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Wunsiedel
Interview

Michael Lerchenberg: Wer Wunsiedel sehen will, findet es

Der scheidende Intendant spricht über seine Zeit auf der Luisenburg.
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Michael Lerchenberg in seiner letzten Rolle auf der Luisenburg als "Theatermacher" in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück Fotos: Luisenburg-Festspiele/Harald Dietz/Archiv
Michael Lerchenberg in seiner letzten Rolle auf der Luisenburg als "Theatermacher" in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück Fotos: Luisenburg-Festspiele/Harald Dietz/Archiv
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Am 7. August gab Michael Lerchenberg die letzte Vorstellung auf Deutschlands größter Open-Air-Bühne mit Thomas Bernhards "Theatermacher". 14 Jahre lang hat der eben 64 Jahre alt gewordene Autor, Schauspieler und Regisseur als Intendant die Luisenburg-Festspiele geleitet - als Schauspieler stand er zum ersten Mal 1980 auf der Naturbühne - und dabei bei Kritik und Publikum große Erfolge erzielt, in der Kommunalpolitik nicht immer. Auch deshalb verlässt er die Festspiele ein Jahr früher als geplant. Mit dieser Zeitung sprach der scheidende Intendant über seine Zeit auf der Luisenburg, das Volkstheater und seine Pläne "danach".

"Der Theatermacher" ist Ihre vermutlich letzte Rolle auf der Luisenburg. Wie viel steckt von Ihrer Persönlichkeit in dieser tragisch-komischen Figur?
Lerchenberg: (lacht) In einer Zeitung stand "Der Theaterpatriarch in seiner letzten Rolle". Da ist schon ein bisschen was Wahres dran. Das Stück heißt "Der Theatermacher", ich bin der Theatermacher hier gewesen und zwar noch in einer Art und Weise, wie man es heute kaum mehr in Deutschland kennt, dass ein Intendant selber Schauspieler ist. Ich habe als Autor gearbeitet, als Bühnenbildner gearbeitet, und wenn's sein musste, habe ich auch das Licht gemacht oder irgendwas. Ich habe also sehr umfänglich diesen Bereich Theatermachen abgedeckt. Das ist immer das eine. Das andere, dieser Bruscon (Bernhards "Theatermacher", d. Red.) ist ja auch ein Perfektionist. Das ist einer, der ein unbedingtes Wollen hat. Und auch das muss man haben als Intendant. Man braucht eine Vision. Insofern ist das eine Figur, die mir sehr ähnlich ist, aber es war interessant festzustellen, dass Regisseur Philip v. Maldeghem, der selber auch Intendant ist, und ich uns in dieser Figur wiederentdeckten. Natürlich ist dieser Bruscon auch ein Dämon. Ich distanziere mich privat nun wirklich von diesen frauenfeindlichen Ausfällen des guten Manns, aber es ist eine starke Figur, voller Widersprüche, was wieder spannend ist am Theater, weil sonst wird's langweilig, und ja - es steckt schon was drin von mir.

Wobei Bruscon ja nicht nur über die Frauen lästert, sondern auch übers Proletariat. Vermutlich Bernhards Abrechnung mit der österreichischen Sozialdemokratie.
Natürlich. Es ist ja immer noch in Österreich so, dass die eine immerwährende große Koalition haben, die Sozialdemokratie über die Gewerkschaften irrsinnig verfilzt war und das Land ein Selbstbedienungsbetrieb der Politiker war. Auf der anderen Seite sind in diesem Stück halt auch Sätze drin, die von einer erschreckenden Aktualität sind, wenn's heißt "Europa ist kaputt, die Kassen sind leer, es wird 100 Jahre dauern, das Ruinierte wieder herzustellen". Das schreibt einer 1984 ... Dazu muss ich aus meiner Erfahrung über viele Jahre sagen: Ich kann mich überhaupt nicht beklagen über die CSU in Bayern, im Wunsiedler Stadtrat auch nicht, wie die bereit ist, Kulturpolitik zu machen im Sinne eines echten Mäzenatentums. Die Freiheit der Kunst und Kultur setzt das Ministerium in München sehr hoch an. In roten oder rot-grünen Bundesländern ist das oft viel doktrinärer. Die wollen immer gerne in den Theaterspielplänen auch die Parteiprogramme wiederfinden. Dafür bin ich gar nicht zu haben, egal aus welcher Richtung.

