuchteten Endzeitraum mit sieben beweglichen Käfigen in Kreuzform angesiedelt ist (Bühne: Harald B. Thor, Licht: Stefan Bolliger). In Kostüm und Maske führen die Figuren sowohl zurück in die Sturm- und Drangzeit der literarischen Vorlage von Jakob Michael Reinhold Lenz als auch ins frühe 20. Jahrhundert (Kostüme: Andrea Schraad).

Wie Marie zur Hure gemacht wird, die im 4. Akt nach der grausamen Vergewaltigung zwischen Müllsäcken landet, wie ihr eigentlich braver Verlobter Stolzius zum Mörder und Selbstmörder wird, spiegelt der Regisseur unmissverständlich und genau, sowohl auf der familiären und gesellschaftlichen wie der militärischen Ebene. Die Protagonisten bedienen sich alle einer befremdlichen, expressiv überzeichnenden und doch kunstvollen, haargenau einstudierten Mimik und Körpersprache (Choreographie: Zenta Haerter), die nicht nur die Simultanszenen einsehbarer machen, sondern immer wieder zeigen, wie genau die Szene auf die Musik hört.

Frauen als Verfügungsmasse

Verrohte Männer sind hier deutlich in Überzahl, was sich bei der stets triebgesteuerten, faschistoid wirkende Soldateska unschwer an den stark geblähten Reiterhosen und dem extrem breiten Scheitel unter der Schirmmütze ablesen lässt, der offensichtlich das Denken ersetzt. Frauen sind für diese Männer nichts als Verfügungsmasse, die man - wie sonst jeden Feind - nach Gutdünken benutzen, missbrauchen, foltern und wegwerfen kann. Doch auch der kleinbürgerliche Vater Maries geht mit seiner Lieblingstochter mehr als grenzwertig um, konditioniert sie, ob bewusst oder unbewusst, mit seinem Entkleidungsritual für ihren Weg in den Abgrund.

Zwar sind die Frauen hier überwiegend Opfer, aber eben nicht nur. So differenziert wie Kriegenburg die drei verschiedenen Mütterfiguren führt, wird klar, dass auch Frauen nur bedingt bessere Menschen sind. Treibt die ehrgeizige Mutter Stolzius ihren Sohn nicht genauso gnadenlos an wie ein Offizier den einfachen Soldaten? Warum hält auch die scheinbar mitfühlende Gräfin de la Roche strikt am gesellschaftlichen Oben und Unten fest? Und sind die Wundmale von Maries strickender Schwester Charlotte nicht mehrdeutig?

Ein Hoffnungsschimmer bleibt

Für Marie, die von der phänomenalen Barbara Hannigan als intensiv-eigensinnig flatternder Paradiesvogel verkörpert wird, hat sich der Regisseur die Freiheit einer Schlusslösung genommen, die so nicht im Libretto steht. Sie geht - die Vergewaltigungsszene findet mit einem Double statt, wirkt dadurch aber keinen Deut weniger schlimm - selbst nach dem langen finalen Marsch- und Schrei-Klang nicht unter, sondern reckt wie beim Preludio die Arme hoch, streckt gleichsam die gebrochenen Flügel gen Himmel. Ein kleiner Hoffnungsschimmer inmitten dieser Götterdämmerung, denn das letzte, was man hört ist der Atem dieses schrecklich geschundenen Menschenwesens.

Ein sängerdarstellerisches Ereignis der Extraklasse, das bei der Premiere in ähnlicher Intensität auch Michael Nagy als von vielen gedemütigter Stolzius lieferte. Ovationen gab es darüber hinaus zu Recht für Okka von der Damerau als Charlotte, Nicola Beller Carbone als Gräfin und Daniel Brenna als Desportes. Und jeder einzelne der zwei Dutzend weiteren, sängerisch mit unglaublichen Intervallsprüngen extrem geforderten Solisten - darunter die inzwischen 70-jährige, immer noch fesselnde Hanna Schwarz - verdiente seine Würdigung.

Die Beatles als Bühnenmusiker

Erst recht zu loben sind das Orchester und die zusätzlichen Instrumentalisten, die unter der umsichtigen Leitung von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko teilweise sogar das live ausführen, was der ohnehin die Grenzen des Machbaren überschreitende Komponist als Zuspielung vom Band gedacht hatte. So vollführen Schlagzeugstudenten aus München und Salzburg zum Beispiel im 2. Akt auf der Bühne das Kunststück, auf die Sechzehntel-Pause genau mit Kaffeegeschirr zu musizieren.

Dass die instrumentalen Anforderungen schon vom Material her außergewöhnlich sind, kann man im lesenswerten Programmheft unschwer schon aus der Besetzung ersehen. Im ohnehin sehr großen Orchesterapparat sind allein vierzehn Schlagzeuger vorgesehen, die im Orchestergraben und als Bühnenmusiker eine Unmenge an Instrumenten spielen, darunter drei möglichst lange und frei hängende Eisenbahnschienen. Nicht zu vergessen die Jazz-Combo, die in ihrem Outfit an die frühen Beatles erinnert und einen wie von ungefähr an deren spätere Number-Nine-Nummer denken lässt. Apropos Collagentechnik: Den unter den Opernfreunden zahlreichen Zwölftonmusikangsthasen sei nachdrücklich ans Herz gelegt, es mit Bernd Alois Zimmermann jetzt in München zu versuchen. Seine "Soldaten" sind zwar auch ohne den visualisierten Atomschlag ein Gewaltakt ohnegleichen, aber sie sind in dieser meisterhaften Produktion vor allem eines: große, überwältigende Musiktheaterkunst.

Die Vorstellung am 31. Mai ab 19 Uhr wird im Rahmen von Staatsoper.TV live, kostenlos und in voller Länge im Internet übertragen.