Für viele Besucher, besonders denen in den VIP-Lounges, war es ein Fehlgriff. Der Hauptdarsteller bediente ihre Erwartungshaltung nicht. Frechheit! Dabei distanziert sich David Gilmour (70) ganz bewusst vom Image des "The voice and guitar of Pink Floyd", wie im Programm für die Welttournee nachzulesen ist. Gilmour macht sein eigenes Ding. Soll heißen: Solowerke standen im Mittelpunkt des exakt dreistündigen Konzertes am Donnerstagabend auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

"Rattle that lock" heißt das aktuelle Machwerk, das der Brite in seinem Studio auf einem Hausboot an der Themse in neun Jahren Arbeit zusammen bastelte. Fast alle Stücke daraus gehören zum Programm, was Menschen, die sich mit Gilmour und Pink Floyd nur oberflächlich beschäftigten, natürlich verschreckt. Zwar wird der erste, lupenreine Gitarrenzupfer (des Instrumental-Intros "5am") noch heftig beklatscht, dann macht sich aber eine Mischung aus Staunen und Ratlosigkeit breit. Erst mit "Wish you were here" fängt die Gruppe, die mit fantastischen Musikern wie Chester Kamen (Gitarre), Chuck Leavell und Greg Phillinganes (Keyboards) sowie den langjährigen Weggefährten Guy Pratt (Bass und Steve DiStansilao (Schlagzeug) besetzt ist, die Skeptiker ein. Dabei verdienen Werke wie "Faces of stone", "A boat lies waiting" oder "In any tongue" durchaus eine intensivere Beschäftigung.

Denn allein durch sein brillantes Gitarrenspiel erhebt Gilmour seine Songs in den Rang eines Kunstwerkes. Zweifelsohne verleiht die Mischung aus Fingerfertigkeit und Klangwahn Gilmour einen besonderen Rang im Olymp der Rockgitarristen.

Das saubere Spiel, das Ziehen der Saiten bis an die Grenze deren Belastbarkeit gepaart mit Batterien an Effektgeräten verschmilzt zu einem Alleinstellungsmerkmal. Dabei nutzt Gilmour jedes seiner (vielen) Soli zum Anlauf in die Welt des übernatürlichen Klanges. Eine Aufgabe, der er sich mit 70 Jahren noch stellt, daran tüftelt und experimentiert, eine Herausforderung für die Ewigkeit.


In zwei Minuten ausverkauft

Und was hat der Zuhörer davon? Im Gegensatz zu vielen anderen gitarren-lastigen Konzerten wird es ihm zu keiner Sekunde langweilig.

Von den Psychedelic-Trips, die Pink Floyd in den Rock-Olymp katapultierten, ist nicht mehr viel übrig. Berauscht waren die Besucher dennoch ob der Klangfülle in Hi-Fi-Qualität und den Licht-Orgien (ab der zweiten Konzerthälfte). Großes Kino im intimen Theater, obgleich die Laser-Anlage komplett im Sattelschlepper blieb, was mit produktionstechnischen Gründen zusammenhing.

Denn der Schlossplatz war mit nur 6000 (Sitz-)Plätzen mit Abstand der kleinste Spielort auf der laufenden Welttour, die Gilmour zuletzt nach Verona und zurück nach Pompeji führte. Am Montag steht das zweite und letzte Gastspiel in Deutschland, in Wiesbaden, an.

Die Vergangenheit ganz abgeschüttelt hat der Ausnahme-Künstler freilich nicht. Mit "Fat old sun" griff er tief in die Klamottenkiste: Atom heart mother, 1970. Womit der Song älter war als viele Zuhörer. Aus dem Floyd-Repertoire wurden Werke bevorzugt, für die Gilmour verantwortlich zeichnete. Ob's um die Tantiemen geht?

Sein Streit mit dem einstigen Kollegen Roger Waters ist nicht erst seit der Veröffentlichung einer Biografie von Floyd-Schlagzeuger Nick Mason bekannt. Songs, wie "High Hopes" lassen da aber keinen Vermissens-Schmerz aufkommen.

Was dennoch zu denken gibt: War es die letzte Gelegenheit David Gilmour live zu erleben? Das Alter hinterlässt seine Spuren. Trotz Textmonitors hatte er einen Hänger bei "Shine on you crazy diamond" und - was schlimmer - bei "Run like hell" hat er sich glatt um einen Bund vergriffen.

Wenige Millimeter stürzten die Harmonie in den Abgrund. Kakophonie! Bassist Guy Pratt hat's sofort gemerkt, Gilmour auch schnell. Zumindest das (musikalische) Gehör lässt ihn (noch) nicht im Stich.