Am 3. Oktober hebt sich im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater der Vorhang zur neuen Saison. Los geht es mit dem Liederabend "Schöne Aussichten".

Der Titel ist Programm. Er steht für den ungebrochenen Willen, sich von einem Virus nicht die Lust am Theater verleiden zu lassen. "Wir wollen feiern, dass wir wieder beieinander sein können", sagt Intendantin Sibylle Broll-Pape. Das Motto der neuen Spielzeit lautet "Wo stehen wir?". Müsste es angesichts der Umstände nicht heißen "Trotzdem!"?

Sibylle Broll-Pape: Das Spielzeitmotto haben wir formuliert, noch bevor Corona vieles in unserer Gesellschaft durcheinandergebracht hat. Alle im Theater freuen sich jetzt darauf, wieder spielen zu können. Wir scharren mit den Hufen. Und doch, es ist ein "Trotzdem": Wir müssen Einschränkungen trotzen, wie im Übrigen leider auch die Zuschauer.

Wie viele Zuschauer dürfen Sie ins Große Haus lassen?

Auf Grundlage der staatlichen Abstandsregel von 1,50 Meter kommen wir auf etwa 110 Zuschauer im Großen Haus. Wir können damit also gut jeden vierten Platz besetzen. Das ist nicht viel. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich die Dinge im Lauf der kommenden Monate zum Besseren wenden werden.

Sind die 1,50 Meter Abstand der springende Punkt?

Ich nehme jedenfalls interessiert zur Kenntnis, dass die Festspiele in Salzburg mit einem Abstand von einem Meter gute Erfahrungen gemacht haben. Mit Corona angesteckt hat sich dort kein einziger Zuschauer. Bei einem Abstand von einem Meter könnten wir 200 Zuschauer ins Große Haus lassen. Das würde schon einen Unterschied machen.

Sind die Österreicher mutiger?

Was soll ich darauf jetzt antworten? Ich bin optimistisch, dass sich die bayerische Staatsregierung mit den Theatern nochmals intensiv befassen wird. Zuletzt standen andere Dinge im Vordergrund, die Wiederaufnahme des Schulunterrichts zum Beispiel. Ich habe dafür auch Verständnis, dass die Schüler erst einmal Vorrang hatten.

Werden Sie Ihre kleinere Studiobühne in der neuen Saison überhaupt bespielen?

Natürlich. 38 Zuschauer dürfen wir nach jetzigem Stand pro Aufführung dort begrüßen. Auch die Treffbar wird mit 25 Zuschauern für die Lesungen von Stephan Ullrich zur Verfügung stehen.

Mussten Sie Ihre Inszenierungen an die neuen Gegebenheiten anpassen?

Auch die Schauspieler müssen sich auf der Bühne an das Abstandsgebot von 1,50 Meter halten. Es wird auf der Bühne deshalb keine großen Knutschszenen geben.

Wie spielt man Liebesszenen im Abstand von 1,50 Meter?

Lassen Sie sich überraschen!

Geben Sie doch einen zarten Hinweis.

Ich fand schon immer, dass es Liebe auch mit Abstand gibt.

Viele Schauspieler schleudern für eine möglichst volle und betonte Aussprache Spucke in die Luft. Das ist unter Aspekten des Infektionsschutzes nicht unproblematisch für das Publikum.

Deshalb statten wir unsere Schauspieler auch mit Mikroports, also mit kleinen, am Gesicht festgeklemmten Mikrofonen, aus. Die Schauspieler sind damit im Saal gut zu verstehen, ohne selbst besonders laut sprechen zu müssen. Darüber hinaus gehen die Schauspieler in den kommenden Monaten nicht bis vor an die Rampe. Sie lassen zwischen sich und den Zuschauern in der ersten Reihe einen Abstand von mindestens zwei Metern.

Rauben Mikrofone dem Spiel die Intensität?

Ich bin auch kein großer Fan der Mikrofone, aber sie müssen jetzt eben sein. Außerdem haben unsere Tontechniker eine sehr gute Abmischung gefunden. Die Mikrofone werden den Theatergenuss nicht schmälern.

Was bedeutet das eingeschränkte Fassungsvermögen für die Abonnenten?

Die Abonnenten behalten ihre beim Kauf erworbene Berechtigung auf eine bestimmte Zahl an Stücken. Allerdings müssen sie vor einem Besuch unsere Mitarbeiter an der Theaterkasse darüber informieren, zu welchem Stück sie an welchem Termin kommen möchten. Klingt umständlich.

