Es ist nicht leicht, einer Inszenierung gerecht zu werden, die einerseits durch eine Fülle von Ideen besticht und deshalb auf große Publikumsbegeisterung stößt, andererseits aber an unauflöslichen Widersprüchen krankt. Mit dem neuen Bayreuther Parsifal, von Uwe Eric Laufenberg inszeniert und am Montag zur Festspieleröffnung geboten, verhält es sich so.
Die Gralsritterschaft in einem umkämpften Gebiet des Nahen Ostens zu verorten ist eine Idee, die schon aus tagespolitischen Gründen für Brisanz garantiert. Damit dieser geographische Brennpunkt auch ganz klar ist, wird das Publikum bald auf eine Google-Earth-Reise mitgenommen, die zunächst vom Ort des Geschehens in galaktische Weiten führt und auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt ein Klosterdach - und sogar den Altar darunter - fokussiert.
Wer in den letzten Wochen wegen der endlosen Anschlagsserien öfters auf die Landkarte des Iraks schauen musste, ahnt: Da ist Falludscha nicht weit.
Wir sind also im Mesopotamien der Gegenwart angelangt, wo ein christliches Kloster allenfalls noch in ruinösem Zustand vorkommen kann. Dessen Mönche haben sich angesichts der prekären Verhältnisse längst ein klandestines Überlebensverhalten angewöhnt. So packen sie ihr Kruzifix zeitweise ein oder entfernen sicherheitshalber die Christusfigur. Immerhin besitzen sie trotz der bedrohlichen Lage noch den Mut, Klosterasyl zu gewähren, was durch die eher sporadisch umhergeisternden Soldaten nur unter eingeschränktem Schutz geschehen kann. Gurnemanz, der große Erzähler unter den Gralsrittern, teilt sein Wissen recht nüchtern mit, doch mit dem Erscheinen des Amfortas wird es dramatisch, denn dem sowieso Stigmatisierten wird die Jesus-Wunde abermals geöffnet. Christentum erfordert hier noch mehr Leidensbereitschaft als andernorts, so lautet wohl die Botschaft, und deshalb fließt viel Theaterblut auf den Deckel des überdimensionierten Gralskelches.
Im zweiten Akt entpuppt sich Klingsors Zauberschloss als orientalisch anmutendes Souterrain mit angeschlossenem türkischem Bad. Der Finsterling scheint glaubensspezifisch etwas unentschlossen zu sein, denn er fuchtelt einerseits mit Kreuzen herum, ja wacht sogar über ein ganzes Arsenal von (entwendeten?) Kreuzen, verweigert aber andererseits die zumindest angedeutete islamische Gebetshaltung und wirft den dafür mitgeführten Teppich wütend weg. Eine Geisel wird abgeführt, eine Enthauptung angedeutet, Soldaten huschen vorbei, die Blumenmädchen erscheinen und wandeln sich von der Vollverschleierung bis zum lasziven Bauchtanz-Outfit. Endlich taucht auch Parsifal in diesem Panoptikum auf, legt, wenn die Mädchen ihn mit "holder Knabe" besingen, seinen Militär-Drillich ab und planscht plaudernd im Pool.
Als Kundry herein kommt und wie angewurzelt stehen bleibt, ist's vorbei mit dem Vergnügen, doch wenn sie Parsifal die Wahrheit über dessen Vorleben eröffnet, hat sie die Rolle der glitzernden Verführerin längst selber eingenommen. Der Schlussakt zeigt eine bereits überwucherte Klosterruine, der bauliche Verfallsprozess ist ebenso fortgeschritten wie der humane: Gurnemanz sitzt im Rollstuhl. Das Zurück zum Naturidyll - mitten in der Wüste! - zeitigt im Karfreitagszauber eine Gartenparty in arkadischer Sommerfrische.


Orchestraler Dampf

Zum Finale rufen die eingeblendeten Glocken und Wagners projizierte Totenmaske, während Hartmut Haenchen mächtigen orchestralen Dampf macht und eine fast brachiale Kulmination hinzaubern lässt. Nach der Gralsenthüllung tauchen die klösterlichen Asylsuchenden wieder auf, nehmen eine fordernde Geste ein und entledigen sich ihrer religiösen Symbole in Titurels Sarg: Religionsentsorgung per Taschenspielertrick! Da lässt sich fragen, warum ausgerechnet der Parsifal, den Nietzsche mit den Worten kommentierte, nun sei Wagner "fromm geworden", als Exempel für Religionskritik taugen soll. Ganz abgesehen davon, dass es zwischen den drei großen Monotheismen zu differenzieren gilt, zumal zwischen dem in seinen Fundamentalismen noch ungezähmten Islam und einem Christentum, das immerhin den humanistischen und aufklärerischen Läuterungsprozessen ausgesetzt war. Das sollte man wagen, statt religiösen Einheitsbrei zusammenzurühren, auch wenn es politisch vielleicht nicht opportun ist.
Unbeschadet dieser Einwände erlebten die Premierenbesucher ein musikalisch sehr gediegen wirkendes Bühnenweihfestspiel. Hartmut Haenchen ließ nichts wabern, doch seine Tempi wirkten trotz lebendiger Impulse stets gelassen. Er konnte über einen Festspielchor und ein Orchester in tadelloser Verfassung verfügen, während die Vokalsolisten mit dem famosen Klaus Florian Vogt (als Parsifal) an der Spitze ungeteilten Beifall fanden. Die Kundry Elena Pankratovas imponierte mit gewaltigen Spitzentönen, Ryan McKinny lieh dem Amfortas ein erschütterndes Timbre, Gerd Grochowski (Klingsor) und Karl-Heinz Lehner (Titurel) überzeugten rollengemäß und Georg Zeppenfeld absolvierte die riesige Gurnemanz-Partie mit sängerischer und darstellerischer Bravour. Am Ende wurden Bühne und Auditorium in gleißendes Licht getaucht - wohl eine Anspielung auf "Les Lumières", das Zeitalter der Aufklärung.