Vordergründiges Virtuosentum ist ihm fremd. Wenn Till Fellner am Flügel sitzt, nimmt er sich als Person, soweit es geht, zurück, um sich voll und ganz dem Stück zu widmen, das er gerade spielt. Voll und ganz will heißen: Er nimmt jede Note, jede Vortragsbezeichnung ernst, alles ist hochdifferenziert, nichts ist beiläufig. Davon kann sich das Publikum gleich mehrfach überzeugen: Fellner ist "Artist in residence" der Saison 2013/14 bei den Bamberger Symphonikern. Am Sonntag startet seine Residenz mit einem Sonderkonzert in der Kammermusikreihe.

Diese Woche beginnt Ihre fünfte Zusammenarbeit mit den Bamberger Symphonikern.
Erinnern Sie sich noch an Ihr Debüt 1999?

Till Fellner: War das vielleicht mit Heinz Holliger? Ich kann mich nicht mehr erinnern, welches Stück ich gespielt habe, ich weiß nur, dass das Orchester bei diesen Konzerten die zweite Schumann-Symphonie gespielt hat und dass ich mir das einige Male angehört habe - auch bei den Proben.

Heißt das, dass Sie generell nach Ihrem Auftritt das weitere Konzert anhören?
In den meisten Fällen, ja. Wenn man wie bei der Südamerika-Tournee mit den Bamberger Symphonikern jeden Abend selber spielt, wird man sich auch einmal zurückziehen nach dem Klavierkonzert und hört dann die Eroica vielleicht nur zwei Mal - und nicht vier Mal. Aber im Allgemeinen nehme ich natürlich auch die Symphonien mit. Und wenn Dirigenten wie Holliger am Pult stehen, gehe ich gerne auch in die Proben. Wie er mit dem Orchester an Schumanns Zweiter gearbeitet hat, wie er gezeigt hat, welche Einflüsse in diesem Stück zu finden sind, so dass es fast wie ein Panorama der Musikgeschichte klingen kann, das fand ich ganz wunderbar.

Vier Jahre später folgte die erste Zusammenarbeit mit Jonathan Nott, 2011 gingen Sie mit ihm und dem Orchester nach Holland und in Südamerika auf Tournee.
Mit Jonathan Nott habe ich übrigens gerade erst wieder gespielt, bei Konzerten mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Er ist einer der wenigen Dirigenten, die gleichzeitig in der zeitgenössischen und in der klassisch-romantischen Musik zuhause sind. Er ist in den Proben sehr schnell, er ist unglaublich aufmerksam, und er arbeitet viel am Klang. Mit seinem Orchester Klavierkonzerte zu spielen ist für mich wie eine Art Kammermusik. Es gab ursprünglich den Plan, im Rahmen meiner Residenz mit Jonathan Nott das Ravel-Konzert zu spielen. Das ging aber aus terminlichen Gründen leider nicht.

Dafür sind Ehrendirigent Herbert Blomstedt und Manfred Honeck dabei. Sie haben schon mit beiden gearbeitet.
Mit Maestro Blomstedt erst einmal, 2012 in Paris, mit dem Orchestre de Paris. Manfred Honeck hingegen kenne ich schon sehr lange. Wir hatten Anfang der neunziger Jahre am Opernhaus Zürich ein gemeinsames Ballettprojekt, bei dem ich im Orchestergraben ein Mozart-Klavierkonzert spielte und er dirigierte - insgesamt waren das, glaube ich, achtzehn Aufführungen. Danach habe ich immer wieder mit ihm gespielt und in der letzten Zeit wieder vermehrt. Ende November, Anfang Dezember gastiere ich bei seinem Orchester in Pittsburgh als Solist.

Ihr Terminkalender bis zum Jahresende ist ganz schön voll. Sind die ständigen Ortswechsel der Grund, warum Sie zuletzt 2012 ein Sabbatical-Jahr eingelegt haben?
Das waren eigentlich andere Gründe. Aber es war ein angenehmer Nebeneffekt, einmal längere Zeit in Wien zu sein. Ich wollte einfach in Ruhe einige Stücke einstudieren - und ich wollte regelmäßig Kompositionsunterricht nehmen, jede Woche, über einen längeren Zeitraum. Dazu hatte ich noch verschiedene andere Projekte, habe mich intensiv mit dem Filmemacher Luis Bunuel beschäftigt und darüber auch einen Aufsatz für die Neue Zürcher Zeitung geschrieben. Mein Unterricht bei Alexander Stankovski, einem Schüler von Hans Zender, geht ja noch weiter.

