München
Premiere

Opernfestspiele: Volltreffer für den Regieneuling

Mit Gioachino Rossinis "Guillaume Tell"gelingt dem Nachwuchsregisseur Antú Romero Nunes am Nationaltheater ein eindrucksvolles Operndebüt. Wie aktuell fast immer, leuchtet die Bayerische Staatsoper auch dank superber Solisten.
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Nicht nur jedem Schweizer ein Begriff: die berühmte Apfelschuss-Szene - hier mit Michael Volle als Guillaume Tell, Evgeniya Sotnikova als Tells Sohn Jemmy sowie Günther Groissböck als Gesler im Hintergrund. Alle Szenenfotos: Wilfried Hösl
Nicht nur jedem Schweizer ein Begriff: die berühmte Apfelschuss-Szene - hier mit Michael Volle als Guillaume Tell, Evgeniya Sotnikova als Tells Sohn Jemmy sowie Günther Groissböck als Gesler im Hintergrund. Alle Szenenfotos: Wilfried Hösl
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Schätzungsweise zwei, drei Dutzend Schweizer könnten es gewesen sein - oder? Wer sonst hätte Anlass zu Buhrufen gehabt, als sich am Samstag Regisseur Antú Romero Nunes nach der Premiere von Gioachino Rossinis "Guillaume Tell" auf der Bühne des Nationaltheaters zeigte? Schließlich hat der junge Operndebütant mit viel Sinn für das vorhandene Konfliktpotenzial und einem satten Schuss Ironie etwas herausgearbeitet, das am Lack des Nationalhelden kratzt.

Spaß beiseite. Ob und wie viele Schweizer zu dieser Neuinszenierung der Münchner Opernfestspiele kamen, hätte Intendant Nikolaus Bachler beantworten können. Er hatte in seiner Loge aber fast nur Augen für seine Sitznachbarin, den Superstar Anna Netrebko, die am Abend zuvor als neue Münchner Lady Macbeth frenetisch gefeiert worden war. So oder so kann Bachler sich gratulieren: Sein Haus ist sichtlich in voller Blüte, die Bayerische Staatsoper gehört nicht nur zur Weltspitze, sondern führt sie aktuell wahrscheinlich sogar an.

Wobei das künstlerische Risiko bei dieser Produktion für mich eindrucksvoll belohnt wurde: Antú Romero Nunes ist zwar ein früh gehypter deutscher Nachwuchsregisseur, aber er hatte noch keine veritable Oper inszeniert. Was der 30-Jährige und sein Team für München erarbeiteten, ist zeitgemäßes Musiktheater vom Feinsten - inhaltlich entschieden, aber intelligent an der Handlung orientiert, ästhetisch schlüssig und mutig abstrahierend, bewundernswert präzise und mit einer schauspielerischen Intensität, die nicht von selbst kommt, sondern auch bei sängerdarstellerischen Spitzenkräften erst befördert werden muss.

Präzision in der Körpersprache
Beispielhaft lässt sich das über die Jemmy-Figur erklären, Tells Sohn und eine Hosenrolle, die man überzeugender kaum erleben kann. Die Sopranistin Evgeniya Sotnikova ist nicht nur klein, zierlich und sängerisch erstklassig, sondern ihre exakt einstudierte und konsequent durchgehaltene Körpersprache ist tatsächlich so kindlich-jungenhaft, dass man über weite Strecken vergisst, dass dahinter eine 30-jährige Frau steckt.

Jemmy spielt in dieser Interpretation eine Hauptrolle, denn es ist der seinen Vater vergötternde Sohn, der nach dem tyrannischen Landvogt Gesler (gespielt wird das französische Original) ebenfalls den Apfelschuss einfordert: Das Kind erträgt es nicht, Tell auf Knien und seine Prinzipien verleugnen zu sehen. Der berühmte Apfelschuss ist der Mittelpunkt der auf drei Stunden Spieldauer klug gekürzten Oper (Mitarbeit: Johannes Hofmann), deren Ballettnummern man schon deshalb nicht vermisst, weil zuweilen die Solisten und Choristen auch tänzerisch gefordert sind.

