Bamberg

„Die Mitwisser“: Nichts sehen, nichts hören

In ihrem Stück "Mitwisser" taucht Enis Maci hinab in die Abgründe einer verrohten und teilnahmslosen Gesellschaft. Das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater macht daraus einen unterhaltsamen Schocker.
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Iris Hochberger, Carlotta Freyer, Denis Grafe, Stefan Herrmann und Marcel Zuschlag (v. l.) sind die "Mitwisser"  Foto: Martin Kaufhold
Iris Hochberger, Carlotta Freyer, Denis Grafe, Stefan Herrmann und Marcel Zuschlag (v. l.) sind die "Mitwisser" Foto: Martin Kaufhold

Enis Maci schert sich nicht um die Täter. Deren Psychologie ist ihr kaum einen Gedanken wert. Als wäre den Selbstauskünften der Täter und ihren Versuchen, die Taten nachträglich zu rationalisieren, ohnehin nicht zu trauen.

Lieber knöpft sich Maci die Anstifter vor, die Sensationslüsternen, die Gaffer und alle, die vor sich abzeichnendem Unheil die Augen verschließen, die Ohren mit Wachs versiegeln: "Es trifft die eiserne Faust des Gesetzes die Mitwisser am schwächsten. Mit einer Milde, die längst nicht mehr an Gnade grenzt."

Entmenschlichte Marionetten

In einem Wort: Es geht Enis Maci in ihrem Stück um die titelgebenden "Mitwisser". Am Dienstagabend brachten die Hamburger Regisseurin Elsa-Sophie Jach und Dramaturg Remsi Al Khalisi "Mitwisser" auf die Studiobühne des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters.

Iris Hochberger, Stefan Herrmann, Marcel Zuschlag, Carlotta Freyer und Denis Grafe kommentieren als Mitwisser das Geschehen, treiben es voran und verknüpfen kraft ihrer Existenz die einzelnen Episoden. Darin gleichen sie dem Chor aus den griechischen Tragödien. Gleichsam entmenschlicht bewegen sich die Mitwisser wie Marionetten an einer unsichtbaren Schnur. Auf die Bamberger Bühne kommen sie aus der Kanalisation gekrochen. In diesem Bild fand Regisseurin Elsa-Sophie Jach ein schlagendes Symbol für das untergründig Präsente der Mitwisserschaft.

Am Beispiel dreier realer Verbrechen kartografiert Enis Macis in "Mitwisser" eine emotional verrohte und fortgesetzt verrohende Welt.

In einer seelenlosen Retortenstadt im US-Bundesstaat Florida tötet ein 17-Jähriger mit einer Spitzhacke seine Eltern. Denis Grafe spielt den jugendlichen Elternmörder auf der Bamberger Bühne mit einer zwischen Unschuld und Kaltblütigkeit bedrohlich flackernden Brutalität. Von der Bluttat, und vielleicht noch mehr, vom Ausblick auf mediale Prominenz euphorisiert, lädt er am selben Abend zum Feiern an. Die ermordeten Eltern liegen noch in der Wohnung, als die Jugendlichen dort tanzen, Drogen einwerfen und sich nach allen Regeln der Kunst hedonistisch verausgaben.

In Rückblenden erinnern sich die Partygäste, wie sie den Abend erlebten. Die Zeichen weigerten sie sich gegen jeden gesunden Menschenverstand zu erkennen, selbst vom Mordgeständnis ihres Freundes wollten sie sich nicht die Laune verderben lassen.

Abgetrennter Kopf

Im postindustriell abgewrackten Dinslaken-Lohberg bricht derweil der junge Nils Donath (Stefan Herrmann) auf radikale Weise mit dem westlichen Kultur- und Wertesystem. Eher aus existenzieller Langeweile denn aus religiöser Überzeugung schließt er sich dem sogenannten Islamischen Staat an.

Und in einer türkischen Kleinstadt weiß sich eine Frau und Mutter nicht anders zu helfen, als ihren Vergewaltiger zu erschießen. Seinen vom Leib getrennten Kopf stellt sie am nächsten Morgen auf dem Marktplatz zur Schau: "Das ist der Kopf des Mannes, der mit meiner Ehre gespielt hat", schleudert Nevin Yildirim dem Publikum ihre eigene Wahrheit entgegen. Als Mitwisser enttarnt Maci hier ein patriarchales Gesellschaftssystem, das auf Grundlage archaischer, männlich konnotierter Ehrbegriffe die Rechte der Frauen mit Füßen tritt. So macht eine ungerecht verfasste Gesellschaft eine Frau zur Mörderin. In ihrer ersten Rolle am E.T.A.-Hoffmann-Theater spielt Carlotta Freyer diese Frau mit beeindruckender Dringlichkeit.

Macis Stück taugt sicher nicht zur großen Gesellschaftsanalyse. Diesen Anspruch erhebt es allerdings auch nicht. Dafür schält Maci weder die Verbrechen begünstigenden Milieus noch die Rolle der sozialen Medien mit der nötigen Konsequenz und Schärfe heraus.

Einen intellektuell bereichernden und vor allem dank großartiger Tanzszenen auch ästhetisch reizvollen Theaterabend aber boten Maci und die Bamberger Theatermacher ihrem Publikum am Dienstag dennoch.

Mord im Internetcafé

Mehr noch, die Besucher verließen das Theater mit dem Gefühl, etwas über ihre eigene Gegenwart erfahren zu haben.

Unversehens fiel in den ersten Minuten der "Mitwisser" der Name "Andreas Temme". Als der rechtsterroristische NSU im April 2006 Halit Yozgat in dessen Internetcafé in Kassel erschoss, befand sich jener hessische Verfassungsschützer am Tatort.

Gesehen und gehört haben will Temme aber nichts. So, wie auch Mitwisser nie etwas gesehen und gehört haben wollen.