Das ist eine Aussage wider das Klischee, und es ist sehr schön, dass Sie das sagen, der Sie als Bruder Barnabas die CSU weiß Gott nicht geschont haben und in Ihrem sonstigen Wirken auch nicht.
Sie werden lachen: Jetzt erst bei der Premiere in Bayreuth. Erwin Huber und Günther Beckstein habe ich nun wirklich gepeinigt in meiner ersten Rede. Und die kamen und sagten: Gott, wie ist das schade, dass Sie auf der Luisenburg aufhören. Bei aller Barnabaserei konnten die immer trennen zwischen dem, was der Lerchenberg als Theatermacher macht und was er auf dem Nockherberg gemacht hat. Das gilt auch für Stoiber und Seehofer. Die hatten gute Nehmerqualitäten. Und Geberqualitäten! (lacht)

Um etliches in dem Text als Anspielungen auf Ihre Situation in Wunsiedel zu verstehen, braucht es keine große Fantasie. Ist Utzbach also Wunsiedel oder, allgemeiner, die Provinz?
Ich habe immer gesagt: Wer das heraushören will, der kann das gerne tun. Das ist ja das Schöne am Theater, und ein gutes Stück hat es auch nicht nötig, da irgend etwas reinzupappen oder irgendwelche Texte zu verändern, das wäre viel zu plump und banal. Das hat ein Shakespeare oder Schiller nicht nötig, und das hat eben auch nicht ein Thomas Bernhard nötig. Wer Parallelen zwischen irgendwelchen Käffern in Oberösterreich und Wunsiedel ziehen will, der kann das gerne tun. Denn sicher hat die Provinz ihre Eigenheiten, insbesondere auch in der Politik, und das kann man da schon auch wiederfinden.

Heute heißt es Abschied nehmen von Ihrem Intendantenbüro, das unter Ihrer Ägide ausgebaut worden ist. Mit welchen Gefühlen scheiden Sie? Hadern Sie mit den Leuten, die Ihnen während der Zeit Ihrer Intendanz manche Steine in den Weg legten?
(lacht) Ich muss ehrlich sagen, ich gehe mit Stolz auf das Erreichte, und zwar auch künstlerisch. In der "Deutschen Bühne" stehen wir in diesem Jahr zweimal als "Highlight abseits der Zentren". Eine Art von Anerkennung für die Arbeit, die man gemacht hat. Letzten Endes geht es aber um die Akzeptanz des Publikums. Ich mache Theater fürs Publikum und versuche die Leute mitzunehmen, und das hat gut geklappt. Einmal mehr, einmal weniger, ich bin nicht so vermessen zu sagen, alles war sensationell. Auch der Betrieb, den ich hinterlasse, räumlich, ist hervorragend geworden, und letztendlich, so man es denn schätzen würde, hinterlasse ich auch einen funktionierenden, hoch professionellen Mitarbeiterstab.

Und das Hadern?
Ich muss ganz ehrlich sagen: Was juckt's die Eiche? Ich habe mich entschieden nach einer guten reiflichen Abwägung ...

Sie wären aber gerne noch geblieben?
Als Regisseur hätte ich durchaus das eine oder andere Stück noch gerne gesehen auf der Bühne. Aber den Vertrag bis ans Lebensende hätte ich auf keinen Fall gemacht. 14 Jahre Intendant ist ja auch eine lange Zeit. Da muss auch im Interesse des Theaters ein Wechsel sein, damit es auch mal einen neuen künstlerischen Impuls gibt.

