Erlangen
Premiere

Hans Falladas deprimierendes Drama im Erlanger Markgrafentheater

Das Erlanger Markgrafentheater zeigt eine Dramatisierung des Hans-Fallada-Romans "Jeder stirbt für sich allein". Eine Straffung hätte dem quälenden Reigen menschlicher Niedertracht gutgetan.
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Das Widerstands-Ehepaar Otto (Hermann Große-Berg) und Anna Quangel (Marion Bordat) Fotos: Jochen Quast
Das Widerstands-Ehepaar Otto (Hermann Große-Berg) und Anna Quangel (Marion Bordat) Fotos: Jochen Quast
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Die besten Szenen stehen ganz am Anfang. Man erschauert vor dieser Kleinbürgerhölle in einem Berliner Mietshaus um 1940 herum, wo der Mensch des Menschen Wolf ist, wo Gier, Geiz, Schäbigkeit regieren - die Nazi-Ideologie weniger Überzeugung ist denn die Chance, sich z. B. am Vermögen einer jüdischen Mitbürgerin zu bereichern.

Das ist die Essenz aus Hans Falladas 1947 erstveröffentlichtem Roman "Jeder stirbt für sich allein" über den Protest der Eheleute Hampel (in Roman und Drama Quangel) gegen das Regime, nachdem der einzige Sohn an der Front gefallen ist. 1943 wurden die Hampels in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Neuausgabe des Romans - in der Nachkriegszeit wurden einige Passagen etwa zum kommunistischen Widerstand gestrichen, das ganze Szenario erschien dem Verlag als zu "trostlos und verbittert" - wurde zum Überraschungserfolg des Jahres 2011; eine Dramatisierung von Jens Groß im selben Jahr am Berliner Gorki-Theater uraufgeführt und jetzt von Intendantin Katja Ott in Erlangen inszeniert.

Es ist naturgemäß kein vergnüglicher Abend. Groß hält sich grob an die Romanhandlung, akzentuiert den im Adornos'schen Sinn autoritären Charakter des Gestapo-Kommissars Escherich, verzichtet weitgehend auf die Gefängnisszenen. Zwar ist Ernsthaftigkeit angebracht, denkt man an Peter Zadeks unsägliche gleichnamige "Fallada-Revue" von 1981. Doch ermüdet die Kargheit - auch durch die fast leere Bühne Bernard Siegls mit Hintergrund-Projektionen verstärkt - dieser Fleißarbeit schon. Insbesondere der erste Teil hätte gestraffter vorgetragen werden müssen, und das Happy-End mit einer in die Zukunft strebenden Jugend wirkt unwirklich und aufgesetzt, auch wenn es so in der Romanvorlage steht. Das Psycho-Drama des letzten Endes Würmchens Escherich (hervorragend: Patrick Nellessen) ist nur eine, nicht die bedeutendste Episode in diesem Reigen menschlicher Niedertracht. Der Auftritt der Anna Quangel als NS-Frauenbeauftragte fehlt ebensowenig wie die Rigidität einer kommunistischen Zelle, die an Brechts "Maßnahme" erinnert.

Die Handlung wird durch episierende Elemente vorangetrieben, wenn die Personen am Bühnenrand wie Erzähler aus dem Off agieren. Eine Entscheidung der Regie, über die man diskutieren kann. Das wirkt arg didaktisch und schultheaterhaft. Dagegen lebt diese Inszenierung von einer Großleistung des Ensembles, das über 20 Figuren spielt. Hermann Große-Berg gibt seinen Otto Quangel mit gemeißeltem Gesicht, Werner Galas brilliert als prolliger Hausbewohner Persicke und SS-Herrenmensch Prall, am besten vielleicht in all seiner berlinernden Rattenhaftigkeit ist Christian Wincierz als Kleinkrimineller und Strizzi Barkhausen. Wobei auch die anderen Akteure mit lang anhaltendem Beifall belohnt wurden.

Was bleibt? Auch die minutiös der Zeit entsprechenden Kostüme (Ulrike Schlemm) rücken das Geschehen weit weg, in einen nach Kohlsuppe riechenden Nazi-Kleinbürger-Mief, ganz weit weg von uns. Das ist auch gefährlich. Man lehnt sich zurück und ekelt sich vor dem Personal auf der Bühne. Hat dies alles tatsächlich so wenig mit uns Heutigen zu tun?

Weitere Vorstellungen 22., 23. März, 2., 3., 10., 11. April, 6., 7. Juli Karten unter Tel. 09131/862511, E-Mail service@theater-erlangen.de Dauer ca. drei Stunden, eine Pause