Heißt das, dass Sie vorhaben, selbst zu komponieren?
Nein. Was ich gerne machen möchte: die eine oder andere Kadenz zu schreiben, etwa für ein Mozart-Konzert. Ich habe im Sommer unter Manfred Honeck das große c-Moll-Konzert KV 491 mit einer selbst verfassten Kadenz gespielt. Ansonsten habe ich bis jetzt nur Übungen gemacht, hauptsächlich im barocken Stil, Choralvorspiele, kleine Suitensätze, inzwischen bin ich bei den Inventionen angelangt. Ja, ich möchte einfach ein bisschen das Handwerk lernen, um die Stücke noch besser zu verstehen. Aber ich habe keinerlei Ambitionen, etwas Eigenes zu schreiben.

Sie beginnen Ihre Residenz mit einem Kammerkonzert. Das ist ein ungewöhnlicher Auftakt. Wie hat sich das ergeben?
Es war eine Idee des Orchesters. Wenn man schon Artist in residence ist, finde ich es einfach schön, mit den Musikern eben nicht nur als Solist aufzutreten, sondern auch Kammermusik zu spielen.

Auf dem Programm steht das Dvorak-Klavierquintett A-Dur op. 81 ...
... kein problematisches Werk, sondern ein musikantisches, mitreißendes Stück mit ständig wechselnden Stimmungen und mit gesanglichen und tänzerischen Elementen aus der Volksmusik. Das Stück ist sehr farbig und originell instrumentiert und bietet schöne Aufgaben für alle beteiligten Spieler.

Sie haben in Ihren bisherigen Symphoniker-Konzerten immer nur Beethoven und Mozart gespielt. Warum?
Die Wiener Klassik ist der Kern meines Repertoires. Aber ich spiele auch die Konzerte von Brahms, Chopin, bis hin zu zeitgenössischen Komponisten. Bei den Soloprogrammen konzentriere ich mich momentan auf Bach, Haydn, Mozart und Schumann.

Haben Sie bei der aktuellen Musik bestimmte Vorlieben?
Es gibt natürlich auch da Schwerpunkte, schon deshalb weil ich einige Stücke uraufgeführt habe. Anfang nächsten Jahres kommt bei ECM eine Aufnahme mit Kammermusik von Harrison Birtwistle heraus. Neben Werken von Birtwistle habe ich auch das Klavierkonzert von Thomas Larcher in der großen Orchesterfassung uraufgeführt, und ich schätze Kit Armstrong, der 2011 sogar ein Solostück für mich geschrieben hat. Ich würde aber nicht sagen, dass ich spezialisiert bin auf bestimmte Zeitgenossen. Ich habe schon alles Mögliche gespielt, von Ligeti, Kurtag, Lachenmann, Holliger...

Warum ist es so wichtig, sich mit der neuen Musik auseinanderzusetzen?
Ich lebe ja in der Gegenwart, da gehört das für mich einfach dazu. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, ohne zeitgenössische Musik zu sein - sowohl als Hörer als auch als Spieler.

Gerade hat Ihre Professur in Zürich begonnen. Was haben Sie sich vorgenommen?
Es klingt vielleicht ein bisschen paradox, aber ich möchte gerne, dass die Studenten sich von den Stücken sagen lassen, was sie sind, dass sie nicht unbedingt versuchen, sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Und dann hoffe ich natürlich, dass sie lernen, selbständig zu arbeiten, so dass sie mich bald nicht mehr brauchen.

Wann haben Sie aufgehört, selbst Lehrer zu haben - oder haben Sie noch welche?
Momentan habe ich nur noch meinen Kompositionslehrer. Aber Alfred Brendel ist immer noch als Berater für mich da - und das ist natürlich ein großes Glück! Er hört sich hin und wieder ein Konzert an oder eine Aufnahme und gibt mir dann Hinweise und Tipps. Einen festen Lehrer habe ich schon lange nicht mehr, denn ich habe mich relativ schnell, mit Anfang zwanzig, selbständig gemacht. Ich hatte auch bei Brendel immer nur zwei-, dreimal im Jahr Unterricht. Ich bekam da so viele Anregungen, dass ich damit genug zu tun hatte.

Gibt es außer Alfred Brendel Vorbilder für Sie?
Er ist für mich das größte Vorbild. Daneben gibt es aber eine ganze Reihe von Pianisten, die ich sehr bewundere: Pierre-Laurent Aimard zum Beispiel und von den älteren Wilhelm Kempff, Edwin Fischer, Alfred Cortot. Es gibt einige Aufnahmen, die ich zwar nicht jede Woche, aber doch immer wieder höre, weil sie für mich ein Maßstab sind, was man am Klavier erreichen kann.

