Bayreuth
Zwischenbilanz

Katharina, die Grobe

Co-Festspielleiterin Katharina Wagner hat im Sommer wieder ein Model-Foto-Shooting gemacht. Aber hinter der glamourösen Fassade tun sich zunehmend Abgründe auf - auf den unterschiedlichsten Ebenen des Grünen Hügels. Gerade erst wurde das Aus für die Gewerkschaftsaufführungen gemeldet. Und nach zwei Anzeigen wegen der Kartenvergabe ermittelt die Staatsanwaltschaft Hof immer noch.
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Foto Katharina Wagner: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Sie ist die Front-Frau der Festspiele: Katharina Wagner (33) wirft sich nicht nur für ihren Leibfotografen Enrico Nawrath in Schale und Positur, während Halbschwester Eva Wagner-Pasquier (66) sich fast schon autistisch im Hintergrund hält. Katharina sorgt seit Jahren für Schlagzeilen - auch für solche, die nichts Gutes verheißen.

1. Zunehmend erweist sie sich Absagen-Königin. Die Regie der Oper "Marie Victoire" von Ottorino Respighi an der Deutschen Oper Berlin strich sie sieben Monate vor der geplanten Premiere im April 2009 aus ihrem "knappen Terminkalender" und verwies darauf, dass sie den Vertrag ja noch nicht unterschrieben habe. Zeit hatte sie dagegen für eine "Tannhäuser"-Neuinszenierung, die im Juli 2009 auf Gran Canaria, ihrem bevorzugten Urlaubsort, nur dreimal gezeigt wurde. Absagen von lokalen Veranstaltungen und halbherzige Schirmherrschaften folgten. Im letzten Augenblick blies sie jüngst ihre Teilnahme bei der Pressekonferenz des Teatro Colón in Buenos Aires ab, wo im November 2012 eine siebenstündige Kurzversion von Richard Wagners "Ring"-Tetralogie in ihrer Regie herauskommen soll - ein Projekt, das Urenkelin Katharina in Verkennung der musikalischen Gegebenheiten als revolutionär anpreist. Und beim ZDF ließ sie die Gastmoderation des Kulturmagazins "aspekte" am 8. Dezember 2011 kurz vor dem Sendetermin platzen.

2. Umgekehrt werden die Festspiele nicht nur mit schwer wiegenden künstlerischen Absagen gebeutelt. So wurde Ende August bekannt, dass es eines von Katharinas Vorzeigeprojekten kalt erwischt hat. Nach der Absage des Hauptsponsors Siemens steht in den Sternen, ob es 2012 wieder ein kostenloses Public Viewing auf dem Bayreuther Volksfestplatz geben wird. Warum das vor drei Jahren mit ihrer umstrittenen "Meistersinger"-Inszenierung erstmals veranstaltete Event auch überregional gepriesen wurde, bleibt ein Rätsel. Viele Opernhäuser und Festivals machen das schon viel länger.

3. Selbst die von ihr initiierte Kinderoper wird nicht mehr nur bejubelt. So bezweifelte heuer die Süddeutsche Zeitung, "ob hier nicht die Festspiele ihr Nachwuchspublikum nachhaltig verstört und damit verschreckt haben." Dass die Kinder-Opern bisher überwiegend Lob ernteten, liegt unter anderem daran, dass die meisten Premierenkritiker sich so gut wie nie in derlei Aufführungen verirren und gar nicht wissen, was für das Zielpublikum zwischen 8 und 12 Jahren wirklich gut ist. Und in den Leitungsteams sind weniger Fachleute am Werk, sondern überwiegend Studenten der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Den diesjährigen Kinder-"Ring"-Regisseur hat die dortige Honorarprofessorin Katharina Wagner bei einem Bier für Bayreuth gewonnen.

4. Apropos Geselligkeit: Seit 2010 sind am Grünen Hügel ganz neue Freunde am Ball: "Taff" nennt sich kurz das "Team aktiver Festspielförderer", ein vermutlich von Katharina mit initiierter Verein, der bisher ein paar rauschende Feste und das neue Kartenbestellsystem finanziert hat. Vorsitzender Peter Maisel ist Chef der TMT GmbH & Co. KG, einem Kommunikationsdienstleister, derzuerst den Internetauftritt der Festspiele realisierte. Die Schwesterfirma TMT Media GmbH & Co. KG wirkt als Produzent für die BF-Medien GmbH und deren Verfilmungen. Wer da wie profitiert, könnte interessant sein.