Was wird Ihnen am meisten im Gedächtnis bleiben, im Guten wie im Schlechten?
Das Schlechte ... nicht einmal das schlechte Wetter. Letzten Dienstag waren wir nahe dran, eine Vorstellung im Museumshof abzubrechen. Das wäre das erste Mal in 14 Jahren gewesen. In meiner Amtszeit wurde keine Eigenproduktion abgebrochen. Mir hat auch diese Bühne irrsinnig viel gegeben, das ist einfach ein toller Partner, ein magischer Raum, der mitspielt, der alle Beteiligten verändert, ein Raum mit einer hohen Wirkkraft, das werde ich nie vergessen. Dann sind da natürlich Theatererlebnisse der freudigen Art, wenn ich z.B. an den Sommernachtstraum denke mit dem Handwerkerspiel am Schluss, oder der tragisch schöne Moment wie der Abschied von Michael Altmann. Mir war's immer wichtig, dass meine Leute hier gern arbeiten. Das unterscheidet mich von Bruscon. Fertigmachen, Tyrannisieren war mein Stil nicht. Ich habe immer versucht zu überzeugen.

Sind Sie mit Ihrem Konzept, zweimal "Theater fürs Volk", einmal "Kunst", einmal Musical, im Nachhinein zufrieden? Die "Iphigenie" etwa hatte nur gut 6000 Zuschauer.
Das Stück hat heute keine Massentauglichkeit, das ist klar, trotzdem war es wichtig, das zum Jahrhundertjubiläum der professionellen Bespielung auf die Bühne zu bringen. Es passt wunderbar in diesen Raum. Es war mir immer wichtig, so etwas zu machen, etwa das Schauspiel-Tanztheater "Bluthochzeit" meiner Frau, oder auch einen "Peer Gynt" zu spielen oder Tschechows "Möwe". In der ganzen Open-Air-Szene hat man mich damals für verrückt erklärt. Doch ich glaube an die Sprechtheaterqualität dieser Bühne, und ich glaube an diesen Raum, und dann haben wir sie eben gespielt. Und siehe da, es ist gegangen.

Solche Stücke hatten erwartbar immer relativ wenig Zuschauer, aber Sie haben durchgehalten.
Es gibt den alten Spruch eines Wunsiedler Bürgermeisters, damals gab's das Familienstück noch nicht: Zwei müssen's tragen, eins kann man wagen. Ein dehnbarer Begriff, das kann eine Inszenierung sein, das kann ein unbekannter Autor sein. Bis dato ist das fortgeschrieben worden. Ob's so weitergeht, weiß ich nicht.

Hat das Volkstheater Zukunft auch bei einem jungen Publikum? Denken wir etwa daran, dass der Dialekt zunehmend ausstirbt.
Eine sehr gute Frage. Da ist im Moment eine Veränderung, man merkt das ja auch am Programm des Bayerischen Rundfunks. Auf der einen Seite hat man halt so eine Art Bauerntheater. Aber man pflegt dieses Genre Dialekttheater nicht mehr so, wie das mal der Fall war. Zum 150. Geburtstag von Ludwig Thoma kommt dann zweimal Lausbubengeschichten und am Schluss "Hurra, die Schule brennt". Die haben aber das ganze Archiv voll mit weiß der Teufel was. Die hätten eine ganze Woche Thoma senden können. Früher hat man gesagt, wenn so ein Autor 100. Geburtstag hatte, wie Oskar Maria Graf, verfilmen wir einen Roman oder so was, aber man macht das nicht mehr. Das kommt davon, dass die öffentlich-rechtlichen Sender das Diktat der Quote haben. Ein öffentlich-rechtlicher Sender dürfte keine Quote haben, weil er mit Geld bezahlt wird, das den Leuten wie eine Steuer abgezogen wird. Ich habe 1970 Dürrenmatts "Physiker" noch am Freitagabend im ZDF gesehen, und zwar um 20.15 Uhr! Ich bin überzeugt, die Leute würden's auch heute wieder einschalten, wenn man's denn nur senden würde! Irgendeiner erfindet einen Trend, und dann dackelt jeder Redakteur in jedem deutschen Sender hinterher. Keiner entwickelt mehr eigenes Profil, schauen Sie sich nur unsere "Tatorte" an mit den immer gleichen durchgeknallten Kommissarstypen. Drum ist es wichtig, dass wir als Theater dagegenhalten. Theater ist analog! Für dieses Live-Erlebnis, spannend wie ein Fußballspiel, müssen wir die Leute begeistern. Wie sich das Volkstheater entwickelt? Das größte Problem ist, dass die Autoren nicht mehr gepflegt werden so wie etwa Kroetz oder Sperr. Deshalb weicht man aus auf Stoffe wie Filmdrehbücher oder Romane. Ein gut schreibender Autor verdient deutlich mehr im Fernsehen als am Theater.