Was wollen Sie als Pianist in den nächsten fünf, zehn Jahren erreichen?
Noch einige neue Stücke lernen, mein Repertoire erweitern - bei den Mozart-Sonaten gibt es noch einiges zu tun, Haydn, Schumann, ein paar große Stücke. Und die Stücke, die ich schon im Repertoire habe, hoffentlich weiter verbessern. Komposition lernen, so viel es geht, in Zürich unterrichten und daneben meine Interessen für Literatur und Film weiter verfolgen.

Sie haben ja auch schon in dem Film "Pianomania" mitgewirkt.
Ein ganz kurzer Auftritt, nur drei Minuten.

Sind Sie denn ein Maniac?
Ich glaube nicht. Ich spiele zwar wirklich sehr gerne Klavier, aber ich bin nicht besessen oder getrieben. Ich hatte ja auch überhaupt kein Problem damit, ein ganzes Jahr lang nicht auf der Bühne zu stehen.

Und das Schreiben?
Macht mir unglaublich viel Spaß. Bei Bunuel war die Hauptarbeit die Recherche. Ich habe mir alle zweiunddreißig Filme angeschaut, meine Notizen dazu gemacht und dann ein bisschen in der Sekundärliteratur nachgesehen. Das dann zu reduzieren, was man an Material hat, und niederzuschreiben, daran noch herumzufeilen und auszubessern, war gar nicht so schwierig.

Also gehört Gründlichkeit zu Ihren Eigenschaften.
Ich hoffe doch! Geduld auf jeden Fall auch.

Warum braucht ein Pianist Geduld?
Ich kann nicht für andere sprechen, sondern nur für mich. Klavierspielen ist eine sehr komplexe Angelegenheit, und die guten Stücke sind wirklich sehr schwierig zu spielen. Da muss man eine gewisse Beharrlichkeit haben, Geduld haben bei dem Versuch, etwas zu entwickeln. Ich nehme mich oft selber auf, habe ein kleines Gerät, das ich besonders für Klavierabende mitnehme und in eine Ecke stelle, wo man es nicht sieht. Am nächsten Tag höre ich mir das an, analysiere es. Außerdem versuche ich, mich jeweils auf ein bestimmtes Programm zu konzentrieren und es öfter zu spielen, um mich so hoffentlich verbessern zu können. Es gibt immer wieder viele Details, die man verändern muss. Und manchmal muss man sogar ein ganzes Konzept über den Haufen werfen.

Fällt Ihnen das leicht?
Wenn es notwendig ist, muss man es eben machen. Man sollte sich ja schon beim Spielen selbst zuhören. Aber wenn man eine Aufnahme hat, hört man sich doch objektiver, aus einer größeren Distanz. Das ist vielleicht so ähnlich wie bei einem Maler, der von seinem Bild zwei, drei Meter zurücktritt und es sich aus einer gewissen Entfernung anschaut. Ich habe mich daran gewöhnt, so zu arbeiten, mache mir Notizen - mal stimmt die Klangbalance nicht oder der Rhythmus ist an einer Stelle nicht exakt oder ich habe die Dynamik nicht genau beachtet. Es steht ja auch manchmal wahnsinnig viel schon in den Noten! Ich spiele gerade wieder das schöne Mozart-Rondo in a-Moll KV 511, da hat Mozart unglaublich viele Vortragsbezeichnungen hineingeschrieben. Umgekehrt gibt es Stücke von ihm, wo wie bei Bach fast nichts drinnen steht. Ob die Vorgaben nun da sind oder nicht: Ich versuche, mich dahin zu bewegen, dass das alles stimmt.

Konzert-Termine und Karten
Als Residenzkünstler der Bamberger Symphoniker gibt Till Fellner sein Debüt beim Sonderkonzert in der Kammermusikreihe am 27. Oktober um 17 Uhr in der Konzerthalle; die weiteren Mitwirkenden sind Bart Vandenbogaerde (1. Violine), Raúl Teo Arias (Violine), Lois Landsverk (Viola) und Ulrich Witteler (Violoncello). Auf dem Programm steht neben dem Dvorak-Klavierquintett das Streichquartett op. 44 Nr. 2 in e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. Anders als in manchen Vorschauen ausgedruckt, entfällt hier die Konzerteinführung. Till Fellners weiteren Auftritte folgen am 16. und 17. November in Bamberg mit dem Beethoven-Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur op. 58 unter Herbert Blomstedt sowie mit Mozarts Klavierkonzert in C-Dur Nr. 25 KV 503 unter Manfred Honeck Ende Februar, Anfang März 2014 (27. 2. Fürth, 28.2. Schweinfurt, 1. und 2.3. in Bamberg). Karten gibt es im Vorverkauf u.a. beim Bvd-Kartenservice in Bamberg, Lange Straße 22, Telefon 0951/9808220, sowie an der Tages- bzw. Abendkasse in der Konzerthalle.