Bayreuth
Interview

"Es brennt in Bayreuth an allen Ecken und Enden"

Wagner-Urenkelin Iris Wagner will juristisch gegen die Erweiterung des Richard-Wagner-Museums in der Villa Wahnfried vorgehen. Sie fordert einen Bau- und Planungsstopp.
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Iris Wagner Foto: Archiv
Iris Wagner Foto: Archiv
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Von den Nachfahren Richard Wagners in der vierten Generation gibt es etliche, die in der Öffentlichkeit kaum einer kennt. Bis vor kurzem zählte Iris Wagner dazu, die älteste Tochter von Wagner-Enkel Wieland Wagner und dessen Frau Gertrud. Die studierte Germanistin und Übersetzerin, die auch als Fotografin und Filmemacherin wirkte, lebt in Berlin und wollte nie von ihrer Herkunft Gebrauch machen. Seit sie aber dem Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung angehört, fühlt sich die jetzt 70-Jährige zunehmend verpflichtet, das, was in Hinblick auf Wagners Bayreuth geschieht, nicht mehr nur still abzunicken.

Sie haben einen Bau- und Planungsstopp des Wagnermuseums gefordert und mit einer einstweiligen Verfügung gegen das "dilettantische Treiben" des Vorstands der Richard-Wagner-Stiftung gedroht. Warum?
Iris Wagner: Es ist gewissermaßen das Mittel der letzten Wahl. Sowas macht man ja nicht gerne, aber in der ohnmächtigen Position, in der wir Familienmitglieder uns befinden, blieb mir nichts anderes übrig. Ich meine das sehr ernst.

Was ist konkret schief gelaufen?
Sehr viel, und zwar schon im Vorfeld. Mir geht es vor allem darum, was aus dem Siegfried-Wagner-Haus wird - und natürlich um das "Café am Grab": Wenn mehr oder weniger neben der Gruft, wo Richard und Cosima Wagner begraben sind, ein Café etabliert wird, das hauptsächlich Außenbetrieb haben wird, ist das eine starke Verletzung des Wagnerschen Willens und eine ästhetische Zumutung. Als wir 1973 nichtsahnend und viel zu schnell der Stadt Bayreuth Wahnfried überschrieben haben, mit der Auflage, dass sie das Haus und den Betrieb mit allem, was dazugehört, unterhält, war uns nicht bewusst, dass schon die Tatsache, dass die Richard-Wagner-Stiftung und nicht die Stadt Träger dieses Museums ist, zu Unklarheiten führen könnte. Der Stadtrat hat, soweit ich weiß, einstimmig eine Planung abgesegnet, deren Folgekosten entweder verschleiert oder ignoriert wurden. Die Verantwortung dafür liegt inhaltlich bei dem Museumsdirektor, Herrn Dr. Sven Friedrich, und letztlich bei der Stiftung.

Was ist denn außergewöhnlich am Wahnfried-Ensemble?
Die axiale Anordnung, die Richard Wagner selbst getroffen hat. Im März 1873 zeigte er seiner Frau Cosima erstmals die Stelle der künftigen gemeinsamen Gruft, wenig später erfüllte König Ludwig II. ihm den heißen Wunsch nach einem Ausgang zum Hofgarten hin - in der Achse, die wie auf einem Lichtstrahl von der Allee samt Ludwigbüste durch den Saal über Rotunde und Grab zum Hofgarten führt.

Das Grab im eigenen Garten ist doch ziemlich einmalig!
Damals gab es einen fantastischen Förderer und weitsichtigen Bürgermeister namens Theodor Muncker, der das zusammen mit den übrigen Stadtvätern ermöglicht hat. Wie wichtig das für Wagner war, kann man schon daran ablesen, dass die Gruft bereits acht Monate vor dem Einzug im Frühjahr 1874 fertig gestellt wurde.

