"Chicago" gilt bis heute als Synonym für aus dem Ruder laufende Kriminalität, für wilde Schießereien, für Gangster wie Al Capone und Dutch Schultz. Dabei ist die Stadt am Michigansee längst eine florierende Wirtschaftsmetropole. Doch während der Prohibition in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt sie in der Tat als korrupteste Stadt der USA.

In eben jener Zeit spielt das Musical "Chicago", das reale Vorgänge von 1924 aufgreift: Eine Mörderin wird zum Medienstar und schließlich, zu Unrecht, freigesprochen. Mehrmals wurde der Stoff verfilmt (zuletzt 2002 mit Renée Zellweger und Richard Gere), bis schließlich Regie-Star Bob Fosse ("Cabaret") 1975 ein Musical daraus formte, mit dem Erfolgsgespann John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte) an der Seite. "Chicago" reüssierte erfolgreich am Broadway und wurde 1996 wiederbelebt. Walter Bobbie reduzierte die Handlung auf die Essenz, verzichtete auf Opulenz in Bühnenbild und Kostümen. In dieser Version erscheint "Chicago" immer wieder auch auf deutschen Bühnen und jetzt im von der Stage-Entertainment-Gruppe betriebenen Palladium-Theater in Stuttgart.

Wilde Zwanziger

Nun ist es mit Musicals so eine Sache. Eine der dominierenden Unterhaltungsformen der letzten (knapp) 100 Jahre kann große Kunst sein ("West Side Story") oder großer Kitsch ("Evita"). In "Chicago" materialisiert sich die soziale Realität der wilden Zwanziger schon unüberhör- und -sehbar; trotzdem sollte man keinen kritischen Reißer erwarten, keine modernisierte Dreigroschenoper, das verbieten die Gesetze des Genres.

Aber es ist schon ein Klassiker, den 35 Männer und Frauen unter der Anleitung von Tania Nardini und Gregory Butler da auf die Bühne des Palladiums mit 1800 Plätzen heben. Die Geschichte der Nachtclubsängerin Roxie Hart, die ihren Liebhaber erschießt, mit Hilfe einer Boulevard-Reporterin, des zynischen Anwalts Billy Flynn und vor allem einer korrupten Justiz freikommt und dann mit ihrer Gefängnisbekanntschaft Velma auftritt, atmet zumindest ein wenig den Geist des Film noir.

Müßig jedoch sind alle theoretischen Vorüberlegungen. Beim Musical kommt es auf Professionalität, auf zündende Songs und beeindruckende Körperlichkeit an. Letztere ist in besonderem Maße gegeben, denn die knappen Kostüme gewähren einen großzügigen Blick auf knackige Frauen- und Männerkörper. Entgegen zeitgenössischen Usancen ist hier die Ausstattung ganz karg, eingeschmolzen: Die 14 Musiker sitzen treppenförmig angeordnet und golden eingerahmt auf der Bühne, zwei Leitern am Rand, einige wenige spärliche Requisiten, ansonsten eine kluge Lichtchoreographie sorgen fürs Ambiente.

Schussel-Dussel

Also konzentriert sich alles auf die Darsteller. Die sind allesamt ausgefuchste Profis und meisterten die Premiere fast schlackenlos. Carien Keizer als Roxie tanzte schon im Lido, Lana Gordon (Velma) steht ihr an Erfahrung kaum nach. Ihr Deutsch jedoch ist im Vergleich zu dem Keizer'schen, einer gebürtigen Holländerin, nicht immer klar verständlich. Dagegen spricht und singt der Brite Nigel Casey (Billy Flynn) nahezu akzentfrei. Denn Songs und Zwischentexte sind übersetzt. Aus "Funny Honey" wird so "Schussel-Dussel", aus "Class" Moral, für "All der Jazz" braucht man nicht allzu viel Übersetzungs-Fantasie.

Überhaupt der Jazz: Die 14-köpfige naturgemäß bläserdominierte Band unter der Leitung von Klaus Wilhelm legt mächtig los und schafft die nicht unkomplizierten Arrangements mit Charleston-, Tango- und Dixie-Einflüssen mühelos. In seiner Frühzeit galt der Jazz ja als Musik der Spelunken und Bordelle, mit unendlich vielen Anspielungen auf Sex und Drogen, und von all dem gab es im Chicago der Zeit reichlich - die jugendfreie Musicalversion lässt davon mit z. B. gedrosselt lasziven Hüftschwenkern immerhin einiges erahnen. Die Text-Musik-Konkordanz gelingt fast immer makellos, besonders erfreuen ein aufmerksamer Drummer und ein feinfühliger Posaunist.

Erst im zweiten Akt gewinnt die Handlung so richtig Effet. Wenn Roxie vor Gericht heuchelt und auf die Tränendrüse drückt, ist das fast so schön wie die verbal und tänzerisch nachgestellte Szene, in der die Mörderin ihren Lover meuchelt und auf Notwehr plädiert. Eine Mediensatire auch, denn der clevere Anwalt setzt die öffentliche Meinung geschickt ein, um die Geschworenen zu manipulieren. Dabei brilliert Martin Schäffner als Boulevard-Reporterin Mary Sunshine. Stimmlich am überzeugendsten freilich ist Isabel Dörfler als Mama Morton mit minutenlang ausgehaltenem Kammerton.

Das Premierenpublikum reagierte mit artigem, jedoch eher verhaltenem Beifall. Es waren halt Schwaben. Geboten werden zweieinhalb Stunden professionelle Unterhaltung. Gutes Geld, gute Leistungen. Echt amerikanisch. That's Entertainment.

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