Früher, zu den Glanzzeiten der "Werkstatt Bayreuth", lautete unter Kritikern und den gar nicht so wenigen Besuchern, die jedes Jahr ihre Festspielkarten hatten, die zentrale Frage in den ersten Wiederaufnahmejahren einer Inszenierung: "Was hat er geändert?" Mit er war der Regisseur gemeint, denn im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts waren Opernregisseurinnen noch immer eher die Ausnahme - auch am Grünen Hügel, wo sich stets nur Frauen einbringen durften, die direkt aus der Wagnerfamilie kamen.

Es war und ist ebenfalls eine Ausnahme, dass man sich bei einer Festspielproduktion, die schon im fünften Sommer auf dem Spielplan steht, immer noch und unabhängig von Besetzungsänderungen die Frage stellen kann, was denn konkret anders ist. Bei Stefan Herheims bedeutender und ungemein vielschichtigen "Parsifal"-Inszenierung von 2008 ist das der Fall.

Neue Farb- und Lichteffekte

Natürlich hat der aus Norwegen stammende, vielfach ausgezeichnete und preisgekrönte Opernregisseur, weil dieser "Parsifal" am 11. August live in ausgewählte Kinos übertragen und auf Arte gesendet wird, die Chance genutzt, seine Inszenierung nochmals zu überarbeiten. In zwei Probenwochen widmete er sich diesmal nicht nur Burkhard Fritz, dem soliden neuen Titelprotagonisten, sondern präzisierte und verstärkte mit vielen Farbeffekten die Beleuchtung.

Auf meine Frage, was er noch alles geändert habe, denn mir schienen die wechselnden Perspektiven und Personenkonstellationen jetzt prägnanter und klar, antwortete Stefan Herheim, dass es vielen ähnlich erginge. Das liege wohl daran, dass man als Zuschauer nicht alles gleichzeitig erfassen könne und seinen jeweils eigenen Fokus suche und finde. Womit er ganz nebenbei beschrieben hat, was gute Operninszenierungen auszeichnet: Dass sie dem Publikum die Möglichkeit bieten, egal wie oft sie diese Interpretation sehen, immer noch etwas Neues, Aneckendes, Bereicherndes, Nachdenkenswertes zu entdecken.

Familien- und Festspielgeschichte

Was für ein wunderbares Füllhorn Herheims "Parsifal" ist, wurde - unter verschiedenen Aspekten - an dieser Stelle schon in den letzten vier Jahren beschrieben. Der Versuch, Handlung und Inhalt von Richard Wagners 1882 in Bayreuth uraufgeführtem Bühnenweihfestspiel auf einer psychologischen Ebene zu erzählen und konkret mit der Familien- und Festspielgeschichte und damit beispielhaft mit der deutschen Geschichte bis hin zum Bonner Bundestag zu verquicken, ist glänzend gelungen.

Wofür sich "Parsifal" durchaus anbietet. Denn von der eminent politisch gedachten "Ring"-Tetralogie unterscheidet sich Wagners Spätwerk bekanntlich in einem nicht unwesentlichen Punkt: Mit dem zunächst 30 Jahre exklusiv den Festspielen vorbehaltenen "Parsifal" vollzog sich spätestens im Kampf um die Schutzfrist der Eintritt eines Wagnerwerks in die Real- und Tagespolitik. Der Rest ist nicht nur Rezeptionsgeschichte.

Theatersinnliche Bilder

Das mag abstrakt und akademisch klingen, aber es zeigt, dass Herheim und sein Team (Bühne: Heike Scheele, Kostüme: Gesine Völlm, Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach) ihre durchwegs spannenden und theatersinnlichen Bildfindungen auf solider Basis gebaut haben. Da ist nichts - und schon gar nicht die großen Hakenkreuzfahnen - zu weit hergeholt. Die immer wieder praktizierten Brechungen und Spiegelungen appellieren an das Publikum, sich selbst ein Bild zu machen und weiter zu denken.

Es ist phänomenal, was Solisten, Choristen und Statisten leisten. Zwar kann aus dem jetzigen "Parsifal"-Ensemble sängerisch keiner dem Gurnemanz des Kwangchul Youn das Wasser reichen - leider ist er Bassist und kein Tenor, sonst hätte er Standing Ovations bekommen! Aber die Überzeugungskraft und Unbedingtheit, mit der sich auch Susan Maclean (Kundry), Burkhard Fritz (Parsifal), Detlef Roth (Amfortas), Thomas Jesatko (Klingsor) und alle anderen in ihre Rollen werfen, lässt das Mäkeln an den nicht ganz perfekten Stimmen als beckmesserisch erscheinen.

Souveräner Debütant im Orchestergraben

Die Musik gibt den plastischen und schillernden, aber stets als Kunstfiguren erkennbaren Menschen auf der Bühne zusätzlich Statur und spricht, so theatralisch zügig, einfühlsam, aber nie kitschig verklärend der souveräne Hügel-Neuling Philippe Jordan sie dirigiert, mehr von Zweifeln, Sehnsüchten und Hoffnung als von Erfüllung und Erlösung. Seine Interpretation stützt die Szene kongenial. Das ist im fünften Jahr der Produktion die wohl wesentlichste Änderung. Die neunte "Parsifal"-Inszenierung in der Festspielgeschichte ist erst jetzt richtig rund - und doch ist sie, wie Gurnemanz klagt, eine "Wunde, die nie sich schließen will".


"Parsifal" live mal drei
Am 11. August kann man gleich auf drei verschiedene Weisen an der Festspielaufführung des "Parsifal" partizipieren: Der Bayerische Rundfunk sendet auf BR Klassik ab 18.05 Uhr eine Aufzeichnung der Premierenvorstellung vom 29. August. Live-Übertragungen der Vorstellung vom 11. August gibt es ab 15.45 Uhr in ausgewählten Kinos - darunter in Bamberg, Bayreuth, Erlangen, Hof und Kronach - zum Einheitspreis von 27 Euro, mit einem kinoexklusiven Pausenprogramm. Außerdem zeigt der TV-Sender Arte diese Aufführung etwas zeitversetzt ab 17.15 Uhr.