Bamberg

Nora Gomringer oder Peng, Spreng, Sprache

Nora Gomringer, ein ECHO-Jazz-Preisträger am Klavier und Akrobatik am Schlagzeug. Die Bamberger Lyrikerin widmet der New Yorker Geschlechterrebellin Dorothy Parker einen Abend und verwandelt den Saal des Bamberger E-Werk damit in ein Live-Museum.
Artikel drucken Artikel einbetten
Philip Frischkorn, Nora Gomringer und Philipp Scholz (v. l.) beim Bamberger Literaturfestival  (Foto: Selmar Schülein)
Philip Frischkorn, Nora Gomringer und Philipp Scholz (v. l.) beim Bamberger Literaturfestival (Foto: Selmar Schülein)

Als Vierzehnjährige bekommt Nora Gomringer von ihrer Mutter ein Buch der New Yorker Schriftstellerin Dorothy Parker in die Hand gedrückt. Einige Jahre später beschäftigt sich die Bamberger Lyrikerin im Rahmen ihres Abiturs mit der Dichterin, Oscar-Nominierten, Geschlechterrebellin und in kultureller Hinsicht vor ihrer Zeit geborenen Ikone.

Im Rahmen des 5. Bamberger Literaturfestivals war Gomringer nun mit dem Programm "PENG PENG PARKER" zu erleben.

Self-Made-Woman

Der Literaturabend ist zugleich Hommage wie Auseinandersetzung, Aktualisierung wie ironischer Kommentar zu dieser Self-Made-Woman im männerdominierten New York der 1920er Jahre. Den voll besetzten Saal des Bamberger E-Werks erwartet allerdings keine konventionelle Lesung. Wüsste man nichts über die Bamberger Lyrikerin, man könnte sie ebenso für eine Schauspielerin oder Sängerin halten.

Dazu gesellen sich zwei Musiker, die eine Einheit mit Gomringers Performance bilden. Gleichermaßen lyrisch wie exzentrisch, schnippisch wie schlagfertig bringen die beiden Ausnahmejazzer Philip Frischkorn (Klavier) und Philipp Scholz (Schlagwerk und Alltagsgegenstände) den Denk- und Lifestyle Dorothy Parkers zum Knarren und Klingen. Für den ECHO-Jazz-Preisträger an den Tasten und den furchtlos-fantasievollen Scholz am Schlagwerk müsste jemand einen alternativen Lyrikpreis ausrufen, so wort- und bildreich beschwören die Musiker fast filmische Szenerien mit Klängen herauf. Neben den üblichen Elementen besteht das Schlagzeug aus quietschenden Hundefiguren, Thermoskanne und Spieltechniken wie von einer seltenen Turndisziplin: Drumkrobatik.

Ein Sprungbrett für Gomringers Sprechorgan, das mit vielstimmigen Hörbüchern wetteifern könnte. Mit dem Vorgängerprogramm "PENG PENG PENG" sind Gomringer und Parker bereits durch Europa und Japan getourt. "Allerfeinste Wortmusik" urteilte die FAZ.

Tanzend, kriechend, stampfend

Mit dem Folgeprogramm "PENG PENG PARKER" präsentiert Gomringer die tollkühne Dorothy Parker nicht nur, sie verleiht ihr quirligen Witz, eine einfühlsam-reinkarnierende Stimme und unerhörte Relevanz in Zeiten von #MeToo.

Dies etwa mit Einblicken in eine Welt degenerierter Männlichkeit, der man als Frau der 20er Jahre nur die hilflose Höflichkeit einer Puppe entgegensetzen konnte. Nach einer Textpassage über einen Walzer, der aus heutiger Sicht als Nötigung gewertet werden müsste, erhängt sich Gomringer symbolisch an ihrer Perlenkette. Treibende Rhythmen, Silben, die wie hochhackige Schuhe über Pflastersteine stolpern, brodelnde Konfrontationen zwischen Mann und Frau. "Es ist so leicht, zu Menschen nett zu sein, bevor man sie liebt." (Dorothy Parker)

Einmal mehr lernt man die Bamberger Lyrikerin an diesem Abend als Literaturvermittlerin, Sprechakrobatin und Kuratorin kennen, die sie neben aller Prominenz für ihr schriftstellerisches Schaffen auch ist. Zur Kuratorin wurde sie hier, weil "PENG PENG PARKER" das Publikum in dem Gefühl zurücklässt, ein Live-Museum zu Dorothy Parker durchstreift zu haben. An der Hand der Bamberger Lyrikerin. Mal tanzend, mal kriechend, mal fußstampfend.

Verwandte Artikel