Bamberg

Fortschritt duftet nicht nach Rosen

Die Erde ist zerstört und der Mensch - wer sonst? - hat Schuld daran. Aus dieser Konstellation macht das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater mit "Fort Schreiten" ein anregendes Stück jenseits eingefahrener Denkschablonen.
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Oliver Niemeier, Bertram Maxim Gärtner, Marie-Paulina Schendel, Carlotta Freyer und Daniel Seniuk ( v. l.) in "Fort Schreiten" Foto: M. Kaufhold
Oliver Niemeier, Bertram Maxim Gärtner, Marie-Paulina Schendel, Carlotta Freyer und Daniel Seniuk ( v. l.) in "Fort Schreiten" Foto: M. Kaufhold

Die Apokalyptik der einen wird nur übertroffen von der Ignoranz der anderen. In der gesellschaftlich ultrahocherhitzten Debatte um den Klimawandel dominieren die Extreme. Im Zeitalter von Trump und Thunberg, Bolsonaro und Neubauer vermag sich vielleicht nur noch die Kunst aus dieser diskursiven Zwangsjacke zu befreien.

Die Kunst und mit ihr das Theater kann quer denken, in Möglichkeiten und nicht in Denkschablonen. Mit dem Stück "Fort Schreiten" nimmt sich das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater diese Freiheit. Am Freitag feierte das Stück in der Regie von Intendantin Sibylle Broll-Pape seine Uraufführung.

Das Stück im Auftrag des Bamberger Theaters geschrieben hat Konstantin Küspert. In der Ägide von Intendantin Broll-Pape und Dramaturg Remsi Al Khalisi ist Küspert so etwas wie der prägende Dramatiker des Bamberger Theaters.

Elegant und gleichzeitig wirkungsvoll verbindet der 37-Jährige zeitgenössische Stoffe mit leichfüßigen, an der Popkultur geschulten Darstellungsformen.

In die Tradition seiner Bamberger Aufführungen von "Rechtes Denken" oder "Der Westen" stellt Küspert jetzt auch sein Stück "Fort Schreiten".

Die Erde ist zerstört und der Mensch - wer sonst? - hat Schuld. Derart systematisch hat er seine natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, dass sogar sich Gott schaudernd abwendet: "Warum habe ich diese Vollidioten erschaffen?"

Das Raumschiff "Granda Paso" ist unterwegs zu einem neuen Planeten. Hier soll die Menschheit eine zweite Heimstatt finden. Hier verstößt die Bamberger Aufführung auch das erste Mal gegen die diskursive Ordnung. Denn die auch nur denkbare Existenz eines Planeten B streiten Klimaaktivisten kategorisch ab.

Auf der Brücke nur Weiße

Die Handlung setzt ein auf der Kommandobrücke des "Granda Paso" und wird diese mit Ausnahme einiger Rückblenden auch nicht mehr verlassen. Das von Trixy Royeck verantwortete Bühnenbild steckt voller Referenzen: Die pneumatischen Türen erinnern an "Star Trek", die zu einer Schnecke geformten Haare von Kommandantin Alix (Marie-Paulina Schendel) an "Star Wars", der Bordcomputer Kim an HAL 9000 aus Kubriks "2001 - Odyssee im Weltall".

Kim versteht die Menschen besser als diese sich selbst. "Ich bin intelligenter als Gott", sagt die Künstliche Intelligenz (KI) mit der Stimme von Schauspielerin Clara Kroneck.

Biblische Assoziationen liegen zwar nahe, sie führen aber in die Irre. Die "Grande Paso" ist keine Arche Noah. Ihre Besatzungsmitglieder sind keine Auserwählten, die in einem pathetischen Sinn das Beste der Menschheit repräsentieren würden. Die Besatzung repräsentiert noch nicht einmal einen statistisch ausbalancierten Querschnitt der Weltbevölkerung.

Denn auf der Brücke sind nur Weiße. Geschuldet sein dürfte dies nicht nur dem pragmatischen Umstand, dass das Bamberger Ensemble nur aus Weißen besteht und die Strategie des "Blackfacings" als schon längst nicht mehr opportun gilt. Es steckt vielmehr eine tiefere Wahrheit hinter den weißen Gesichtern auf der "Granda Paso": Die Welt, so wie sie ist, wurde von Weißen geschaffen. Genauer: von weißen Männern.

Aus der Vergangenheit wurden sie ins Raumschiff gebeamt. Da halluzinierte ein Neandertaler (Bertram Maxim Gärtner) euphorisch herbei, was uns Gegenwartsmenschen krachend auf die Füße fällt: Monokulturen, Massentierhaltung, ein unter ethischen und ökologischen Gesichtspunkten nicht zu rechtfertigender hoher Fleischkonsum.

Und da wäre Carl Benz (Daniel Seniuk): Schon bei der Patentanmeldung für sein erstes Automobil und damit rund 130 Jahre vor den Abgasmanipulationen deutscher Autobauer steht ihm klar vor Augen, dass die Menschen dereinst über die gesundheitlichen und ökologischen Folgen des Individualverkehrs wird belügt werden müssen.

Denn Fortschritt dufte nun mal nicht nach Rosen. Fortschritt trägt in dieser Logik den Keim von Betrug und Verderben immer schon in sich.

Halb gerappt, halb gesprochen

Diese Kontinuitäten und Pfadabhängigkeiten illustriert Broll-Pape immer dann besonders gut, wo sie dafür Szene und Dialoge findet. Carl Benz und der Neandertaler sind Beispiele dafür.

Wo die Figuren dagegen monologisieren, verliert das Stück schnell an Lebendigkeit und Witz. Dann wird - wie im Fall von Dschingis Khan (Oliver Niemeier), von Adolf Hitler (Stefan Herrmann) oder dem Futuristen Ray Kurzweil (Daniel Seniuk) - zwar wortreich viel behauptet. Gezeigt wird aber nur wenig. Selbst dem von Carlotta Freyer auf beeindruckende Weise halb gerappte, halb gesprochene Selbstentäußerung fehlte der Counterpart. In der Rolle der genialischen Programmiererin Ada Lovelace litt Freyer an patriarchal verbauten Lebenschancen: "Ihr könnt alles und besser", rief sie den Mädchen und Frauen im Bamberger Theaters zu.

Im irrwitzigen Finale führten Küspert, Broll-Pape und Al Khalisi ihre Schlüsse zusammen: Der technologische Fortschritt wird die Menschheit vor dem Aussterben bewahren. Der Mensch aber bleibt, was er ist. Er ändert sich nicht, niemals. Sich selbst entkommen die Menschen nicht. Dafür findet Broll-Pape ein umwerfendes Bild.

Fortschritt unter den Bedingungen der menschlichen Natur bleibt angewiesen auf das Außen, das es zu kolonialisieren und auszubeuten gilt. Die Menschheit muss "fort schreiten", um "fortschreiten" zu können.

Was die Zuschauer mit diesen Überlegungen anfangen, bleibt ihnen selbst überlassen. So einfach wie Trump hier und Thunberg dort machten es ihnen Konstantin Küspert und das Bamberger Theater nicht.