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Klassik

James Rhodes: Ein ungewöhnlicher Pianist

Klassische Musik muss in einer angemessenen ernsten Haltung genossen werden - jedenfalls dann, wenn man Klischees erfüllen will. Genau das aber macht der britische Pianist James Rhodes nicht.
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James Rhodes Foto: B. Swevers
James Rhodes Foto: B. Swevers
Klassische Musik haftet ein Klischee an. Und das ist nicht unbedingt dazu angetan, dieser Musikrichtung neue Freunde zu verschaffen. Denn klassische Musik ist irgendwie getragen, ernst, seriös und sollte am besten in einer entsprechend ehrfürchtigen Haltung gehört werden.

Wenn es um "seine" Musik geht, dann ist der Brite James Rhodes sicher nicht das, was man von einem klassischen Pianisten erwarten würde. Doch auch wenn er in Jeans, Turnschuhen, T-Shirt und verwurschtelten Haaren am Steinway sitzt, dann glaubt man, dass es ihm nur um seine Musik geht. Und die ist für ihn lebenswichtig. Sie war es schon, als er - mehrfach von seinem Sportlehrer sexuell missbraucht und zu eingeschüchtert, um sich einem anderen Menschen anzuvertrauen - Trost fand in klassischer Musik. Und sie blieb es bis heute.

Klavier statt Selbstmord

Wie viele Kinder bekam er Klavierunterricht als er ungefähr sieben war, gab es aber als Jugendlicher auf, weil er sich Stücke vornahm, die seine Fähigkeiten bei weitem überstiegen, wie er selbstkritisch sagt. Statt eine künstlerische Ausbildung zu machen, arbeitete er in der Londoner Finanzbranche - entgegen seinen eigentlichen Bedürfnissen und Wünschen. Erst der völlige Zusammenbruch, der ihn neun Monate lang in verschiedene geschlossene psychiatrische Anstalten brachte, wo er - wie er selbst sagt - "alles versuchte, um mich umzubringen."

"Vielleicht war das nötig, damit ich letztlich herausfinden konnte, was ich wirklich wollte im Leben”, schreibt er auf seinen Internetseiten - klassische Klaviermusik spielen. Die Musik, die ihm ein Freund auf einem iPod in die psychiatrische Klinik schmuggelte, wo Rhodes jeglicher Kontakt zur Außenwelt verboten war.
So wie sich die Sonne nach einem dunklen Tag wieder zeigt und die Stimmung aufhellt, so müssen die klassischen Stücke auf Rhodes gewirkt haben. Sie machten ihm letztlich klar, was er im Leben wollte und führten dazu, dass er - mittlerweile geschieden und mit finanziellen Problemen - rein zufällig auf seinen späteren Manager stieß, der nicht nur seine Genialität erkannte, sondern ihm auch die Türen öffnete zu so namhaften Musikfirmen wie Warner Brothers. Rhodes, der immer ohne Partitur spielt und über 100 000 Noten im Gedächtnis hat, widerlegt die These, dass ein professioneller Pianist nur erfolgreich sein kann, wenn er schon als Kind hart trainiert, Konservatorien besucht und zahllose Wettbewerbe gewinnt.

Glück, Schweiß, Flirten und Tabletten

"Durch Glück, Schweiß, Flirten und die entsprechenden Medikamente habe ich das erreicht, was ich immer wollte: meinen Lebensunterhalt mit dem verdienen, was ich am meisten liebe."
Wenn er nicht auf Konzerttour ist oder ein neues Album aufnimmt, übt er täglich vier Stunden Klavier, trinkt unendlich viele Tassen Kaffee - und genießt sein Leben.
Natürlich ist er sich bewusst, dass er ein privilegiertes Leben führt und er sehr viel Glück gehabt hat - was auch daran liegt, dass einige prominente Briten ihn zu seinen Freunden zählen und sein Können öffentlich loben. Dass er seine Arbeit liebt, merkt man, wenn man ihm auf Youtube zuschaut. In Konzerten erklärt er die Stücke, die er spielen wird, erzählt Anekdoten aus dem Leben der Komponisten, wie schwer oder wie leicht es ist, die Stücke zu spielen und was sie für ihn bedeuten. Das tut er übrigens auch im Internet, wo er sich entwaffnend offen zu seinem Lampenfieber bekennt oder zugibt, dass er unbedingt noch mehr Kaffee braucht (was er übrigens in einem für Nichtbriten höchst skurrilen Englisch macht). Glaubt man den Reaktionen seiner Fans im Internet, hat es James Rhodes geschafft, Menschen für klassische Klaviermusik zu begeistern, die damit noch nie etwas am Hut hatten. Seine Mission, klassische Musik populär zu machen, hat er erfüllt.



Stücke


Now would all Freudians please stand aside - Klavierwerke u.a. von Bach und Beethoven, Doppel-CD, ca. 13 Euro.

Bullets & Lullabies. Werke unter anderem von Ravel und Chopin, Doppel-CD, ca. 40 Euro.

James Rhodes live in Brighton, Doppel-CD, ca. 25 Euro.

Diverse Stücke gibt es auch zum Herunterladen. James Rhodes stellt einige zum kostenlosen Anhören auf Soundcloudzur Verfügung.

James Rhodes ist auf Facebookund auf Twitterzu finden und hateinen Youtube-Kanal
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