Wie konnte ein Neubau geplant werden, der sozusagen die Grabesruhe stört?
Da müsste ich sehr weit ausholen, denn es gab schon vor dem 2010 ausgeschriebenen Wettbewerb zur Museumserweiterung verschiedene "Lösungen". 2008 haben meine Tante Verena Lafferentz und ich zwar gegen ein zunächst geplantes Restaurant im sogenannten Kaminzimmer meiner Großmutter Winifred im Siegfried-Wagner-Haus votiert, aber der Wunsch von Herrn Dr. Friedrich nach einem Restaurant oder Café war noch in der Wettbewerbsausschreibung auffallend dominant. Ich habe, nachdem ich als beratende, aber nicht stimmberechtigte Person mit einbezogen wurde, so stark ich nur konnte, dagegen gesprochen. Weil es mir angesichts der historischen Bedeutung und des Erhaltungszustandes dieses Ortes Siegfried-Wagner-Haus absurd vorkam, das durch Gastronomie zu zerstören.

Warum hat unter den anderen Beteiligten niemand aufgehorcht? Das waren doch sachkundige Leute?
Ich kann das nur subjektiv beantworten, denn ich habe noch nie bei so einem Wettbewerb mitgemacht und bin dazugekommen, als das schon im Laufen war. Erst nach und nach und mit kaltem Entsetzen habe ich kapiert, was hier alles an Vorarbeit nicht geleistet worden war. Der Museumsdirektor hat nicht dafür gesorgt, dass die Beteiligten sich vorab mit dem 1985 erschienenen Standardwerk von Heinrich Habel zu den Bauten Richard Wagners beschäftigen. Allein damit hätte man im Vorfeld ein Kolloquium bestreiten müssen, damit Bauamt, Architekten und Preisrichter unverfälscht Kenntnis von der Quellenlage bekommen. Und man hätte das Projekt beispielsweise mit einschlägigen Kennern wie dem Museumsfachmann Christoph Stölzl oder Baudenkmal-, Icomos- und König-Ludwig-Experten Michael Petzet besprechen können. Mein Vorwurf ist, dass der Architektenwettbewerb nicht ergebnisoffen, sondern eine Farce war - zum zweiten Mal eine Farce, die das arme Bayreuther Unternehmen betrifft!

Und die erste?
... war die Wahl der Festspielleiterinnen, aber dazu möchte ich mich nicht äußern. Die zweite Farce, der Wettbewerb, lief zwar immerhin nach demokratischen Spielregeln ab, war aber in den Grundbedingungen gesteuert vom Willen des Herrn Dr. Friedrich. Seine Weigerung, mit Verwaltung und Archiv aus dem Siegfried-Wagner-Haus auszuziehen, seine falschen und nie korrigierten Angaben zum Raumbedarf - im Protokoll, das an die Architekten ging, standen noch 860 Quadratmeter für Verwaltung, Archiv und Bibliothek, tatsächlich sind es nur 270 -, seine großmannssüchtigen Erweiterungspläne mit der gewünschten Anbindung des Depots an die Ausstellungsbereiche führten letztlich dazu, dass die meisten Wettbewerbsteilnehmer neu und unterirdisch geplant und die Möglichkeiten an den von der Stadt zur Verfügung gestellten Ersatzflächen und -bauten, wo es Platz noch und nöcher gab, nicht genutzt haben.

Wer hätte Sven Friedrich besser auf die Finger schauen müssen?
Der Stiftungsvorstand und natürlich Ministerialdirigent Toni Schmid, der längst der Geheime Festspielrat ist, der von München aus in Bayreuth das Sagen hat - vor allem als Vorsitzender des Verwaltungsrats der Festspiele-GmbH, von dem praktisch alle wichtigen
Entscheidungen ausgehen. Er hat den Museumsleiter einfach machen lassen, und Herr Dr. Friedrich wiederum hatte den Bauherrn, also die Stadt und ihren damaligen Oberbürger-meister Dr. Michael Hohl, als Erfüllungsgehilfen an seiner Seite.

