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Bamberg
Premiere

Premiere am E.T.A.-Hoffmann-Theater: Was Frauen wollen, zählt nicht

Der Staat macht seinen Untertanen das Leben zur Hölle, so wie Männer den Frauen das Leben zur Hölle machen. Mit "Das achte Leben" (Für Brilka)" eröffnete das ETA-Hoffmann-Theater am Samstag die neue Saison.
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Marlene-Sophie Haagen, Bertram Maxim Gärtner, Marie-Paulina Schendel, Angelika Bartsch, Stefan Herrmann und Stephan Ullrich ( v. l.) spielen in "Das achte Leben (Für Brilka)".  Foto: Martin Kaufhold
Marlene-Sophie Haagen, Bertram Maxim Gärtner, Marie-Paulina Schendel, Angelika Bartsch, Stefan Herrmann und Stephan Ullrich ( v. l.) spielen in "Das achte Leben (Für Brilka)". Foto: Martin Kaufhold

Freiheit vor dem Staat, Freiheit auch vor den eigenen Lebenslügen versprechen allein der Tanz und die Musik. "Tanze!", riefen aus dem Totenreich die Männer und Frauen der Familie Jaschi deshalb auch der jungen Brilka (Stefan Herrmann) zu.

Mit diesem programmatischen Geltungsanspruch der Kunst und damit auch des Theaters fand am Samstag ein unterhaltsamer, allerdings auch mit einigen Längen belasteter Premierenabend ein inspiriertes Ende. Mit der Bühnenfassung des Romans "Das achte Leben (Für Brilka)" eröffnete das E.T.A-Hoffmann-Theater die neue Saison.

Liebe, Verrat und Agonie

In ihrem Roman "Das achte Leben (Für Brilka)" folgt Nina Haratischwili der georgischen Familie Jaschi durch das 20. Jahrhundert. Sie erzählt von Liebe, Verrat und Selbstbetrug im Zeitalter des Sozialismus. Sie erzählt von dessen Aufstieg, Agonie und Verfall.

Für die Pervertierung des sozialistischen Gesellschaftsmodells fanden Regisseurin Sybille Broll-Pape und Dramaturg Remsi Al Khalisi im Gesicht der Christine (Angelika Bartsch) ein erschütternd klarsichtiges Bild. Um die Frau mit den bildschönen Konturen aus dem sexuellen Klammergriff der kommunistischen Nomenklatura zu befreien, glaubt ihr Mann Christine sie mit Säure überschütten zu müssen. Im entstellten Gesicht Christines gibt sich die hässliche Fratze des Sozialismus zu erkennen.

Die Jaschis leben ihr Leben zu den Bedingungen staatlicher Autorität. Als Symbol dieser Unterwerfung ließen Broll-Pape und Al Khalisi ihre Schauspieler auf einer sich unentwegt bewegenden Drehscheibe agieren. Deren Bewegung waren sie ausgeliefert. Einfluss auf die Scheibe hatten sie nicht.

Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum spiegelt sich auf der Bamberger Bühne im Verhältnis zwischen den Männern und den Frauen. Die Frauen gieren nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Die Männer (Stephan Ullrich, Bertram Maxim Gärtner und Stefan Herrmann) verpassen in den ideologischen Schützengräben ihr Leben.

Und so wie der Staat seinen Untertanen ein selbstbestimmtes Leben verwehrte, so verwehrten dieses die Männer den Frauen. Glücklich wurden sie beide nicht. Selbst der mit Macht und Einfluss ausgestattete Apparatschik Kostja (Stephan Ullrich) verkümmerte zu einem selbstmitleidigen Alkoholiker. Die Frauen bezahlten die Suche nach ihrem Platz in der Welt ohnehin oft genug mit dem blanken Leben.

Drei Stunden Spielzeit

Obwohl Kritiker und Leser dem Roman gleichermaßen gewogen waren, gingen Broll-Pape und Dramaturg Al Kalisi mit dessen Bühnenadaption ins künstlerische Risiko. Allein das über 1300 Seiten und sechs Generationen aufgefächerte Personentableau setzte Fragezeichen hinter das Vorhaben. Die Bamberger griffen zurück auf jene Bearbeitung, die sich schon bei der Uraufführung am Hamburger Thalia-Theater bewährt hatte. Das tat die Fassung auch in Bamberg - und erwies sich bei einer keineswegs aus dem Rahmen fallenden Spielzeit von drei Stunden als dennoch zu lang.

Denn auserzählt waren die Leitmotive bereits nach etwa zwei Stunden Spielzeit. Die Macht des Staates über die Menschen, und die der Männer über die Frauen aber wurden in immer neuen Anläufen aufs Neue veranschaulicht. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn rechtfertigte diese

Bemühungen freilich nicht.

Gegen Broll-Pape und Al Khalisi verwenden lässt sich dieser erzählerische Überschuss nicht: Bei Uraufführungen haben die Autoren selbst das letzte Wort. Den Schauspielern immerhin boten die Variationen des bereits Gezeigten Gelegenheit, bei Aufmärschen, Militärübungen und Feiern ihr Können tanzend, singend - vor allem aber an den Verhältnissen leidend - in Gänze zu entfalten.

Insbesondere Ewa Rataj, Marlene-Sophie Haagen, Marie-Paulina Schendel und Stefan Herrmann dürfte dies zupass gekommen sein. Die Neuzugänge packten die Chance beim Schopfe und bereicherten mit ihrem facettenreichen Spiel umgehend das Ensemble.

Kittys Lebenshunger

Umso greller stach ins Auge, wenn die Regie dem Ausdrucksvermögen der Schauspieler einmal nicht vertraute. Dann wurde behauptet, nicht gespielt.

So durfte Stasia aus Trauer über die Hinrichtung ihrer Freundin Sopio (Anna Döing) ihre Blumen erst dann zertrampeln, nachdem dies dem Publikum angekündigt worden ist. Die famose Katharina Brenner vollzog das Gesagte anschließend gestisch nur noch nach.

Bewahrt haben sich Broll-Pape und Al Khalisi ihren künstlerisch produktiven Umgang mit Musik. Kaum einmal untermalten die eingespielten und von den Schauspielern auch live gesungenen Lieder lediglich die Szenen. Oft eröffneten sie der Handlung stattdessen weitere Hallräume.

So verknüpfte Nina Simones "Aint got no" den ungestillten Lebenshunger Kittys (Ewa Rataj) mit dem Emanzipationskampf aller sich unfrei Fühlenden. Einen bezaubernden Moment lang war es völlig egal, wo und wann "Das achte Leben (Für Brilka)" überhaupt spielte.