Wenn es um schwule Emanzipation geht, fangen die Probleme bekanntlich schon bei der Wortwahl an, je nachdem, wie das "schwul" ausgesprochen wird. Umso wichtiger ist ein selbstbewusster, ja stolzer Umgang mit der eigenen sexuellen Identität. "Pride" oder genauer "Gay Pride" lautet das Stichwort, das der britische Schauspieler Alexi Kaye Campbell mit seinem ersten Theaterstück aufgegriffen hat. Das Staatstheater Nürnberg hat am Samstag die deutsche Erstaufführung von "Pride" realisiert.

Das 2008 in London uraufgeführte und mit einem Preis ausgezeichnete Stück lebt von der zeitlichen Gegenüberstellung einer schwulen Paargeschichte: Die hin und her springende Handlung spielt 1958, als zum Beispiel in Deutschland der Paragraph 175 galt und homosexuelle Handlungen noch mit Gefängnisstrafen geahndet wurden, und 2008, wo schwule Paare problemlos offen ihre Beziehungen leben und wie im Stück sagen können: "Schwul ist in Ordnung."

Schwules Paar im Doppelpack
Im Mittelpunkt stehen jeweils Philip (Marco Steeger) und Oliver (Stefan Willi Wang) - zusammen mit Sylvia (Tanja Kübler), die als betrogene Ehefrau Philips bzw. als Busenfreundin Olivers die Frauenproblematik spiegelt, während ein weiterer Darsteller (Stefan Lorch) als drahtiger SM-Callboy, als Verleger eines nach allen Seiten hin offenen Männer-Magazins und als vor nichts zurückschreckender Psychotherapeut in zusätzlichen Facetten aufzeigt, wie sich die Wahrnehmung von schwuler Identität verändert hat.

Die Stärke des Stücks und der Inszenierung von Maik Priebe besteht darin, dass und wie die Zeitebenen sich fast unmerklich vermischen - ganz wie es auch das Motto verspricht, das besagt: "Die Vergangenheit ist ein Geist in der Gegenwart genau so wie die Gegenwart ein Geist der Vorahnung in der Vergangenheit ist.". Zwar atmet jeder erleichtert auf, dass wir nicht mehr in Zeiten leben, wo Ärzte allen Ernstes glaubten, Homosexualität mit Übelkeit erzeugenden Spritzen aus der Welt schaffen zu können. Aber werden Schwule nicht auch heute noch in vielen Ländern verfolgt, bis hin zur Todesstrafe?

Ein Ende mit Fragezeichen
Zwar ist man froh zu sehen, dass dank der sexuellen Revolution sich niemand mehr selbst so verachten, verbiegen und verleugnen muss wie Philip anno 1958. Aber ist er ein halbes Jahrhundert später in einer nicht nur sprachlich vollkommen sexualisierten Welt, wo angeblich alles geht, also auch das, was nicht gehen sollte, glücklicher? Wohin kann diese Freiheit führen?

Sie führt im konkreten Fall - so besagt es das Stück und die Inszenierung zeigt es hautnah - zu einem verletzten, aus der Bahn geworfenen, gebrochenen Herzen, das sich nur noch in einen Gewaltakt zu flüchten weiß. Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen 1958 und 2008. Ausgerechnet Philip, der wie das Gros der Nachkriegsgesellschaft das Schwulsein als widernatürlich empfindet, entlädt sich hier, ausgerechnet der brave, treue Philip und nicht der ungehemmt seiner Promiskuität frönende Oliver schlägt zu: Erst ist es nur eine Ohrfeige, dann eine Vergewaltigung, die selbst das Gitterwerk ins Wanken bringt, in das Susanne Maier-Staufen die Akteure sperrt.

Nichts für Zartbesaitete
Das Stück ist selbstredend nichts für Zartbesaitete. Schon die abgefuckte, prollige Gegenwartssprache dürfte manchen Bildungsbürger abschrecken. Fast wünschte man sich da zurück in die miefigen 50er Jahre, als zumindest in der Öffentlichkeit von Sexualität wenig konkret und sehr sublimierend geredet wurde. Nicht umsonst erinnert Stefan Willi Wangs Oliver von 1958 an eine Mischung aus Thomas Mann, Anthony Perkins und Helmut Berger, während Marco Steegers Philip äußerlich eher als stinknormaler Handlungsreisender à la Dustin Hoffman auftritt, dem ein lässiger Schal genügt, um fünfzig Jahre Männermode zu überbrücken (Kostüme: Mareike Porschka).

Die Schwäche des Stücks und der Inszenierung ist seine Länge. So authentisch und beiläufig die Dialoge klingen - auch in der deutschen Version von Max Faber -, fast drei Stunden Spieldauer sind des Guten einfach zuviel. Bei allem Einfallsreichtum, bei aller Drastik, bei allem Witz auch ist es dem Autor nicht gelungen, die Szenen und die Sprache gleichzeitig dramatisch so zu verdichten, dass keine Langeweile aufkommen kann. Mutige Striche allein würden das Problem nicht lösen. Der schwarze Peter liegt beim Autor selber.


Termine und Karten
Weitere Vorstellungen am 9., 12., 16., 23. und 27. März, am 2., 16. und 27. April, am 8., 14. und 26. Mai sowie am 2. Juni. Karten-Hotline 0180/5231600