5. "Taff" trat 2010 mit dem unangemessenen Slogan "Wir sind Festspiele" auf den Plan und durfte sich im offiziellen Mitwirkendenheft an prominentester Stelle präsentieren, während die Mäzene der Gesellschaft der Freunde (GdF) nach hinten verbannt wurden. Deren Jahresversammlung 2010 blieben beide Intendantinnen mit seltsam wirkenden Begründungen fern und schickten nur ihren Pressesprecher als Beobachter, der bekanntlich eine Stasi-Vergangenheit hat. Für die Wagnerianer, die seit 1951 die Festspiele mit mehr als 65 Millionen Euro unterstützt haben und jetzt einer der vier Gesellschafter der Festspiel GmbH sind, war das ein Affront.

6. Umso mehr, als die "Freunde" angeblich auch tief in ihre Taschen gegriffen haben sollen, um unter anderem eine Abfindung für den langjährigen künstlerischen Mitarbeiter Stephan Jöris zu bezahlen, dem Katharina Wagner gekündigt hatte. Aus dem Haus geworfen hat die forsche Festspielchefin neben weiteren, sogar seit mehr als einem Jahrhundert wirkenden Partnerfirmen auch die inzwischen 85-jährige Lilo Heuberger, die seit 1951 den Opernglasverleih besorgte. Ihr Stand ist nur noch mit überflüssigem Schnickschnack bestückt, den die BF-Medien GmbH vertreibt, deren Geschäftsführerin Katharina Wagner ist. "Die hier ausgestellten Waren", hieß es zuletzt in einem dreisprachigen Aushang, "sind erhältlich an den Kiosken."

7. An den Kiosken gibt es unter anderem die neuen Programmhefte, deren Lektüre man leider nur empfehlen kann, wenn sich ein Produktionsdramaturg um den Inhalt gekümmert hat. Dass der frische Wind, den Katharina Wagner ins verknöcherte Bayreuth gebracht haben will, nichts weiter ist als eine Luftblase, unterstreicht auch die Tatsache, dass man seit eineinhalb Jahren nichts mehr gehört hat von dem Projekt, in dem der Journalist Peter Siebenmorgen und der Historiker Wolfram Pyta die Nazi-Vergangenheit der Familie und der Festspiele aufarbeiten sollen. Wie sagte doch Katharina bei der Pressekonferenz 2010 so schön: "Damit wir ganz sicher unabhängige Ergebnisse bekommen" werde das Projekt von der Festspielleitung weder finanziert noch kontrolliert. Und wer zahlt das Ganze dann?

8. Bleiben noch die familiären Grobheiten, die allerdings genauso Eva Wagner-Pasquier zugeschrieben werden dürfen: Wenn man allein bedenkt, dass Bruder bzw. Halbbruder Gottfried bei der Trauerfeier für Wolfgang Wagner im Festspielhaus und der merkwürdigerweise erst sieben Monate später stattfindenden Beisetzung außen vor gelassen wurde, braucht es niemanden mehr zu wundern, dass 2011 gleich drei für Bayreuth wichtige Jubiläen von der Festspielleitung schlichtweg ignoriert wurden - vermutlich deshalb, damit der geniale Onkel Wieland und dessen Anhang ja nicht zu Pott kommen konnten. Ach, Bayreuth!

Eva, die Unnahbare

Wenn es im Festspielhaus so etwas wie eine Backstage-Queen gibt, dann heißt sie Eva Wagner-Pasquier: Die 66-jährige Co-Festspielleiterin wirkt gern im Hintergrund und überlässt die große Bühne der Öffentlichkeit lieber ihrer Halbschwester, dem Mediendarling Katharina. Das hat Gründe, die zum Teil sehr weit zurückliegen.

Als 2001 der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung die Opernmanagerin Eva Wagner-Pasquier aus Paris zur Nachfolgerin ihres Vaters Wolfgang Wagner bestimmte, lehnte der damalige Geschäftsführer der Festspiel-GmbH mit Vertrag auf Lebenszeit seine Tochter aus erster Ehe kategorisch als "unfähig" ab, weil er den Posten nur mit seiner zweiten Frau Gudrun besetzt sehen wollte.

Wie verletzend das für die heute 66-jährige Wagner-Urenkelin war, die für drei Jahrzehnte vom Grünen Hügel vertrieben worden war und erst seit September 2008 wieder da ist, um mit der um eine Generation jüngeren Halbschwester Katharina die Festspiele zu leiten, konnte man seinerzeit in einem der höchst raren Interviews mit ihr lesen. Heute noch ist zu spüren, dass sie nicht nur in ihrer Berufsehre getroffen war - auch wenn sie wusste, dass in ihrer Familie Blut ein ganz besonderer Saft ist.

