Kathrin Röggla macht es ihren Zuhörern nicht leicht. Wegen notorischer Deutscher Bahn am Mittwochabend verspätet im Hörsaal eingetroffen, zieht sie ein Manuskript aus der Tasche und liest einen Essay vor, presto und sozusagen ohne gliedernde Absätze.
Es ist der erste von vieren, den die Poetikprofessorin des Jahres 2017 in diesem Sommer am Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft der Bamberger Universität halten wird. Dessen Repräsentant, Friedhelm Marx, schaffte es, kundig und zugänglich ins Werk der vor wenigen Tagen 46 Jahre alt gewordenen gebürtigen Wienerin einzuführen, die heute in Berlin lebt und stellvertretende Leiterin der dortigen Akademie der Künste geworden ist. Als Essayistin, Buch-, Hörspiel- und Theaterautorin zählt die vielfach ausgezeichnete Röggla zweifellos zur Prominenz der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihre großen Themen sind, so Marx, "die Stadt", Arbeit, "recherchierende Welterkenntnis". Als Augenzeugin der Anschläge vom 11. September 2001 in New York verfasste sie "really ground zero"; bekannt wurde sie durch den Roman "wir schlafen nicht" über das Leben von Unternehmensberatern - die Kleinschreibung, einst Markenzeichen experimenteller Prosa, hat sie für ihren jüngsten Band mit "unheimlichen Geschichten" "Nachtsendung" aufgegeben. Als Dramatikerin wird man sie im Herbst durch die Uraufführung ihres Stücks "Normalverdiener" im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters würdigen können; die freie Truppe "Wildwuchs" will in einem Bamberger Parkhaus ihr "Junk Space" inszenieren.
Röggla hat ihre Poetik-Vorlesungen "Empathy with the devil - Literatur in Zeiten der postfaktischen Behauptung" benamst. Das schlichte Wortspiel mit dem bekannten Song der Rolling Stones leuchtete ein, so wie ihre Intention, sich durch die Vorlesungen selbst zu befragen und mit ihrem Schaffen auseinanderzusetzen, einleuchtete. Als sie mit den üblichen Verdächtigen Trump, Erdogan, Orban ("Die Welt scheint rückwärts zu laufen") begann, wollte man sich bereits gelangweilt zurücklehnen. Doch die Poetik-Professorin ist zu klug, als dass sie eindimensional in die übliche Jeremiade über Rechtspopulismus u. ä. einstimmte. "Preaching to the own cloud" gelte eben nicht nur für die Blasen der "Rechten", sondern auch für Intellektuelle.
Sie umkreiste ihr Thema, indem sie von der modernen Medienlandschaft ausging ("Follower statt kritischem Zeitungsleser") und dann das Verhältnis von Faktischem, Fiktion - "Bullshitter", Schwadronierer ohne Evidenz - und Realismus auslotete, für ihr Schaffen von besonderer Bedeutung, Wahrheit und Lüge als benachbartes Geflecht. Die Situation vor Gericht interessiert sie besonders als eine Urform des Erzählens. Offenbar hat sie einen Berliner Prozess gegen die Künstlervereinigung "Zentrum für Politische Schönheit" beobachtet sowie den gegen den NSU in München mit seinen "ausufernden Zusatzerzählungen", so wie die Autorin für ihre Werke in freier Feldforschung recherchiert, dabei jedoch dem "pragmatisch-ökonomischen Problem realistischen Arbeitens" unterliegt. An Beispielen von J. M. Coetzee über Hubert Fichte ("Wolli Indienfahrer") bis zu Kurt Vonnegut ("Schlachthof 5") sprach sie über das "Realismusproblem" bzw. die Möglichkeiten realistischen Erzählens. Ein Teil des Problems sind für sie als Dramatikerin "Angstbegriffe" wie Relevanz, Aktualität, Dringlichkeit, denen Programmgestalter am Theater unterlägen.
Eine besondere Rolle spielen für sie die "Kulturen der Empathie" des Kulturwissenschaftlers Fritz Breithaupt - Empathie jedoch kann eine dunkle Seite aufweisen, eben jene Empathy with the devil. Man könne sich "falsch einfühlen" folgte sie Breithaupt in ihren nicht immer leicht zugänglichen Reflexionen.

Termine

Weitere Vorträge Mittwoch, 5. Juli: Konsequenzlosigkeit und Fiktion; Mittwoch, 12. Juli: Von Nachbildern und Vorausbildern; Donnerstag, 20. Juli: Literatur und Relevanz Ort Hörsaal U2/00.25, jew. 20 Uhr s. t. Kolloquium am Fr./Sa. 21./22. Juli (alle sind eingeladen) im E.T.A.-Hoffmann-Theater zum Thema "Literatur im Ausnahmezustand"