Bayreuth
Premiere

Kann das "Liebesverbot" Sünde sein?

Die Neuinszenierung des Wagner-Frühwerks "Das Liebesverbot" in der Oberfrankenhalle in Bayreuth ist uneingeschränkt zu empfehlen: Die einzige wirklich komische Oper des erst 22-jährigen Komponisten gelingt musikalisch und szenisch perfekt.
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Schlussszene der hinreißenden Neuinszenierung von Wagners Frühwerk "Das Liebesverbot" Fotos: BF Medien GmbH
Schlussszene der hinreißenden Neuinszenierung von Wagners Frühwerk "Das Liebesverbot" Fotos: BF Medien GmbH
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Jubel, Bravorufe, Getrampel in der Oberfrankenhalle: Die Neuinszenierung von Richard Wagners zweiter vollendeter Oper "Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo" in der Frühwerke-Serie ist mitnichten ein auf Mehrzweckhallentauglichkeit gedimmter Torso, sondern ein über den grünen Klee zu lobender musiktheatralischer Geniestreich. Wer nicht warten will, bis der beglückende Abend im Opernhaus Leipzig zu erleben ist (bei diesem neuen Publikumsrenner werden die fünf geplanten Aufführungen vermutlich nicht ausreichen), sollte sich schnell noch eine Karte in Bayreuth sichern. Zwar kostet der Eintritt deutlich mehr, dafür steht nur dort Constantin Trinks am Pult - ein Dirigent, den man sich merken sollte.

Denn anders als beim "Rienzi"-Abend zuvor, bei dem der vom Feuilleton und den nachklappernden Agenturen längst wagnerheilig gesprochene Christian Thielemann die musikalische Leitung inne hatte (und mit Bayreuth-Maestro-Attitüde sitzend dirigierte), klang das Gewandhausorchester Leipzig diesmal so, wie man es von einem Ensemble dieser Klasse erwartet. Der vielbeschäftigte Wunder-Thielemann kocht eben auch nur mit Wasser und hat vermutlich nicht oder zu wenig selbst mit diesem Orchester geprobt.

Beim "Liebesverbot" hingegen gelang schon vom Instrumentalen her fast alles. Vielleicht auch deshalb, weil der Dirigent nicht nur die idiomatisch und zum Teil sehr konkret aufs spätere Werk hinweisenden Wagnerklänge auskostet, sondern ebenso lustvoll die starken Einflüsse der italienischen Belcanto-Oper und der französischen Grand Opéra auf den 22-jährigen Komponisten. Trinks, die durch die Bank vorzüglichen und wie der Chor in schierer Spielfreude aufgehenden Solisten, verleugnen nicht, dass in der einzigen wirklich komischen deutschen Spieloper Wagners viel Bellini, Donizetti und Rossini steckt, ja sogar Operette!

Ein antiautoritärer Wagner
Dass das "Liebesverbot" laut Joachim Kaiser "Wagners keckste, frechste, antiautoritärste und heiter-anarchischste Oper" ist, macht neben der brillanten musikalischen Interpretation vor allem die genial gelungene Inszenierung von Aron Stiehl und seinem Team spürbar (Bühne: Jürgen Kirner, Kostüme: Sven Bindseil, Licht: Christian Schatz). Sie alle schaffen mit durchaus einfachen Theatermitteln, Einfallsreichtum und Präzision genau das, was der "Rienzi"-Abend verfehlt: Man versteht, was vor sich geht, sogar ohne Übertitel (die man sich trotzdem gewünscht hätte), man interessiert sich für die Figuren, fiebert förmlich mit ihnen mit.

Und man möchte sich am liebsten mit diesem immer wieder wilden und doch zahmen Haufen auf der Bühne verbrüdern, weil jeder einzelne Solist und Chorist ein individuell herausgekitzelter Charakterkopf ist, der so und nicht anders richtig zu sein scheint. Tuomas Pursios in jeder Hinsicht beeindruckender Statthalter Friedrich ist erkennbar kein Deutscher, sondern lässt unmittelbar an Burt Lancaster als Don Fabrizio in Luchino Viscontis "Gattopardo"-Verfilmung denken. Folgerichtig trägt er, als er sich für sein Rendezvous verbotswidrig selbst verkleidet, ein Kostüm in Leopardenmuster. Apropos: Mit tierischen Anspielungen und Naturbildern spart die Ausstattung nicht, geht es doch darum, dass das sizilianische Volk, das hier aus Hippies und anderen, als sittenlos bekannten Figuren besteht, versucht, unter tätiger Mithilfe der Novizin Isabella das unsinnige Karnevals- und Liebesverbot des Statthalters zu kippen.

Alle Mitwirkenden brillieren
Christiane Libor als Isabella darf zittern und zagen, wie fast jeder andere Wagnersopran, aber sie kann endlich auch ihr komödiantisches Talent einbringen - und sie hat reichlich davon. Dass die enorm anstrengende, vielseitige Partie ein paar stimmliche Grenzen offenbart, muss man ihr nachsehen. Die Sängerin, die an einem Abend in der Bandbreite von rasenden lyrischen Belcanto-Koloraturen bis zu hochdramatischen Ausbrüchen alles tadellos schafft, gibt es vermutlich nicht mehr - zumindest nicht mit einem heute üblichen Orchester, das höher gestimmt ist und zumeist auch, weil die Dirigenten es so wollen, lauter aufspielt.

So ähnlich ist das auch bei Tenor Bernhard Berchthold, der als Lucio schon deshalb eine große Nummer ist, weil er wie eine heutige Ausgabe E.T.A. Hoffmanns wirkt - und sich zum Teil so bewegt, als sei er der leibhaftige Kapellmeister Kreisler, dem bei der Bauchtanznummer allmählich auch sängerisch die Luft ausgeht. Auch die weiteren Tenöre beeindrucken: Dan Karlström als Antonio, David Danholt als Claudio und Martin Petzold als Pontio Pilato. Mit echtem Bauch und Basstiefe gesegnet der hinreißende Brighella von Reinhard Dorn, auch Jürgen Kurth als Angelo und Sejong Chang als Danieli machen eine gute Figur. Und auf sehr unterschiedliche Weise schlichtweg betörend agieren und singen Anna Schoeck als Mariana und Viktorija Kaminskaite als Dorella.

Am Ende haben die hier zelebrierte Lebenslust, der Witz und der hinreißende Schwung alle angesteckt - Cancan inklusive. Nur die Festspielleiterinnen, die man schon aus Gründen der Kollegialität bei dieser echten Premiere erwartet hätte, glänzten durch Abwesenheit. Schade, denn anhand der in allen Punkten gelungenen Produktion hätten sie unschwer ablesen können, dass das "Liebesverbot" eine echte Bereicherung der des Festspiel-Repertoires wäre. Der Oper Leipzig - und nicht den Bayreuther Festspielen - ist das gelungen, was selbst im Jubiläumsjahr 2013 kaum einer erwartet hätte: Sie hat "Das Liebesverbot" endlich aus der Schmuddelecke befreit, in die Wagner selbst sie als angebliche "Jugendsünde" gesteckt hat.


Termine und Karten
Weitere Vorstellungen von "Das Liebesverbot" am 11. und 14. Juli. Karten unter Telefon 0181-2002013 sowie im Internet unter www.wagnerjahr2013.de. Über "Die Feen", die in Bayreuth am 9. Juli nur konzertant aufgeführt wurden, haben wir bereits anlässlich der Leipziger Premiere berichtet.