Zugegeben: Ein bisschen schluckt man immer noch und jedes Jahr - zum 18. Mal gibt's heuer die Faust-Festspiele - erneut, wenn Intendant Daniel Leistner zur Eröffnung und das Programmheft immer wieder auf die leichte Konsumierbarkeit der dargebotenen Stücke hinweisen. So bildungsfern ist das Publikum im Frankenwald nun auch wieder nicht.

Denn die Klassiker schrieben ja durchaus auch fürs Volk, was gerade für Molière gilt, der jahrelang mit einer Theatertruppe im absolutistischen Frankreich umherzog. Seine unsterbliche Komödie "Der eingebildete Kranke" hatte sich das Team um Regisseurin Heidemarie Wellmann vorgenommen, und es war wohl getan. Der Stoff ist ja auch 350 Jahre nach Entstehung des Dramas hoch aktuell und wird es bleiben, so lange es Krankheiten, Ärzte und geldgierige Menschen gibt.
Und das wird wohl immer so sein.

Eine zwar (von der Regisseurin) bearbeitete, doch immer noch erstaunlich werkgetreue Fassung ist da auf der Festungs-Terrasse zu sehen. Der Arzt Purgon wurde gar nicht unpfiffig zum Doktor Spüldich, sein junger Kollege Diafoirus wandelte sich in Kronach zum Thomas Pfiffdünn, die jüngere Tochter Louison taucht überhaupt nicht auf, was kein Schaden ist. Der Kronacher Molière setzt auf Geschwindigkeit, und das ist gut so. Vor allem zwischen dem Hypochonder Argan (Sven Schenke) und dem dreisten Dienstmädchen Toinette (Heidemarie Wellmann) entwickeln sich Rededuelle, die rattern wie Maschinengewehrfeuer.

Unschwer sind in der 1673 uraufgeführten Typenkomödie Figuren der italienischen Commedia dell'Arte zu erkennen: die listige Dienstbotin, der störrische Alte, die hochstaplerischen Ärzte. Erstaunlich, wie modern die satirische Kritik an der Medizin heute noch wirkt. Als Thomas Pfiffdünn (Robert Naumann), der junge Arzt mit "etwas trägem Verstand", seine gelehrten Tiraden losließ und Toinette die Universitäten lobte, "die so gebildete Männer in die Welt spucken", tobte das Premierenpublikum. Das auch an manch anderer Stelle spontan applaudierte.

Sven Schenke als eingebildet Kranker läuft zu Hochform auf und ist allein den Besuch der Komödie wert. Der eher kleinwüchsige Mann springt in seinen cholerischen Anfällen wie Rumpelstilzchen, fuchtelt mit dem Stock, stampft auf den Boden: ein patriarchalischer Giftzwerg, trefflich konterkariert von Wellmann, deren Text auch einmal eine launige Erkötzlichkeit parat hatte. Bis sich alles zum Happy End geordnet hat, dürfen sich die Protagonisten austoben: Daniel Leistner, dessen Diktion man allerdings mögen muss, als Spüldich und der alte Pfiffdünn, Gerald Fischer als Monsieur Lügenbeutel, Melina Rost als des Hypochonders Gattin Béline schön maliziös-mokant.

Ida Engelhardt als Tochter Angélique und ihr Geliebter Cléante müssen naturgemäß blasser bleiben, während Robert Naumanns Béralde auch heute noch brauchbaren aufklärerischen Mehrwert erzeugt. Naturgemäß zeigt sich deutlich, wer Profi ist im Ensemble. Auch die groteske Promotions-Szene im vom Autor eigentlich als Ballett-Komödie konzipierten Stück ist gelungen. Einzig der Wurmfortsatz mit Popmusik und Arme-Leute-Choreographie ist überflüssig - wie eben ein entzündeter Wurmfortsatz.

Termine und Karten "Der eingebildete Kranke" von Molière ist auf der Festung Rosenberg am 6., 12./13., 25./26., 28. Juli, 3./4., 9., 11., 15., 17./18., 22., 24., 30./31. August zu sehen. Infos unter www.faust-festspiele.de, dort auch Karten oder u. a. in allen FT- und CT-Geschäftsstellen