Rachael Tovey. Den Namen sollte man sich merken. Denn er steht für etwas, das in der internationalen Opernszene inzwischen so selten geworden ist, dass man fast ungläubig hinhört, wenn einem das Urerlebnis einer Hochdramatischen geschenkt wird, die sich in ihrer Stimme gleichwohl alles Lyrische bewahrt hat. Die aus England stammende Sopranistin ist Nürnbergs neue, zu Recht begeistert gefeierte Elektra in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss.

Sie singt die mörderische Partie mit scheinbarer Leichtigkeit, intonationssicher, leuchtend, furios, furchtlos und mit viel Gespür für die musikdramatischen Feinheiten. Und sie stellt die rache- und hier auch todessüchtige Tochter aus dem blutigen Atridenclan durch und durch glaubwürdig auf die Bühne, was man von dieser walkürenhaften Heroine zunächst gar nicht zu erwarten wagt. Eine Wucht!


Kluges Konzept und passende Rollenprofile


Das Kompliment darf getrost an den designierten Nürnberger "Ring"-Regisseur Georg Schmiedleitner und seine Ausstatter Stefan Brandtmayr (Bühne) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) weitergereicht werden. Denn sie haben für ihre "Elektra"-Neuinszenierung ein Konzept und Rollenprofile entwickelt, die perfekt zu den Protagonisten passen. Auch und gerade zu Rachael Toveys Elektra, die sich in der Erinnerung an den ermordeten Vater gewissermaßen häuslich eingerichtet hat.

Sie trägt seine alten Anzüge auf, bewegt sich männlich-ungeschlacht und geht unter anderem ihrer hübschen Schwester an den Kragen, wie es Agamemnon wohl gern mal eben auch bei seinen Töchtern getan hat. Elektra bewohnt im heruntergekommenen Hinterhof des Palastes sein Auto, einen längst vor sich hinrostenden Opel Admiral, und ist damit beschäftigt, das mit Blumen, Bodendeckern, Fotos und Grableuchten geschmückte Wrack mit Silberfolie aufzumöbeln.


Elektra rockt rauschhaft ab


Die Mordwaffe, das Beil, hat sie in einem Boxsack versteckt, an dem sicher schon der Vater trainiert hat und hinter dem sie sich versteckt, als der fremde Skinhead auftaucht, der ihr Bruder Orest ist (sonor und solide: Guido Jentjens). In ihrem Refugium wird sie immer wieder heimgesucht von den eigenen Horrorvisionen - einem leider allzu modisch-dekorativen Bewegungschor, der für die Sex- und Gewaltexzesse der Mutter und deren transigen Liebhaber Aegist (prägnant: Richard Kindley) stehen soll.

Während all die nackten und blutigen Leiber letztlich eher dekorativ als furchterregend wirken, kommen die drei präzise geführten weiblichen Hauptfiguren groß und wahrhaftig raus: Chrysothemis (stimmlich etwas überfordert: Mardi Byers) ist trotz der Laufmaschen und Löcher in ihrer Strumpfhose kreuzbrav und bieder; Klytämnestra (gediegen, aber nicht durchschlagkräftig genug: Daniela Denschlag) ist vergleichsweise jung, mehr dem Leben zugewandt und weniger hysterisch; Elektra wütet und liebt in großer mimischer und physischer Präsenz, rockt rauschhaft ab und lässt das Beil sendungsbewusst schließlich in den eigenen Hals fahren.


Grelle Dauererregung im Orchester


Die leicht abgespeckte Stadttheaterfassung der Partitur klang bei der besuchten zweiten Vorstellung am Ostermontag zuweilen noch zu groß. Das Orchester unter Generalmusikdirektor Marcus Bosch spielt präzise und doch geradezu entfesselt auf, schwelgt in farbenreicher Dauererregung, in der - zumindest auf den akustisch ungünstigeren Plätzen im Parkett - auch so manche Stimme der Mägde und der weiteren Nebendarsteller unterzugehen droht.

Aber wer in "Elektra" geht, weiß in der Regel, dass es nicht nur inhaltlich, sondern akustisch schrecklich laut wird. Umso intensiver geraten dann die leiseren Töne, das vorsichtig Fragende und die Zärtlichkeit, die Elektra für den zum Mordvollstrecker erzogenen Bruder empfindet. Der sorgt für ein Ende, das der grellen Lautsprecher-Verstärkung der Orest-Rufe des Chors entspricht: Er bringt nicht nur, wie im Libretto vorgesehen, Klytämnestra und Aegisth um, sondern knallt ungerührt auch seine Schwester Chrysothemis ab.


Termine und Karten


Weitere Vorstellungen sind am 14., 17., 22 und 26. April, 15. Juni und 25. Juli. Die Hauptrollen Klytämnestra und Orest sind alternierend mit Jordanka Milkova und Jochen Kupfer besetzt. Ticket-Hotline 0180-5-231600. Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des Staatstheaters Nürnberg.