Dessen bin ich mir bewusst. Nur lässt es sich bis auf weiteres nichts anders regeln, dass möglichst alle Abonnenten möglichst alle Stücke sehen. Alle Abonnenten sollen die Zahl an Aufführungen sehen können, für die sie bezahlt haben. Das ist unser Anspruch.

Wie viele Abonnenten haben ihr Abo nicht verlängert?

Ein gutes Drittel.

Wie bewerten Sie diese Zahl?

Ich bin sehr zufrieden, dass uns in einer ausgesprochen ungewissen Situation zwei von drei Abonnenten die Treue halten.

Wie viele Tickets gehen noch in den freien Verkauf?

Bedeutend weniger als in der Vergangenheit. Unseren Abonnenten gewähren wir Vorrang. In den freien Verkauf kommen Karten erst sechs Tage vor der entsprechenden Vorstellung. Allerdings bieten wir auch Aufführungen an, bei denen wir unseren Abonnenten keine Vorzugsrechte einräumen. So oder so kann ich allen Interessenten nur raten, sich so schnell wie möglich um Tickets zu kümmern. 100 Plätze sind ruckzuck verkauft.

Warum haben Sie Thomas Köcks Klima-Trilogie "Paradies fluten/hungern/spielen" ein zweites Mal gestrichen?

Im Frühjahr fiel das "Paradies" der Corona-Zwangspause zum Opfer. Jetzt dem Umstand, dass wir bis auf weiteres auf eine Pause verzichten. Auch mit dieser Entscheidung wollen wir das Infektionsrisiko für die Zuschauer senken. Eine dreistündige "Paradies"-Aufführung ohne Pause würde aber sowohl Schauspieler als auch Publikum an ihre Grenzen führen. Ich wünsche mir, dass wir "Paradies" spätestens in der Saison 2021/2022 endlich auf die Bühne bringen können. Das hieße, dass wir die Krise überstanden hätten.

Wird es darüber hinaus weitere Corona-bedingte Veränderungen am Spielplan geben?

Es sind keine geplant, ich kann weitere Veränderungen aber auch nicht ausschließen. Es kann ja reichen, wenn einer der Schauspieler über drei Ecken mit einem Corona-Infizierten bekannt ist. Die kommenden Monate verlangen von allen viel Flexibilität und Improvisation.

Lassen Sie Schauspieler auf das Virus testen?

Nein. Die Tests sind eine Momentaufnahme, die im Probenprozess nichts nützt. Sonst müssten wir jeden Tag testen, was zu aufwendig wäre. Unsere Schauspieler sind sich ihrer Verantwortung für das Theater bewusst. Sie verhalten sich auch entsprechend. Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause.

Wie tiefe Löcher in den Finanzen des Theaters reißt Corona?

Wir stellen uns auf erhebliche Verluste ein. Das ist allein schon aufgrund der Zuschauerbeschränkungen gar nicht anders möglich. Wir konnten durch die Kurzarbeit im Sommer zwar etwas einsparen. Jetzt schauen wir nach weiteren staatlichen Fördertöpfen. In der Vergangenheit war das Bamberger Theater dabei immer recht findig.

Bedrohen die Einnahmenverluste die Existenz des Theaters?

Nein. Existenzbedrohend wäre, wenn die Verluste in die Millionen gehen. Aber so schlimm wird es nicht kommen. Trotzdem sind wir darauf angewiesen, dass die Stadt Bamberg mitspielt.

Was bedeutet "mitspielen"?

Die Stadt muss sich gemeinsam mit uns überlegen, wie sie mit einem möglichen Defizit in den nächsten Jahren umgehen wird.

Können Sie ausschließen, dass das Theater künftig mit weniger Geld auskommen muss?

Nein.

Was würde daraus folgen?

Im schlimmsten Fall müsste ich Personal entlassen.

Fürchten die Schauspieler bereits um ihre Jobs?

Ich denke, sie vertrauen mir. Denn lassen Sie mich eines klar sagen: Ich würde mich mit Händen und Füßen gegen Entlassungen wehren. Zum Glück sind wir von einer solchen Situation derzeit noch weit entfernt. Die Stadt und ich werden das E.T.A.-Hoffmann-Theater schon sicher durch diese schwere Zeit bringen. Das Gespräch führte Christoph Hägele.