Gab es denn niemand im offiziellen Bayreuth, der dagegen war?
Doch, unter anderem war das der leider Ende letzten Jahres verstorbene Bernd Mayer, ein hoch beliebter Lokalpolitiker, -historiker und sehr sachkundiger Wahnfried-Liebhaber. Als ich 2008 mit ihm ins Gespräch kam, war er vehement gegen einen Bau im Garten und sprach sogar davon, ein Bürgerbegehren in Bayreuth loszutreten. Das war zunächst seine Haltung, und in der Fraktion der Bayreuther Gemeinschaft war er nicht der einzige.

Müsste Brigitte Merk-Erbe, die neue Oberbürgermeisterin, seine Einwände nicht noch im Ohr haben?
Sie hat das im Ohr, denn sie war mit ihm befreundet. Sie hatte sich übrigens noch dafür eingesetzt, dass vor dem endgültigen Stadtratsbeschluss zu diesem Projekt ein Gerüst aufgebaut werden sollte, damit man die räumliche Größe und Ausdehnung des Neubaus erkennen konnte. Schließlich ist es immer etwas anderes, ob man das in einem niedlichen Modell ästhetisiert sieht oder in der brutalen Wirklichkeit. OB Hohl hat das erst verweigert und dann so lange hingeschleppt, bis die Abstimmung gelaufen war. Ich hoffe, dass die Zeiten devoter Einmütigkeit im Stadtrat und der wahltaktischen Hohl-Manöver bis hin zur schrecklichen Baumfällaktion im Wahnfried-Garten jetzt vorbei sind. Ich hoffe, dass Frau Merk-Erbe auch eine Mehrheit hinter sich hat, falls sie doch noch meine Bedenken wegen des Cafés am Grab teilt und damit, nebenbei bemerkt, sogar Kosten von mindestens 500.000 Euro einsparen könnte.

Zumal das Café sich ohnehin nicht rentieren soll...
Die Firma Staab, die den Wettbewerb gewonnen hat, ließ ein Gutachten machen, das, wie zu erwarten war, an der Wirtschaftlichkeit dieses Standortes erhebliche Zweifel angemeldet hat. Wir wissen doch, dass in Bayreuth nur zur Festspielzeit wirklich was los ist. Und ob vom Hofgarten her die großen Massen kommen, um ihren Kaffee am Grab zu trinken, steht dahin. Das Ganze ist absurd! Erst recht wenn man bedenkt, dass Herr Dr. Friedrich die oberirdischen Sonderausstellungsflächen im Gartenneubau an Firmen und Kongresse untervermieten will. Der Neubau und das Café haben so ein Gewicht bekommen, während über die inhaltlich wichtigen Fragen des Museums überhaupt nicht geredet wird. Es gibt letztlich keine Informationspolitik, keinen Austausch zwischen Stiftungsrat, Stiftungsvorstand und der Museumsleitung - und kein Verantwortungsgefühl.