Und die Zukunft der Luisenburg?
Ich sehe die Luisenburg an einem Scheideweg. Die Signale, die ich höre, klingen mir zu sehr nach Kommerz. Es geht um Sparen einerseits und Geldverdienen andererseits, um Ausweiten des Gastspielprogramms und so weiter. Auch was die Professionalität angeht, scheint man andere Vorstellungen zu haben, was das Personal auf und hinter der Bühne angeht. Den Spielplan möchte ich nicht werten wollen.

Sie haben ja weit übers traditionelle Theaterpublikum hinaus Menschen erreicht.
Das ist ja das Tolle dran, dass wir da wirklich nicht nur im Dialektbereich ein Volkstheater sind. Vom Akademiker bis zum Hartz-IV-Empfänger und auch für alle Altersstufen machen wir Theater. Eines der schönsten Komplimente, die mir je gemacht worden sind, kam von Franz Xaver Kroetz. Wir haben mal 2006 verhandelt, und er sagte nach einer Sonntagnachmittagsvorstellung vom "Wittiber": Weißt du, wir 68er wollten, dass das Volk ins Theater geht, und die normalen Leute sind nie ins Theater gegangen, und bei dir kommen die alle freiwillig! Der Franz hat das Wesen der Luisenburg sofort durchblickt. Ich will die Leute mitnehmen, aber nicht unter Niveau. Ich will sie schon ein bisschen hochheben. Nicht im Sinne des Belehrens, der moralischen Anstalt, aber die Leute sollten sich schon ein bisschen herausgefordert fühlen. Teilnahme am Theater ist schon auch Zuhörarbeit.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?
Ich will wieder mehr als Schauspieler arbeiten. In dem Moment, als ich Intendant geworden bin, hat mich kein Kollege mehr als Schauspieler engagiert. Keiner setzt sich ja einen Intendanten in seine Garderobe (lacht). Das wird sich jetzt hoffentlich wieder ändern. Ich werde inszenieren, vielleicht wieder mal etwas schreiben, ich trete in den kreativen Unruhestand.

Eine Anekdote aus den 14 Jahren?
Die Tiergeschichten sind immer sehr lustig. Dass wir schon oben auf dem Geierwally-Felsen nachts einen Luchs beobachten konnten, dass wir Uhus oder Käuzchen im Wald haben, und kaum war der Neubau fertiggestellt, sind da hinten Salamander gesichtet worden, oder Eidechsen in den Spalten des Bühnenbodens, oder als wir die Rocky Horror Show gespielt haben, sind wegen der Reiskörner aus ganz Oberfranken und wahrscheinlich auch aus Tschechien die Mäuse hergepilgert gekommen. Die Leute haben ja gar nicht geahnt, was sich da auf zwischen ihren Füßen abspielt hat. Das waren Mäusefestspiele!

Das Gespräch führte Rudolf Görtler.