Ja, wir haben schon begriffen, dass es hier ums "Identitätsproblem" geht, wie es in der Deutschstunde hieße. Das wird dem Zuschauer - allzu viele waren es in der Premierenvorstellung von Kleists "Amphitryon" im Markgrafentheater am Donnerstag weiß Gott nicht - gleich klar, wenn er den Zuschauerraum betritt: Das Bühnenbild Annegret Riedigers ist vorne eine große Videoleinwand, hinten das stilisierte Haus des Feldherrn Amphitryon, der, siegreich aus dem Krieg heimgekehrt, sich auf die Gattin Alkmene freut und sich mit einem göttlichen Nebenbuhler konfrontiert sieht, der seine Gestalt angenommen hat.


Zuschauer videogespiegelt


Doch auf diese Handlungsdetails des uralten und immer wieder behandelten Komödienstoffs kommt es Regisseur Jakob Fedler offenbar gar nicht besonders an. Stattdessen: siehe oben. Also sieht man sich noch vor Beginn der Vorstellung videogespiegelt auf der Bühne. Eine hübsche Idee, die noch ausgebaut wird. Irgendwann verschwinden die Zuschauer auf der Leinwand, und uniform in braune Anzüge (Kostüme: Julia Kneusels) gekleidete Männchen (Weibchen?) bevölkern die Sitze. Passt gut zur elektronischen Musik von Kraftwerk ("Die Mensch-Maschine", "Wir sind die Roboter"), die schon mit ihrem Bühnen-Outfit die Entindividualisierung in der Moderne thematisierten.

Einheitlich braun sind auch die Anzüge der Protagonisten, die hin und wieder auch im Hemd (Alkmene, Charis) oder splitternackt und "Wer bin ich?" schreiend dastehen (Amphitryon). Kann aber auch ein anderer gewesen sein, denn es kommt dieser Inszenierung auf frei flottierende Identitäten an. Alle können alles sein. Die Heteronormativität ist selbstverständlich aufgehoben - Jupiter figuriert auch schon mal als die Gattin des Sosias/Merkur.

Sosias mal sechs

Also erscheint Diener Sosias in einer Eingangsszene gleich in sechsfacher Ausführung, spricht die multiplizierte Figur wie im Chor (etwas längere Probezeit hätte der Synchronizität gut getan). Bereits da zeichnet sich eine Crux ab: Man kann aus dem Wortbrei nur schwer einzelne Stimmen herausdestillieren. War das vielleicht Absicht?, spekuliert man noch, als sich manch andere Worte im weiten, dunklen Bühnenhintergrund verlieren. Wenn junge Schauspieler rennen und hecheln, leidet ihre Aussprache naturgemäß.

Die komischen Elemente der Handlung bereitet Fedler, der in Erlangen u. a. eine achtbare "Mutter Courage" und mehrere beachtliche Inszenierungen zeitgenössischer Stücke hingelegt hatte, boulevardmäßig auf, inklusive enervierend knallender Türen. Die tragische Zerrissenheit der Alkmene bleibt demgegenüber auf der Strecke. Ähnlich Amphitryon, der, in seiner Individualität von den andern ersetzt, die meiste Zeit regungslos am Bühnenrand sitzt. Wenn er zum Einsatz kommt, darf er schon einmal Textpassagen wiederholen, die sein Kontrapart bereits vortrug.

Fedler ersetzt Subtilität durch Klamauk, weswegen sein sich redlich mühendes Ensemble auch nicht individuell gewürdigt werden soll. Ebenso verbeißen wir uns mit Mühe den billigen Witz, das berühmte "Ach!" der Alkmene als des Dramas letztes Wort an den Schluss der Kritik zu setzen. Geschrien hat es jemand, nur wer? Biologisch jedenfalls ein Mann. Einmal heißt es "Das Theater ist nichts für die sensiblen Menschen" - wenn Herr Google richtig Auskunft gibt, ein in den Text eingefügtes Zitat von Moritz Rinke. Fürwahr. Dieses - beabsichtigte - Chaos und Durcheinandergeschrei ist wahrhaft nichts für Sensible. Freundlicher Applaus vor allem für die Schauspieler belohnte die Anstrengung. Warum applaudiert eigentlich niemand Zuschauern, die durchgehalten haben?

Weitere Vorstellungen 13., 14. Februar, 2., 12. März, 20. April, 21./22. Juni Karten Tel. 09131/862511, E-Mail: service@theater-erlangen.de; online: www.theater-erlangen.de