Würzburg
Oper

Salome im zeitnahen Hinterhof des Grauens

In Würzburg spielt "Salome" von Richard Strauss nicht in einem Palast zu Lebzeiten von Jesus, sondern im Backstagebereich einer Alkohol-, Sex- und Drogenparty. Den Horrortrip mit dem am Ende geköpften Jochanaan hat Alexander von Pfeil virtuos inszeniert.
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Blumenkind Salome (Karen Leiber) mit dem Kopf des Jochanaan auf dem Silbertablett Alle Szenenfotos: Falk von Traubenberg
Blumenkind Salome (Karen Leiber) mit dem Kopf des Jochanaan auf dem Silbertablett Alle Szenenfotos: Falk von Traubenberg
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Dass das Theater gerammelt voll ist von Männerfantasien, ist nichts Neues, schon einfach deshalb, weil bis vor kurzem Frauen nur in Ausnahmefällen getextet und komponiert haben und eventuelle Gegenbilder schaffen konnten - ganz zu schweigen von biblischen Autoren! Wie auch immer: Salome ist ein männermordender Mythos, über den nachzudenken sich lohnt. Zum Beispiel anhand der gleichnamigen Oper von Richard Strauss, die Alexander von Pfeil jetzt mit einem anderen, nichtsdestoweniger verstörenden Blick inszeniert hat.

Die Würzburger "Salome"-Interpretation ist, wie schon 2011 Giuseppe Verdis "Macht des Schicksals" vom selben Regisseur, ein großer, nachhaltiger Opernabend und darf als ein Höhepunkt des Strauss-Jubiläumsjahrs bezeichnet werden, in einem Atemzug mit Patrice Chéreaus "Elektra" in Aix en Provence, mit der "Frau ohne Schatten" in München und "Arabella" in Nürnberg. Klingt nach einer großen Hausnummer, ist es auch. Um gleich die einzig erhebliche Einschränkung zu nennen: Das atmosphärisch dichte Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra - gezeigt wird die wenig einladende Rückseite eines eher zeitgenössischen Beton- oder Tanzpalasts mit einem nie fertig gestellten Schwimmbad in der Mitte - ist akustisch ungünstig, schluckt einiges von den Sänger- und den Orchesterstimmen, was den positiven musikalischen Gesamteindruck leider schmälert.

Herodias ist das schlimmste Biest

Das trashige Hinterhof-Ambiente wird bevölkert von Figuren, die Katharina Gault präzise im 60er- und 70er-Jahre-Look ausstaffiert hat und einen an Abba denken lassen, an Dallas und Denver, Hippies und Junkies - und an Francis Ford Coppolas "Paten". Letzterer ist der Te trarch Herodes, ein allerdings schwacher Unterweltkönig, der sichtlich unter der Fuchtel seiner Frau Herodias steht. Sie ist ein Ausbund von einem Biest, eine schrille und schreckliche Schlampe, die weibliche Inkarnation des Bösen. Genau da setzt das kluge Regiekonzept an. Alexander von Pfeil präsentiert Salome nicht als Femme fatale, sondern eingangs noch als unschuldiges Mädchen, das als Opfer seiner familiären Umwelt in das grausige Geschehen nur zwangsläufig hineinschlittert.

Kein Wunder bei der Mutter! Kein Wunder bei einem Stiefvater, der auf nichts anderes hinarbeitet als auf Sex mit der unmündigen Stieftochter! In bravem Kleidchen und mit einem Geigenkasten schneit Salome in diese immerwährende Alkohol-, Sex- und Drogenparty und bringt zuerst - anders als es im Libretto nach Oscar Wilde steht - den aufdringlichin sie verliebten Narraboth um, eher aus Versehen. Dass der vermutlich gekidnappte Jochanaan sie fasziniert, liegt auf der Hand. Selbst in seinem Verließ lässt dieser ganz in Weiß gekleidete, in Haar- und Barttracht an Charles Manson erinnernde Revoluzzer oder intellektuelle Sektierer nicht von seiner Reiseschreibmaschine und verflucht die Verlockungen jener abartigen Welt, aus der Salome letztlich nur insofern ausbrechen kann, als sie sich deren Verhaltensnormen krass bedient.

Ein Schluss mit Knalleffekt
Die berühmte Schleiertanznummer ist kein Soloauftritt, sondern findet im Hippie-Kollektiv statt, bei dem sich der nach ihr geifernde Herodes mal eben von einer anderen Frau oral befriedigen lässt. Indem Salome es ihr nachtut, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Es ist kein perverser Vamp, der am Schluss den abgehackten Kopf des Jochanaan küsst, sondern ein junger, schrecklich verlorener, verzweifelter und missbrauchter Mensch, der aufgrund seiner Sozialisation nicht anders und nur so aus seiner Haut kann.

Das schlüssige, inhaltlich sehr genaue und in handwerklich perfekter Personenführung umgesetzte Konzept nimmt sich die Freiheit, an den Schluss noch ein Ausrufezeichen zu setzen. Die Schüsse beenden nicht Salomes Leben, sondern der weibliche Page der Herodias fällt ausgerechnet jenen Mann, der in dieser Inszenierung am meisten Empathie zeigen durfte: Herbert Brand als einer der beiden Soldaten ist ein Security-Mann, den man nicht so schnell vergisst.

Schuldig gemacht haben sich hier alle, Männer, Frauen und Salome. Wie überhaupt sämtliche Haupt- und Nebenfiguren ein so fesselndes und authentisches Eigenleben haben, dass es sich lohnt, nicht nur einmal in die Aufführung zu gehen. Groß die sängerdarstellerischen Leistungen, die auch bei der besuchten zweiten Vorstellung ausgiebig gefeiert wurden: allen voran Karen Leiber als Salome, Paul McNamara als Herodes, Sanja Anastasia als Herodias, Johan F. Kirsten als Jochanaan (dessen Stimme aus der Zisterne leider nicht professionell genug verstärkt wird) und Yong Bae Shin als Narraboth. Auch die Nebenrollen sind mit Ensemblemitgliedern gut besetzt. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Enrico Calesso spielt mit Präzision und Aplomb bei den opulenten Steigerungen eine leicht reduzierte Fassung dieser Strauss-Partitur, die auch 108 Jahre nach ihrer Uraufführung noch ungeheuerlich wirken kann.