59,7. Das ist das Durchschnittsalter der Autorinnen und Autoren, die beim Bamberger Literaturfest lesen. Wenn man die Lesung vom vergangenen Samstagabend im Zirkus Giovanni nicht mitrechnet (und den Poetry Slam, geschenkt).

Die "junge Literatur" von je zwei Autorinnen und Autoren, allesamt geboren in den 80er Jahren, bekommt einen eigenen Fokus. Folgerichtig kündigt Nevfel Cumart, der den Abend moderiert, auch an: Vielleicht gibt es in ein paar Jahren ja ein Wiedersehen mit Christian Dittloff, Denis Pfabe, Mercedes Lauenstein oder Joefine Rieks. Wenn er oder sie dann sein drittes oder viertes Buch geschrieben habe.

Cumart benennt damit eigentlich ein Problem: Dass man etabliert sein müsste für einen eigenen Abend auf dem Festival.

Die vier sind aber keine Nachwuchskräfte, die ihr schönstes Ferienerlebnis aufgeschrieben haben. Auch wenn Cumart die Ex-Philosophiestudentin Rieks tatsächlich sehr paternalistisch fragt: "Bist du eine kleine Philosophin?" Es handelt sich um betriebs- und mediengeschulte Profis, die viel beachtete Romane in großen Verlagen veröffentlicht, die Preise einkassiert und zig Lesungen gehalten haben.

Alle vier zusammenzuspannen, macht zwar eine kurzweilige Veranstaltung, verhindert aber, dass man einen echten, tiefergehenden Eindruck der Bücher erhält. Auf die Idee einer Ü-60 Lesung, "alte Literatur", würde andererseits niemand kommen. Das Aktuelle schwimmt so leider etwas an Bamberg vorbei.

Ein ergriffener Leser

Dabei hätten alle vier eine nähere Betrachtung verdient. Da ist zunächst Mercedes Lauenstein mit "Blanca", einer Road-Novel.

Die 15-jährige Titelheldin flieht aus der konflikthaften Beziehung zu ihrer Mutter nach - fast klassisch - Italien! "Ich wusste schon lange", sagt Lauenstein im Gespräch, "dass ich so eine Art von Buch schreiben werde." Und Nevfel Cumart schildert sein Leseerlebnis: "Nach dem letzten Satz habe ich laut ,O Gott' gerufen. Ich bin zitternd nach draußen und habe eine Zigarette geraucht."

Es folgt, mit 36 Jahren, der älteste im Bunde, Christian Dittloff. "Das weiße Schloss" ist eine waghalsige Versuchsanordnung: Ein Paar will Kind, Karriere, Fun vereinbaren können - und beauftragt deshalb eine Einrichtung, die Tragemütter zur Verfügung stellt, die den Nachwuchs zur Welt bringen und aufziehen. Dittloffs Leseexemplar des Romans trägt einen Aufkleber: "Megaseller. 8 Wochen auf Platz 1." Den hat er, verrät er schelmenhaft, von Charlotte Roches "Feuchtgebiete" geklaut: "Fake it till you make it."

Dittloff hat unter anderem literarisches Schreiben in Hildesheim studiert, Dennis Pfabe ähnliche Seminare in München besucht. Er fährt aber auch an drei Tagen pro Woche Gabelstapler im Baumarkt. Der Rest der Zeit bleibt zum Schreiben, so entstand "Der Tag endet mit dem Licht". Die Geschichte einer Frau, Frida Baier, die dem weltbekannten, aber fiktiven Performancekünstler Adrian Ballon assistiert. Die beiden begeben sich auf die Suche nach riesigen Fenstern - um diese aus den Häusern zu schneiden.

Cumart zeigt sich erstaunt über die reduzierte Sprache. Das Buch komme fast ohne Dialoge aus. Pfabe erklärt die Verknappung als Prinzip der Sprache der Geschichte: "Frida ist eine Erzählerin, die sich gegen das Erzählen wehrt."

Zuletzt Josfine Rieks und ein in der Anlage vielleicht am ehesten mit Dittloffs weißem Schloss verwandtes Buch: "Serverland" erzählt von einer Zukunft ohne Internet. Eine Gruppe Nerds um Reiner, den "Messias der Datenströme", will die alten Serverhallen wieder zum Leben erwecken. Rieks erzählt flink und drastisch, Serverland kommt mit einer Rotzigkeit daher. Inspiriert worden sei sie von einer Geschichte Arno Schmidts, die eine Post-Atomkrieg-Welt ohne Menschen aufruft.

Das Bamberger Publikum geht sicher trotz kriechender Kälte etwas angezündet aus dem Zirkuszelt. Die nächste Generation der Literatur greift wieder zu den großen Registern: Mutterschaft, Familienkonflikte, Identität, Zukunft. Vier mehr oder minder junge Schreibende zeigen, dass Bücher nicht aus Ohrensesseln stammen müssen.