Eva war Wolfgang Wagners erste Wunschmaid, seine rechte Hand, die er zugunsten der fast gleichaltrigen Gudrun verstieß. Erst als diese Ende 2007 überraschend starb, wurde eine Wiederannäherung möglich - was in erster Linie wohl aus rein dynastischen Gründen passierte. Denn Wolfgang wollte partout Katharina, die Wunschmaid aus zweiter Ehe, auf den Festspielthron hieven: Da diese als Alleinverantwortliche nicht für ihn, aber sicher für den Stiftungsrat noch zu jung war, kam plötzlich Eva ins Spiel und wechselte die Seiten, nachdem sie sich im Kandidatenkarussel zuvor unter anderem auch mit ihrer Cousine Nike Wagner beworben hatte.

Interviews hat sie seit ihrer Ernennung keine mehr gegeben - mit einer Ausnahme: Toni Schmid, Ex-Journalist und als hoher Ministerialbeamter sowohl Vorsitzender des Stiftungsrats der Richard-Wagner-Stiftung als auch des Verwaltungsrats der Bayreuther Festspiele, präsentierte sie in der Vierteljahresschrift Aviso als zwar pressescheue, aber zupackende Fachfrau. So will sie bei ihren öffentlichen Auftritten auch gesehen werden. Allerdings rang sie sich 2009, bei ihrer ersten Festspielpressekonferenz, gerade mal fünf Sätze ab. Und vor einer Gesprächsveranstaltung des Richard-Wagner-Verbands soll sie sich aktuelle Fragen nach den Festspielen sogar verbeten haben.

Ob Eva, die Unnahbare, sich noch so gut mit ihrer Halbschwester versteht, wie immer behauptet wird, sei dahingestellt. Denn ihr Sohn Antoine Wagner-Pasquier wurde als Regisseur der Oper "Don Sanche" zum offiziellen Liszt-Jubiläum in Bayreuth ausgebootet und von einer Kollegin ersetzt, die just bei Katharina einen Meisterkurs belegt hatte. Er hat die Stadt auf Schadensersatz verklagt, eine gütliche Einigung kam nicht zustande, nächster Gerichtstermin ist im April. Ach, Bayreuth.


Kommentar von Monika Beer: Lauter Kollateralschäden


Was das für ein Einschnitt war, als im September 2008 die beiden Töchter von Rekordfestspielleiter Wolfgang Wagner zu dessen Nachfolgerinnen bestimmt wurden, ist auch der Fachwelt erst nach und nach klar geworden. Dass der Vater, der seit der Wiedereröffnung 1951 dem Festival vorstand und 90-jährig im vorigen Jahr starb, kein wohl bestelltes Haus hinterließ, hätte man bei genauerem Hinsehen schon vor der Übergabe erkennen können. Denn schließlich war schon im Sommer 2007 bekannt geworden, dass in der Finanzplanung der kommenden drei Jahre 1,6 Millionen Euro fehlten. Auch wenn das völlig aus dem Rahmen fiel, deckte die mäzenatische Gesellschaft der Freunde von Bayreuth das Defizit - unbürokratisch wie immer. Es taten sich weitere Finanzlöcher auf, für die "Freunde" diskret einsprangen. Gedankt wurde es ihnen bekanntlich nicht.

Schon gar nicht von Wolfgangs Töchtern. Die halten sich am liebsten nach fast allen Seiten hin bedeckt und sind im Zweifelsfall für so gut wie gar nichts verantwortlich. Denn die künstlerische Planung bis ins Jahr 2015, heißt es immer wieder gern, soll bis auf absagenbedingte Abweichungen alle noch der greise Vater getätigt haben - das Team inklusive, das im Sommer 2011 den "Tannhäuser" gründlich vergeigt hat. Alles weitere sind im Zweifelsfall Kollateralschäden, die der Umbau des patriarchalischen Ein-Mann-Betriebs in einen schweren Tanker mit vier Gesellschaftern so mit sich bringt. Auch die Altlasten bei der Kartenvergabe, die schon mehrere Rechnungshöfe beschäftigten und immerhin zwei Bürger veranlasst haben, bei der Staatsanwaltschaft Hof Anzeige wegen Untreue zu erstatten. Die Ermittlungen sollen bis Jahresende andauern. Ach, Bayreuth!