Nürnberg
Kammerspiel

"Hedda Gabler" feiert Premiere am Nürnberger Staatstheater

Christoph Mehler gelingt am Nürnberger Staatstheater eine schlackenlose, unspektakuläre Inszenierung von Henrik Ibsens "Hedda Gabler". Er verzichtet auf zwanghafte Modernisierung und schafft gerade so ein beklemmendes Kammerspiel.
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Hedda Gabler (Anna Keil) als Schmerzensfrau im Vordergrund der kahlen Bühne, im Hintergrund Richter Brack (Pius Maria Cüppers, li.) und Jørgen Tesman (Stefan Lorch, re.) Fotos: Marion Bührle
Hedda Gabler (Anna Keil) als Schmerzensfrau im Vordergrund der kahlen Bühne, im Hintergrund Richter Brack (Pius Maria Cüppers, li.) und Jørgen Tesman (Stefan Lorch, re.) Fotos: Marion Bührle
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Ist diese Hedda nun ein Opfer der Verhältnisse, des Korsetts gutbürgerlicher Wohlanständigkeit und rigider Verhaltensregeln, in das sie eingeschnürt ist, oder ist sie Täterin? Eine boshafte, gefühlskalte, manipulierende Egoistin, die an ihren eigenen übersteigerten Ansprüchen zerbricht? Es ist nicht der geringste Reiz eines Theaterabends, dass man sich nach der Vorstellung den Kopf zerbricht über Motive und Intentionen, Irrungen und Wirrungen der Hauptfigur.

Zumal, wenn einem die Inszenierung eine Interpretation nicht aufdrängt. Das ist Christoph Mehler und seiner Dramaturgin Diana Insel am Nürnberger Schauspiel mit der "Hedda" geradezu vorbildlich gelungen. Ausgerechnet Mehler, der durch einen knalligen Nürnberger "Woyzeck" nicht nur Zuspruch geerntet hatte (und damit einen Preis gewann), und in Nürnberg "Kabale und Liebe" auch nicht gerade traditionell inszenierte.
Seine "Hedda" dagegen konzentriert sich auf die Essenz des Ibsen'schen Dramas von 1890, lässt dem Zuschauer Zeit zur Besinnung, betäubt zum Beispiel nicht mit dröhnender Begleitmusik, sondern setzt wie impressionistisch zart hingetupfte akustische Marginalien (Oliver Urbanski).

Folgerichtig und sehr gelungen ist die Bühne (Nehle Balkhausen) eine kahle Plattform, die von den Figuren recht mühsam zu erklimmen ist. Wie ausgestellt wirken sie da, wie in einer Familienaufstellung positioniert, zumal Mehler die Schauspieler förmlich festnagelt: kaum Körpersprache; Dialoge wirken oft wie von Schaufensterpuppen ausgetauscht.

Was absolut schlüssig ist. Gerade Hedda Gabler (Anna Keil) wirkt in ihrem Körperpanzer wie eingeschweißt. Alle Emotionen müssen sich von ihrer Mimik ablesen lassen, was der jungen Schauspielerin auch meisterhaft gelingt. Verachtung, Verzweiflung, Bosheit, Frustration, Sadismus spiegeln sich auf ihren oft wie vereist wirkenden Zügen.

Historisierend - nicht antiquiert

Folgerichtig auch, dass dieses Kammerspiel auf Modernisierung verzichtet, gerade in den Kostümen (Lene Schwind). Denn eine solche Hedda als frustrierte Generalstochter ist im permissiven 21. Jahrhundert nicht mehr denkbar. Ibsens Figur wird zerrieben zwischen emanzipatorischen Ansprüchen, derer sie sich bereits bewusst ist, und internalisierten Zwängen ihrer Klasse ("Ich habe zuviel Angst vor dem Skandal"). Die auch erotische Frustration schlägt bei ihr um in Sadismus.

Ihr Opfer ist der genialische Eilert Løvborg. Felix Axel Preißler spielt ihn vital, raumgreifend, überzeugend. Ihr Opfer ist aber auch ihr bemitleidenswerter Ehemann Jørgen Tesman, den Stefan Lorch als leicht vertrottelten, aber im Grunde hochsympathischen Biedermann mit dem Faible für "mittelalterliches Kunsthandwerk in Brabant" gibt. Seine Tantenliebe ist rührend, seine Pantoffeln sind auch mal für einen Lacher im Publikum gut.

Sonderapplaus gab es für Henriette Schmidt als Thea Elvsted. Ihr, der Nebenfigur, als zappelig, neurotisch, nicht sonderlich intelligent gespielt, gelingt, wovon Hedda träumt: der Ausbruch aus einer unbefriedigenden Ehe. Pius Maria Cüppers wiederum zeigt als Richter Brack zum Schluss hin eine geradezu dämonische Schmierigkeit, als er Hedda erpresst und sie, die ihren verschmähten Liebhaber Eilert zum Selbstmord regelrecht verführt hat, nun seinerseits in den Suizid treibt.

Sinnvoll gekürzt

Ibsens Text ist behutsam und sinnvoll gekürzt worden. Nicht zufällig ist bereits in den ersten fünf Minuten vom Geld und der teuren Villa die Rede, die sich das frisch vermählte Paar Jørgen und Hedda gegönnt hat. Geld als Treibmittel und Kitt der bürgerlichen Gesellschaft: Das war 1890 so, wie es im Jahr 2013 der Fall ist. Mit allerdings anderen psychischen und sozialen Folgen.

Man hätte die Hedda auch als eine Art Bettina Wulff anlegen können, die gerade wieder im Boulevard aufgetaucht ist. Dass der Regisseur das nicht getan hat, ist ihm und seinem diszipliniert und genau kalkuliert spielenden Ensemble hoch anzurechnen. Was das Premierenpublikum durch mehr als freundlichen Beifall auch getan hat.

Weitere Vorstellungen am 11., 13., 14., 18., 26. April, 4., 7., 18., 23. Mai, 19. Juni, 12. Juli

Karten
unter 0180/5231600 und www.staatstheater-nuernberg.de