Sebastian Weigle ist Wagnerfreunden spätestens seit 2007 ein Begriff. Er wirkte im magischen Abgrund des Bayreuther Festspielhauses, als Wagner-Urenkelin Katharina mit den "Meistersingern" ihr umstrittenes Bayreuth-Debüt gab. Aktuell probt er seit heute für zwei Abonnementkonzerte und eine CD-Einspielung bei den Bamberger Symphonikern, erst am Sonntag absolvierte er den Auftakt zu einem der komplexesten Werke der Opernliteratur. An seinem Stammhaus dirigierte der Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt die Neuinszenierung von Richard Wagners Vorabend der "Ring"-Tetralogie "Das Rheingold".


Fast natürliche Nuancen

Um es vorwegzunehmen: Der Dirigent und seine musikalische Interpretation überzeugen auf Anhieb - auch wenn bei der Premiere nicht nur das knarzende Bühnenbild, sondern auch ein grässlicher Handyklingelton das fast zögerlich langsam sich aufbauende Es-Dur-Raunen zu Beginn empfindlich störten. Sebastian Weigle behält Ruhe und Übersicht, baut das Vorspiel mit viel Gespür für feine, fast natürlich sich ergebende Nuancen auf und gestaltet das anhebende Spiel um Macht, Geld und Liebe mit einem untrüglichen Instinkt für theatralische Steigerungen.

Dass er darüber hinaus ein eminenter Sängerdirigent ist, zeichnet ihn vor vielen seiner Kollegen aus. Immer wieder nimmt er das präzise intonierende, dynamisch sehr flexible Frankfurter Opern- und Museumsorchester zurück, damit auch das Beiseitesprechen, das Zaudern und Nachdenken der Figuren erkennbar und trotzdem gut hörbar wird. Umso lauter der Schluss: Der pompöse Glanz, in dem die Götter sich selbst feiern, schillert bemerkenswert falsch und gebrochen. Man erschrickt darüber, wie letztlich die Götterdämmerung schon aus dieser Schlussmusik herausbricht.

Neuauflage der Neubayreuther Scheibe

Die szenische Interpretation ist nicht ganz auf Augenhöhe. Was unter anderem mit dem Bühnenbild von Jens Kilian zu tun hat, der eine den heutigen technischen Möglichkeiten angepasste Version der Neubayreuther Scheibe entworfen hat. Der abstrakte, überwiegend blau ausgeleuchtete Bau mit fünf konzentrischen und gegeneinander verschiebbaren Kreisen ist nur auf den ersten Blick wirkungsmächtig. Allzu schnell wird voraussehbar, wann und wie das Szenarium sich ändert.

Der Mut zur Abstraktion und zur leeren Bühne ehrt Regisseurin Vera Nemirova. Allerdings schafft sie es nicht durchgängig, die auf ihrer Spielfläche zu oft allein gelassenen Figuren mit nachhaltigem Bühnenleben zu füllen. Vor allem die Götter wirken eher wie flüchtige erste Entwürfe. Donner ist auf seinen Golfschläger reduziert, Froh aufs Pusten von Seifenblasen. Die missbrauchte Freia darf zwar zu Fasolt auch positive Gefühle entwickeln, und Fricka ist sichtlich nicht nur Dienerin ihres Gatten, aber Terje Stensvolds Wotan ist einfach schon eine Spur zu alt, um jener herrisch virile Göttervater zu sein, der das Unheil in Wagners "Ring"-Welt in Gang setzt.


Unausgegorener Schluss

Dass Nemirova mit Alberich, Loge und Fasolt am meisten anfangen kann, ist nicht zu übersehen. Hier sind ihr und den Protagonisten überzeugende Rolleninterpretationen gelungen. Die notwendige Fallhöhe erreicht vor allem Jochen Schmeckenbacher als Alberich, der sich zunächst wie ein unbeschuhter Mr. Bean den sängerisch erstklassigen Rheintöchtern nähert, dann im güldenen Anzug glänzt und schließlich in langen Unterhosen gedemütigt und gequält wird.
Unausgegoren die Schlusslösung, wenn das Licht im Saal angeht und die wie Opernbesucher gekleideten Götter dem Publikum zuprosten als sei es die personifizierte Götterburg. Ist das einleuchtend? Sind wir denn alle Walhall? Ist alles nur ein Spiel? Ein paar Fragen offen lassen auch die Kostüme von Ingeborg Bernerth. Sie sind zwar dezenter als seinerzeit im Nürnberger "Ring", aber ihre seltsame Vorliebe für Pelze und Flokatis ist geblieben. Und die haarige Erda mag Magritte-Kennern ein Aha-Erlebnis bescheren. Aber die damit angedeutete Vergewaltigung der Urwala riecht nach Zeigefinger. Zumal es in diesem "Rheingold" leider rein gar nichts mehr zu lachen gibt.



Sebastian Weigle in Bamberg

Konzert 1: Am 8. Mai um 20 Uhr dirigiert Sebastian Weigle ein Konzert der Bamberger Symphoniker mit Elisabeth Kulman als Gesangssolistin. Auf dem Programm stehen Werke von Richard Wagner, Hans Sommer und Max Reger.

Gesprächsabend: Am 10. Mai um 20.30 Uhr steht Sebastian Weigle im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Richard-Wagner-Verbands Bamberg im Treff des E.T.A.-Hoffmann-Theaters. Der Eintritt ist frei.

Konzert 2: Am 13. Mai um 20 Uhr dirigiert Sebastian Weigle in der Konzertreihe C das Programm vom 8. Mai mit Bo Skovhus als Solisten.

"Rheingold"-Termine: Weitere Vorstellungen der Neuinszenierung an der Oper Frankfurt am 7., 15. und 22. Mai sowie am 6. und 12. Juni. Karten unter Tel. 069/1340400.

Internet
www.oper-frankfurt.de
www.sebastianweigle.com
www.bamberger-symphoniker.de