Welche Informationen fehlten denn?
Keiner hat sich rechtzeitig Gedanken wegen der Folgekosten gemacht. Warum kommt erst am hinteren Ende einer solchen, angeblich beim Kulturreferenten Carsten Hillgruber versenkten Planung heraus, dass die Folgekosten so hoch eingeschätzt werden, dass eine Stiftung, die letztlich ohne Vermögen ist, das nicht aufbringen kann, also in der Gefahr steht, Konkurs zu machen? Das hätte doch im Vorfeld geklärt werden müssen! Es zeigt sich in allen Details, dass alles Herrn Dr. Friedrich überlassen war, der sein Museum absichtlich heruntergewirtschaftet hat, damit der Druck auf die Politik umso größer wird. So hat er es jedenfalls selbst formuliert, als er von einer Journalistin zum desaströsen Zustand des Museums befragt wurde. Als ich im März gefordert habe, dass die Ausstellungskonzeption dem Stiftungsrat zugänglich gemacht wird, ist das von Herrn Dr. Friedrich verweigert worden. Er hat nur gesagt: "Das mache ich." Ich, ich, ich: Dieser autokratische Führungsstil eines städtischen Angestellten schreit zum Himmel. Aber warum soll er nicht herrschen, wenn ihn keiner daran hindert?
Erst letzten Monat habe ich in einem Brief an Herrn Wilhelm Wenning, den oberfränkischen Regierungspräsidenten und Vorsitzenden des Stiftungsvorstands, detailliert beschrieben, dass die Wettbewerbs-Manipulationen von Herrn Dr. Friedrich die Erweiterungskosten von zwölf auf fünfzehn Millionen Euro erhöht und zur unnötigen Verzögerung des Bauvorhabens beigetragen haben. Drei Millionen für das Fehlverhalten eines Museumsleiters sind kein Pappenstil. Ich bin gespannt, wie lange der Vorstand dazu braucht, Herrn Dr. Friedrich seine Funktion als Museumsleiter zu entziehen. In der freien Wirtschaft würde man mit einer sofortigen Freistellung, Kündigung des Arbeitsverhältnisses und einer Schadensersatzklage reagieren.

Zurück nach Wahnfried: Warum ist Ihnen das Siegfried-Wagner-Haus so wichtig?
Es ist geplant, zum Einfluss von Arthur de Gobineau auf Richard und Cosima Wagner, zum Wirken Houston Stewart Chamberlains und des Bayreuther Kreises bis hin zu den Verflechtungen im Dritten Reich Ausstellungsflächen bereitzustellen. Dafür bietet sich das Siegfried-Wagner-Haus an, das 1894 entstanden ist und in den 1930-er Jahren erweitert wurde. Ich teile die Ansicht von Fachleuten wie Christoph Stölzl, Michael Karbaum und Jörg Skriebeleit, dass es sinnvoll ist, in den Parterre-Räumen Winifred Wagners, dem Speisezimmer, dem Arbeitszimmer, dem Kaminzimmer und dem Gartenzimmer ein eigenständiges Historisches Museum zu gestalten, wo die sinnlich erfahrbare Aura der Räume in ein Spannungsverhältnis zu den aufklärenden Dokumentationen gesetzt werden kann.

Im Fernsehen hat Sven Friedrich vor über einem Jahr sogar davon gesprochen, dass er die historisch belasteten Räume qua Restaurantnutzung mit Bayreuther Bratwüsten "humanisieren" wolle.
Ja, ist das nicht unglaublich? Vielleicht steckt dahinter aber auch eine von der Politik vorgegebene bayerische Linie. Denn ehrlich gesagt kann ich mir anders nicht erklären, warum Preisrichter wie Dr. Michael Henker, Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, Dr. Robert Pick vom Landesamt für Denkmalpflege und Marion Resch-Heckel, Leiterin der Bauabteilung in der Regierung von Oberfranken, sich nicht stark dafür gemacht haben, das Siegfried-Wagner-Haus als eine Art Aufklärungs- und Erinnerungsort zu erhalten und dort die momentan verstaubte Chamberlain-Bibliothek zu integrieren.

Apropos Denkmal: Gehört der Wahnfried-Garten nicht dazu?
Leider nein. Mein allerletzter Versuch, diesen Bau im Garten zu verhindern, bestand darin, beim Landesamt für Denkmalpflege nachzufragen. Frau Dr. Anke Borgmeyer hat mir wie folgt geantwortet: "Von der Wagnerschen Anlage ist nicht mehr viel ablesbar. Deshalb konnte der Garten nicht als Denkmal in die Liste nachgetragen werden. Trotzdem wird der Garten unbestritten als Folie und charakterisierendes Element für das Haus Wahnfried angesehen und sicherlich in den Neubauplanungen berücksichtigt werden." Es stimmt schon, dass der Garten viele Überformungen erlebt hat, durch Anbauten, durch das Kriegsgeschehen, durch meinen Vater etcetera. Aber das ist doch kein Grund, den Wagnerschen Plan, der noch immer stark erkennbar ist, nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Wie auch immer: Der Wahnsinn ist wahr geworden: Bayreuth hat im Jubiläumsjahr 2013 als Wagnerstadt nichts vorzuzeigen, bestenfalls ein Baustellen-Event.

