Der Stylit der Spätantike führte ein für uns Zeitgenossen wenig beneidenswertes Leben. Er fristete sein Dasein auf dem Kapitell einer Säule (griech. stylos), seine Nahrung wurde ihm hinaufgereicht; manche Asketen verließen ihr freiwillig gewähltes luftiges Exil ihr Leben lang nicht mehr.

Dass die "Acht Poeten in Bamberg" von ihren sechs Meter hohen Stelen heruntersteigen, steht nicht zu erwarten. Das Weltkulturerbe werden sie jedoch voraussichtlich am 24. November verlassen. Die Skulpturen des katalanischen Bildhauers Jaume Plensa stehen schon seit einiger Zeit in Bamberg. Eingefädelt hat das spektakuläre Kunstereignis der frühere Direktor des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, Bernd Goldmann, der für frühere Großplastiken-Expositionen verantwortlich zeichnet und nunmehr als ehrenamtlich schaffender Kunstförderer allerlei Aktivitäten in Bamberg entfaltet.
Kurator Goldmann würdigt jedoch expressis verbis die Bemühungen von Bürgermeistern und Kultursenat um diese von der Stadt Bamberg veranstaltete Ausstellung, die erste mit Großplastiken seit 2006.

Mit einem vergleichsweise schmalen Etat (80 000 Euro) hat Bamberg einen spektakulären Coup gelandet. Jaume Plensa ist ein Künstler von Weltrang. Plensa-Skulpturen stehen im New Yorker Madison Square Garden, ein 15 Millionen Euro teurer Brunnen ziert den Mil-lennium Park Chicagos, Plastiken des 1955 in Barcelona geborenen Katalanen stehen im Yorkshire Sculpture Park.



Und jetzt also in Bamberg. Seine acht Bamberger "Säulenheiligen" folgen zwar Vorbildern andernorts, sind jedoch erstmals nicht um einen Platz gruppiert, sondern verteilt auf vom Künstler ausgesuchte Standorte. Die 260 Kilo schweren aus Fiberglas gegossenen Poeten hocken auf sechs Meter hohen Edelstahl-Stelen. Ihre Posen variieren leicht, mal halten sie sich die Augen zu, mal den Mund, mal die Ohren, mal umschlingen sie die Knie. Ihre Köpfe sind beschriftet mit Wörtern wie "Body - Soul - God" oder "Country" . Allerdings ist die Schrift für die da unten kaum zu lesen.

Mystische Versenkung

Doch das ist schon die einzige Kritik, die einem nach einem abendlichen Rundgang durch die Bamberger Altstadt einfällt. Die durch LEDs von innen beleuchteten Figuren - tagsüber schimmern sie mattweiß - changieren farblich in einem vom Künstler programmierten Rhythmus, gleiten von Blutrot über metallisches Blau in sattes Grün samt Zwischentönen. Sie strahlen eine majestätische, meditative Ruhe aus, sind durch die Säulen wie entrückt vom Weltgetümmel. Jaume Plensa hat sehr genau Gesamtkunstwerke aus Position, Materialität, Raum und nicht zuletzt Blickrichtung komponiert: So schaut der Poet auf der Oberen Mühlbrücke flussaufwärts, der am Alten Rathaus zur Martinskirche. Selbst wer dem Wort "Spiritualität" für gewöhnlich misstraut, spürt einen Hauch von Ewigkeit.

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Die Standorte Innenhof des Klosters St. Michael; Altes Rathaus; Domplatz; Platz vor Erzbischöflichem Palais; Obere Mühlbrücke; Schönleinsplatz; Universität U2 (Innenhof); Universität U5