Kundry sinkt nicht entseelt zu Boden. Während Parsifal, der neue Erlöser, nackt in einer Zinkwanne zu neuen, vermutlich unheilvollen Taten getragen wird, macht die hochschwangere Frau, die aussieht wie das personifizierte Prekariat, eine Verschnaufpause nach all den Abgründen, Anstrengungen und Aufregungen, setzt sich auf den Gepäckwagen, auf dem zuvor der neue Gralskönig inthronisiert wurde, und fischt mit den Fingern Birnen aus einer Dose. Das Leben geht weiter, muss weitergehen, ganz prosaisch - gerade weil die Musik eine zunehmend weltentrückte Sprache spricht.

Es ist streckenweise nur schwer auszuhalten, was der katalanische Opernschreck Calixto Bieito in Richard Wagners "Parsifal" als Kern für sich entdeckt und mit seinen restlos überzeugenden Sängerdarstellern akribisch, beklemmend und radikal genau vor dem Publikum ausbreitet. Der Weihrauch und Kerzenduft, den er zum geradezu heiter inszenierten Karfreitagszauber reichlich in den Zuschauerraum strömen lässt, täuscht nicht darüber hinweg, dass er im so titulierten, 1882 uraufgeführten Bühnenweihfestspiel Richard Wagners nicht viel Weihevolles gefunden hat.


Ein düsteres Ritual des Todes
Das "Weltabschiedswerk" des Meisters von Bayreuth zeigt in dieser schonungslos pessimistischen Interpretation eine zerstörte, verpestete Welt mit verrohten Menschen, die in ihrer heillosen Sinnsuche immer wieder die gleichen Fragen stellen und immer wieder die gleichen Fehler machen. Inspiriert durch den Roman "The Road" von Cormac McCarthy haben Susanne Gschwender (Bühne), Mercè Paloma (Kostüme) und Reinhard Traub (Licht) ein verbranntes, zerstörtes und geplündertes Ambiente geschaffen, in dem der Regisseur mit ein paar versprengten Haufen von Überlebenden ein düsteres Endspiel, ein Ritual des Todes so sehr verlebendigt, dass es einen immer wieder zutiefst aufwühlt.
Es geht ums Ganze, ums nackte Überleben - und um die Krise der Religionen. Natürlich hat Bieto die eigenen Missbrauchserfahrungen eingebaut: Es ist ein Bild von unglaublicher Härte, wenn Gurnemanz einen der engelsgleichen Boten bis auf die Unterwäsche auszieht, seinen Schlangenledergürtel abnimmt und drauflosprügelt. Erst wird das Kind Parsifal als toter Schwan untergejubelt, dann wird es von den ausgehungerten Gralsrittern sogar verspeist. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Geschundene und Schinder
In dieser endzeitlichen, aggressiven Männerwelt gibt es fast nur noch Outlaws - und die zum Teil zu bloßen Sexdienstleisterinnen mutierten, physisch und psychisch deformierten Frauen. Man spürt, dass alle Verlorene sind: die Geschundenen und die Schinder. Gurnemanz ist so eine Figur, an deren Fundament der Regisseur und sein ingeniöser Sängerdarsteller Stephen Milling mit geradezu biblischer Wucht gerüttelt haben. Kein Wunder, dass er dem als Heilsbringer auserkorenen Parsifal die Erlöser-Rolle buchstäblich in die Heldentenorbrust einbrennt.
Kundry zeigt unerwartete Seiten
Calixto Bieito hebt keinen Zeigefinger, klagt nicht an. Vielmehr beklagt er, was er zeigt. Und es ist nicht zu übersehen, dass es Frauen sind, an die er glaubt, denen er zutraut, dass sie eher das Richtige tun, wenn es denn eine Zukunft geben sollte. Allen voran Kundry. Christiane Iven zeigt rücksichtslos gegen sich selbst neue und unerwartete Seiten der ohnehin vielschichtigen Figur auf und setzt damit Maßstäbe für die Rolleninterpretation. Mit bewunderungswürdigem Mut, großer Empathie und einer Wahrhaftigkeit, die einen schaudern lässt, zeigt diese Frau von Beginn an, schon während der Ouvertüre, dass sie "durch Mitleid wissend" ist.
Vielleicht ist Kundry der reine Tor und der Gral. Sie hat Kraft zum Leben und Träumen, hat Leidenschaft und Klarheit. Ihre Zerrissenheit besteht hier eher darin, dass sie rein äußerlich partout nicht so aussieht wie eine Opernheldin. Sie gibt sich auch nicht so. Das hat Christiane Iven bei der Premiere am Sonntag unfaire Buhrufe eingebracht. Dabei ist auch ihre von unerhörten Pianofarben und klarer Diktion geprägte sängerische Interpretation eine große, seltene Kostbarkeit. Sie ist Herz und Seele dieses Bühnenweihfestspiels.


Durch die Musik zum Gesamtkunstwerk
Auch Andrew Richards in der Titelrolle, Gregg Baker als Amfortas, Claudio Otelli als Klingsor, die weiteren Solisten und Choristen leisten sängerisch Großartiges und holen in Calixto Bieitos körperbetontem Spiel alles und das Letzte aus sich heraus. Wäre das nur ein Schauspielstück, säße das Publikum schreckensstarr da. Aber die "Parsifal"-Musik, die Dirigent Manfred Honeck sängerfreundlich, transparent und sehr zügig, mit sicherem Gespür für die massiven Steigerungen bei den Verwandlungsmusiken, ins Auditorium fluten lässt, hält dagegen, macht spürbar, was ein Gesamtkunstwerk ist. In Stuttgart kann man es derzeit erleben.

Termine

Die Vorstellungen in dieser Saison sind komplett ausverkauft. Vormerkungen für eventuelle Rückgaben unter Telefon 0711/202090

Internet: www.staatstheater.stuttgart.de