Sie haben bereits eine Klage laufen, gegen die Stadt Bayreuth und die Stadt Leipzig, wegen des Tafelklaviers von Richard Wagner.
Das ist eine Posse, in die auch wieder unser Museumsdirektor verstrickt ist. Die Stiftung wollte unsere Familie im Vorfeld dieser juristischen Auseinandersetzung dazu bewegen, ihr dieses Bechstein-Klavier zu schenken, von dessen "Besitz" wir gar nichts wussten. Da gab es im Stiftungsrat plötzlich einen Chor von heulenden Wölfen um mich herum, aber ich habe nichts unterschrieben. Im Gegenteil: Endlich einmal etwas in der Hand habend, habe ich gefordert, die Geschäftsführerverträge der beiden Intendantinnen dem Stiftungsrat vorzulegen. Aber da Transparenz im Stiftungsrat unbekannt ist, immer nur geschwiegen und getrickst wird, soweit das juristisch möglich ist, durfte Herr Dr. Hohl mir mit hochrotem Gesicht sagen: "No go, Frau Wagner, diese Verträge gehen Sie gar nichts an, gehen den Stiftungsrat gar nichts an, damit haben wir nichts zu tun." So habe ich also mein Sechszehntel des Klaviers behalten und die Stiftung gebeten, die entsprechende Interventionsklage zu übernehmen, denn das wäre ja in ihrem Interesse. Es geht jetzt anwaltlich zwischen Leipzig und Bayreuth hin und her. Ich bin gespannt, wie es ausgeht.

Warum tun Sie sich das eigentlich an?
Ab 2007 sahen meine Geschwister und ich die Notwendigkeit, die Familieninteressen nicht nur wie bisher anwaltlich, sondern auch kontinuierlich persönlich zu vertreten. Meine Geschwister hatten alle schon auf dem Altar Wagners geopfert - ein jeder gemäß seiner Begabung. Nur ich nicht. Ich war einfach dran. Aber wie es so ist: Die Pflicht und der Gegenstand packen einen. Zuerst habe ich mich wie ein Pfadfinder durchgetastet, die juristischen Manipulationen mit Grausen verfolgt und bin im Laufe der Zeit schlauer geworden - und immer wehrhafter. Das muss ich auch sein, denn es macht mich zunehmend wütend, dass die Stiftung einen Großteil ihrer Aufgaben an eine in der Satzung gar nicht vorgesehene, staatlich dominierte GmbH delegiert hat.

Was fühlen Sie, wenn Sie an Bayreuth denken?
Ich bin beschämt. Ich schäme mich zutiefst für das ganze Unternehmen. Es brennt in Bayreuth an allen Ecken und Enden. Wo man nur den Deckel aufmacht, kommt etwas Schreckliches hervorgekrochen - seien es die fehlenden Sozialbeiträge, die wegbleibenden Bühnenmeister, der aberwitzige Renovierungsstau des Festspielhauses oder die intransparenten Rechte-Verwertungsverträge der BF Medien GmbH. Den Verantwortlichen geht es eigentlich nicht um Richard Wagners Werk, weder oben im Festspielhaus noch unten in Wahnfried. In Bayreuth stehen jetzt gesellschaftliche Eitelkeiten, Repräsentation und Networking im Vordergrund. Zurück bleibt mehr oder weniger ein Nichts, ein ausgehöhlter Richard-Wagner-Kult. Seine Partituren, das Wertvollste, was Wahnfried hat, sind andernorts ausgelagert. Das ist alles tief traurig, trostlos. Mein größter Wunsch für das Jubiläumsjahr 2013 wäre, dass im Zentrum, im Auge des Taifuns, einfach nur Schweigen ist und sonst nichts - keine Festspiele und kein Baustellen-Event, während alle Welt wirbelt, um Richard Wagners 130. Todestag und seinen 200. Geburtstag gebührend zu feiern.



