Erlangen
Premiere

Erlanger "Jungfrau" im Halbdunkel

Thomas Krupa macht am Erlanger Markgrafentheater aus Schillers "Jungfrau von Orleans" ein anstrengendes Kammerspiel ohne zwanghafte Aktualisierung.
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Johannas (Violetta Zupancic) Begegnung mit dem Schwarzen Ritter (Martin Maecker) Fotos: Ludwig Olah
Johannas (Violetta Zupancic) Begegnung mit dem Schwarzen Ritter (Martin Maecker) Fotos: Ludwig Olah
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Das im Programmheft abgedruckte "Punk-Gebet" von Pussy Riot ("Räumt Putin aus dem Weg") schillerte in der Inszenierung am Freitag nicht weiter auf. Das war gut und schlecht. Gut, weil einem leichtfertig-modischen Putin-Bashing nicht gehuldigt wurde und schon gar nicht Regietheater-Firlefanz. Schlecht, weil das 200 Jahre alte Drama des deutschen Klassikers doch arg spröde ist und vielleicht besser in allmählich vor sich hin verstaubenden, edel gebundenen Ausgaben versteckt würde.

Freilich ließe sich aus Schillers Drama, einer Reaktion auf die Französische Revolution, einer frühen künstlerischen Auseinandersetzung mit der aufkeimenden Nationalstaats-Ideologie, nicht zuletzt einer geschlechterpolitischen Abhandlung, allerhand herausbrechen und -lesen. Thomas Krupa verzichtet auf platte Aktualisierungen, setzt ganz auf die Kraft des Textes.

Den er natürlich kräftig kürzt, doch auch so muss der Zuschauer eine Riesenportion Konzentration mitbringen. Krupa stellt seine Figuren auf eine leere Bühne, lässt sie fast immer nebelumwabert im Zwielicht agieren - wobei sie oft wie Sprechautomaten herumstehen -, schafft nur durch Lichtkegel so etwas wie Perspektive und Abgrenzung. Punkig sind allerdings Frisuren und Kostüme, bis auf das Prunkgewand der Königin Isabeau (Ragna Guderian), die vampirhaft maliziös die Antipode zu Johanna gibt.

Violetta Zupancic in der Titelrolle ist allerdings ein Problem dieser Inszenierung. Ihre stakkatohaft herausgesprudelten Verse sind oft schwer verständlich, bei lauten Passagen geht der Text in Gekreisch unter. Die Zerrissenheit, den aufkeimenden Wahnsinn durch den Widerspruch zwischen selbst gesetztem Anspruch und Emotion, spielt sie dennoch gut.

Die Männer des Dramas sind entweder Gecken wie der König von Frankreich (Steffen Riekers), Aufschneider wie Lionel (Christian Wincierz) oder Repräsentanten der alten Ordnung wie der Erzbischof von Reims (auch in der Rolle Thibaut d'Arcs spielt Hermann Große-Berg solide wie immer). Wenn es darum geht, Johanna in die Schranken zu weisen, notfalls mit sexueller Gewalt, sind sie alle gleich, ob Engländer oder Franzosen.

Johanna eine Gotteskriegerin, eine Selbstmordattentäterin? Religiöse Verblendung als einziger Ausweg aus einer patriarchalen Welt? Diese Interpretation hätte man herausschälen können. Die Regie hat sich entschieden, das jedenfalls nicht offensichtlich zu tun. Nach strapaziösen zwei Stunden - Mark Polscher hat durch seine Klanginstallationen das Stück nicht unbedingt leichter konsumierbar gemacht - kann man auf dem Nachhauseweg über fanatisierte Frauen und ihre Motive nachsinnen.

Leichte Kost ist das alles nicht. Deutsche Klassiker sind eben nicht leicht. Es stellt sich die Frage, ob deutsche Klassiker noch so inszeniert werden müssen. Aber das Projekt Theater & Schule braucht auch Futter.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen 5., 6., 19., 20. Oktober; 8./9. November

Karten über E-Mail service@theater-erlangen.de; www.theater-erlangen.de