Bamberg
Uraufführung

Mein Freund, der Terrorist

Auf der Studiobühne das E.T.A.-Hoffmann-Theaters feiert mit "Dschihad Online" ein zeitgeschichtlich brisantes Stück Premiere.
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Helge Salnikau  (l.)   und Marcel Zuschlag als  Brüderpaar   im Stück "Dschihad Online" Martin Kaufhold
Helge Salnikau (l.) und Marcel Zuschlag als Brüderpaar im Stück "Dschihad Online" Martin Kaufhold
Im Arabischen bedeutet "Khalil" so viel wie "der Freund". Ein solcher ist der 16-Jährige Khalil (Marcel Zuschlag) seinen Schulkameraden Vitaly Umarov (Helge Salnikau) und Angie (Marie Nest). Er flirtet und feiert, verliert ganze Nächte an Computerspiele und hört den Hip-Hop, den alle hören in seinem Alter.

Beseelt ist Khalil weniger von der Botschaft des Korans als vom amerikanischen Traum, der jedem Wohlstand verspricht, der nur hart genug dafür arbeite.


Ein bisschen wie Steve Jobs

Also schippt Khalil gegen Geld Schnee, also entwickelt er mit Vitaly aberwitzige Geschäftsideen für die digitale Moderne. War nicht auch Steve Jobs, der ikonisierte Gründer des Digitalkonzerns Apple, als Sohn eines Syrers ein Einwanderkind? So, wie auch Khalil Kind bosnischer Einwanderer ist.
Warum junge Männer wie Khalil und sein Bruder Amir (Helge Salnikau) zu islamistisch inspirierten Attentätern werden, ist eine Frage, an der sich die Sicherheit westlicher Gesellschaften entscheiden wird. Deshalb gehört das Phänomen des homegrown terrorism auch auf die Bühne eines für Gegenwartsfragen sensiblen Theaters. Am Freitag stellte sich das E.T.A.-Hoffmann-Theater dieser Herausforderung mit dem Stück "Dschihad Online".

Gemeinsam mit Regisseur Alexander Ritter haben die Dramaturgen Victoria Weich und Oliver Garofalo dafür Morton Rhues gleichnamigen Jugendroman ausgewählt.
Sie betraten künstlerisches Neuland, denn vor ihnen hatte noch keiner Rhues Roman auf die Bühne gebracht.

Der homegrown terrorist ist eine der rätselhaftesten Figuren unserer Zeit.
Damit gemeint sind in westlichen Gesellschaftsordnungen aufgewachsene Einwandererkinder, die sich dort vor den Augen ihrer arglosen Umgebung zu (Selbstmord-)Attentätern radikalisieren. Warum sich scheinbar lebensfrohe Jugendliche binnen kürzester Zeit in todessehnsüchtige Terroristen verwandeln, bleibt auch nach der Bamberger Aufführung so mysteriös wie zuvor. Ärger mit der Polizei, Stress in der Schule und die falschen Freunde auf Twitter und Facebook: Genügt das wirklich alles schon?

Vielleicht verließen die Zuschauer das Bamberger Theater deshalb nicht unbedingt klüger, aber dafür mit geschärften Sinnen.


Maximale Dissidenz

Dank hervorragender Schauspieler gut unterhalten fühlen durften sie sich ohnehin. Mit jugendlichem Gefühlsüberschwang verlieh Marcel Zuschlag der inneren Zerrissenheit Khalis Ausdruck. Für Marie Nest musste einst das Adjektiv "quirlig" erfunden worden sein. Helge Salinkau verkörperte seine zwei, Florian Walter seine sogar vier Rollen mit gleichbleibender Intensität und Tiefe.
Für den Islam selbst interessiert sich Regisseur Alexander Ritter allenfalls oberflächlich. Selbst das effektvoll präsentierte Rekrutierungsvideo eines fuselbärtigen IS-Kämpfers sagt weniger über den Islam selbst etwas aus als über die Geste nicht zu überbietender Dissidenz, die den IS eine Zeitlang attraktiv gemacht haben muss für Frustrierte und Suchende. Ob sich die von Khalil und Amir behaupteten Diskriminierungserfahrungen mit der gesellschaftlichen Realität decken, steht auf der Bamberger Studiobühne erst gar nicht zur Debatte.


Erinnerungen an Harry Potter

Erzählt wird die Geschichte ausschließlich aus der Binnenperspektive Khalils.
Dies ist klug, weil es auch in der Psyche des homegrown terrorist eine objektivierende Instanz nicht gibt. Wahr ist das, was er selbst für wahr hält und für wahr halten will. Wie ein Blatt im Wind weht Khalil von einer Seite zur anderen: hier die süßen Verlockungen des Teenagerlebens und das Versprechen des amerikanischen Traums, dort die unter dem Banner des Islams beschleunigte Abkapselung seines Bruders.

Ihre schrulligen Pullover markieren die warmherzige Einwanderfamilie Umarov als Wiedergänger der Weasleys aus den "Harry-Potter"-Romanen.
Wenn die Umarovs die Weasleys sind, dann ist Khali Harry Potter. Auch der wusste nicht, wo sein Platz ist in der Welt. Potter hatte immerhin seine Zauberkräfte, Khalil nur den radikalen Islam.
Als er erkennt, in welche Sackgasse er sich manövrieren hat lassen, ist es für Khalil bereits zu spät: "Was für eine Zukunft hätte mich noch erwartet? Diese Chance habe ich vertan.