Der Geheime Festspielrat

Kommentar von Monika Beer

Wer in den letzten Jahren verfolgt hat, was in Bayreuth warum schief gegangen ist, muss feststellen, dass das nicht nur an den unmittelbaren Akteuren liegen kann. Zwar hat Sven Friedrich, der Direktor des Wagner-Museums, alles Mögliche und vor allem Unmögliche getan, um einen umstrittenen Neubau durchzusetzen, aber die Verantwortlichen bei der Stadt und der Richard-Wagner-Stiftung haben ihn ja gerne machen lassen. Die Festspiele wiederum werden von den Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner ebenfalls derart inkompetent, oberflächlich und ungeschickt geleitet, dass Toni Schmid, heute der maßgebliche Mann bei der 1973 gegründeten Stiftung, ihnen vorsorglich schon 2010 den von der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" finanzierten Fachmann Hans Tränkle zur Seite gestellt hat - und neuerdings einen noch nicht offiziell ernannten gleichberechtigten kaufmännischen Geschäftsführer.
Schmid ist Ministerialdirigent im Bayerischen Wissenschafts- und Kunstministerium, der sich schon unter mehreren Ministern zuvor an Wolfgang Wagner abgearbeitet hat. Aktuell ist er unter anderem Verwaltungsratsvorsitzender der Festspiele-GmbH sowie Vorsitzender des Stiftungsrats der Richard-Wagner-Stiftung. Der gelernte Journalist versteht es blendend, alle Probleme klein zu reden und nach außen hin abzuwiegeln. Ob ihm auch eine gute Antwort auf die Frage einfällt, warum es inzwischen sage und schreibe sechs Leute braucht, um den zuletzt vermutlich nicht mehr geschäftsfähigen Festspielleiter Wolfgang Wagner zu ersetzen? Denn neben dessen zwei Töchtern und Christian Thielemann (als künstlerischer Berater), neben den oben erwähnten zwei Fachleuten wird noch ein theaterüblicher Verwaltungsleiter bezahlt. Überwiegend aus Steuergeldern, die übrigens auch Toni Schmid finanzieren, der offenbar so gerne antichambriert, dirigiert, inszeniert und intrigiert, dass er darüber zu vergessen scheint, was für Bayreuth wirklich wichtig wäre.


Infobox

Wahnfried
Die Villa Wahnfried, das Wohnhaus Richard Wagners (1813-1883), gilt als exemplarisches Künstlerheim des 19. Jahrhunderts und ist unlösbar verbunden mit Wagners Leben und Werk. Das Haupthaus - es wird rechts flankiert vom Gärtnerhaus und links vom Siegfried-Wagner-Haus - wurde im April 1945 durch eine Fliegerbombe teilweise zerstört. Nach dem Krieg provisorisch instand gesetzt wohnte dort bis zu seinem Tod 1966 Wagner-Enkel Wieland mit seiner Familie. Im Zuge der Gründung der Richard-Wagner-Stiftung 1973 ging der Wahnfriedkomplex als Schenkung an die Stadt Bayreuth und wurde nach gründlicher Restaurierung 1976 als Richard-Wagner-Museum, Nationalarchiv und Forschungsstätte eingerichtet (www.wagnermuseum.de). Nach den aktuellen und genehmigten Planungen soll Wahnfried erneut saniert und mit Neubauten erheblich erweitert werden, wogegen unter anderem eine Bürgerinitiative auf den Plan getreten ist (www.wahnfried.com).

Die Ergebnisse des Architektenwettbewerbs kann man HIEReinsehen.








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