Nach der Pause, wenn endlich das bekannteste Musikstück, der Marsch-Galopp, erklingt, wird mit viel Empathie zunächst das kindliche Trauma beim Apfelschuss gespiegelt: ein kleiner Junge mit Angsthasenohren gesellt sich Jemmy zu, samt wuchtigen Figuren, die eine Mischung aus Maurice Sendaks wilden Kerlen und der alemannischen Fasenacht sind, dann eine Prozession von Müttern mit weißen Luftballons, die einen an Martinszug-Lampions und an das weiße Licht am Ende des Sterbetunnels denken lassen, gefolgt von Kindersoldaten und schließlich den faschistoiden Truppen Geslers.

Aktuell trotz 60er-Jahre-Optik
Auch wenn die bis ins Detail stimmigen Kostüme Annabelle Witts eindeutig auf die 60er-Jahre zurückgreifen und die fünfzig bewundernswert bewegten und stimmig beleuchteten Röhren von Florian Lösche auf der Bühne immer wieder zeitlos-abstrakte Räume bilden: Die Inszenierung zielt auf uns ab, aufs Hier und Heute. Spätestens wenn Gesler (prägnant-sonor: Günther Groissböck) einen Stierkopf als Hut aufsetzt und eine Art Europaflagge gehisst wird, muss - wumms! - dem mitdenkenden Publikum klar sein, dass es in der 1829 uraufgeführten Oper nicht nur um ein Geschehen im 13. Jahrhundert im Kanton Uri geht. Sondern brandaktuell ist. Wie heißt es doch so schön bei Friedrich Schiller: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.

Wobei der Regisseur sehr darauf bedacht ist, keine Schwarz-Weiß-Malerei abzuliefern. Im Gegenteil: Wer hier gut und wer hier böse ist, wird im Verlauf des Abends zunehmend unklar. Am Ende steht nur die Gewissheit, dass auch der vermeintlich gerechte Freiheitskampf seinen dunklen Preis hat. Zumal wenn der Titelheld (Michael Volle mit einem fulminanten Rollendebüt) eigentlich ein ausgemachter Zyniker ist, der sichtlich unterm Pantoffel seiner handfesten Frau (eine Wucht: Jennifer Johnston) steht.

Public Viewing und Livestream
Was zuweilen nach Flachsinn aussieht, ist in Wirklichkeit bitterböse. Die Spießer mit Kassenbrille, Pullunder, Parka, Uniform, Cocktailkleid oder Kittelschürze, sind wir die nicht selber? Und was verbirgt sich hinter der vermeintlichen Wohlanständigkeit? Warum muss das zentrale Liebespaar mit Arnold und Mathilde (sensationell und superb: Bryan Hymel und Marina Rebeka), dem Rossini so kostbar-artistische Arien geschrieben hat, scheitern?

Und während die riesigen Röhren auf der Bühne ihren Verwandlungskunsttanz aufführen und unten im Graben das Staatsorchester unter Dan Ettinger einfühlsam und versiert dafür sorgt, dass die Musik im Leisen wie im Lauten nachwirkt, stehen oft sehr einsam und zumeist vorne an der Rampe Sängerdarsteller, die der junge Regisseur mit so viel Energie aufgeladen hat, dass sie sich sogar konventioneller Gesten bedienen können und trotzdem zutiefst wahrhaft und überzeugend wirken. Ein kleines, nein: ein großes Musiktheaterwunder, an dem - trotz eines Platzregens - auch die meisten der rund 6000 Opernfreunde vor dem Nationaltheater ihre Freude hatten, nicht zu vergessen die rund 42 000 Zuschauer im kostenlosen Livestream im Internet. Chapeau, Antú Romero Nunes!


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