München
Premiere

Einfach beglückend: Harteros und Kaufmann

Die "Troubadour"-Neuinszenierung in München ist mit Anja Harteros als Leonora, Jonas Kaufmann als Manrico und Paolo Carignani am Dirigentenpult luxuriös besetzt. Das Publikum bejubelte zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele vor allem die Sänger. Für Regisseur Olivier Py gab es auch Buhrufe.
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Szene aus der Münchner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Oper "Il trovatore" mit Anja Harteros (Leonora) und Jonas Kaufmann (Manrico) Alle Szenenfotos: Wilfried Hösl
Szene aus der Münchner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Oper "Il trovatore" mit Anja Harteros (Leonora) und Jonas Kaufmann (Manrico) Alle Szenenfotos: Wilfried Hösl
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"Ich gehe in die Oper", sagte vielseitige französische Künstler Olivier Py in einem Interview vor der Premiere, "um verrückte Menschen zu sehen, um ein Echo auf die eigene Verrücktheit zu erleben, einen Dialog mit ihr zu führen." Für die Bayerische Staatsoper hat der Regisseur diesen Satz anhand der vor 160 Jahren uraufgeführter Oper "Il trovatore" (Der Troubadour) von Giuseppe Verdi sinnfällig umgesetzt. Zum Auftakt der Münchner Opernfestspiele 2013 bejubelte das Publikum am Donnerstag allerdings in erster Linie die verrückt machend guten Hauptsolisten.

Die Sopranistin Anja Harteros und der Tenor Jonas Kaufmann sind seit ihrem gemeinsamen "Lohengrin"-Debüt 2009 gewissermaßen das Traumpaar am Nationaltheater - zwei längst weltweit gefeierte
Sängerdarsteller, bei denen stimmliche und schauspielerische Ausdruckskraft, Differenzierung und Präsenz ein ideales Höchstmaß erreicht haben. Es ist beglückend, diese Interpreten jetzt auch als Leonora und Manrico auf der Bühne erleben zu dürfen.

Spitzenrang der Staatsoper
Es lohnt sich auch der anderen Protagonisten wegen. Elena Manistina ist eine bannende, in jeder Hinsicht starke und doch von Schmerzen zerrissene Azucena, Alexey Markov ein Graf Luna, der versucht, den einseitigen Finsterling ab- und als durchaus gut funktionierender Machtmensch dennoch Gefühle an den Tag zu legen. Dass selbst die kleinere Rolle des Ferrendo mit Kwangchul Youn besetzt ist, unterstreicht den Spitzenrang der Staatsoper. Was sich unschwer an den hoffnungslos ausverkauften "Trovatore"-Vorstellungen ablesen lässt.

Dass die Neuinszenierung auch darüber hinaus sehens- und hörenswert ist, können Opernfreunde ohne Kartenglück zumindest ein bisschen nachvollziehen: Am 5. Juli um 19 Uhr wird die Produktion in der Premierenbesetzung als kostenloser Livestream ins Internet übertragen (www.staatsoper.de/tv). Man darf gespannt sein, ob die fast vierzig dabei eingesetzten Mikrofone es schaffen, nicht nur die große Spannbreite zwischen betörend zartem Piano und mitreißender Stimmkraft der Solisten wiederzugeben, sondern auch die Feinheiten der orchestralen Interpretation.

Alles klingt echt italienisch
Unter Paolo Carignani klingt das Bayerische Staatsorchester so, als säßen im Orchestergraben ausschließlich Italiener. Bei aller Könnerschaft kann man gewissermaßen die dörfliche Banda deshalb noch heraushören, weil jeder Einsatz, jeder Ton, jedes Crescendo und Descrescendo, jedes Rubato sich entwickelt, als wäre es das Natürlichste der Welt. Wann hat man das kleine Vorspiel zum 4. Akt zuletzt so traumverloren weich und perlend erlebt? Wann derart federnde Rhythmuswechsel, so viele instrumentale Farben und Kontraste?

Dass Verdi auch räumlich komponiert hat und, was die Solisten betrifft, eben nicht nur eine Rampenoper, haben Regisseur Olivier Py und sein Ausstatter Pierre-André Weitz sehr wohl verstanden. Und ein zeitloses und doch zeitnahes Ambiente geschaffen, in dem das alptraumhafte düstere Mantel- und Degen-Stücks, die im frühen 15. Jahrhundert in Spanien spielt, auch hier und heute verstanden werden kann. Die vielteilige Wellblecharchitektur könnte aus einem Western der Schwarzweißfilmzeit stammen, aber ebenso hat wohl auch der metaphysisch-surrealistische Maler Giorgio de Chirico Pate gestanden.

Tänzer zeigen das Unbewusste
Die traumatischen Ereignisse und Obsessionen, die hinter dieser Horrorgeschichte stehen, zeigt der Regisseur entwaffnend direkt: anhand einer alten, langhaarigen, zuweilen komplett nackten Tänzerin, die als Azucenas Mutter auf der Drehbühne auch dann präsent scheint, wenn man sie nicht sieht, anhand von unterschiedlich dimensionierten Baby- und Erwachsenenpuppen. Und anhand von zwei weiteren Tänzern, die unter anderem in Tiermasken das Unbewusste, Unterbewusste, das Triebhafte der Protagonisten visualisieren.

Es gibt ein Theater auf dem Theater, vortrefflich für die vielen Rückblenden und Erzähl-Passagen, dazu immer wieder Feuer und - augenzwinkernd sogar in der Pause - Zirzensisches mit einem zersägten Jonas Kaufmann. Irgendwo dreht sich immer unerbittlich ein Schicksalsrad, das aus dem Zeitalter der Industrialisierung stammt. Womit sich endlich auch einmal die obligatorischen Hammerschläge zu Beginn des zweiten Teils sinnfällig umsetzen lassen: auf einer Dampflokomotive und mit einer Tänzerin, die die machtvollen Choreinlage mit eindeutigen rhythmischen Bewegungen zusätzlich anheizt.

Dass auch Intendant Nikolaus Bachler weiß, wie man dem Affen Zucker gibt, liegt auf der Hand. Anja Harteros und Jonas Kaufmann sind schon bei der nächsten Verdi-Premiere an der Staatsoper wieder mit von der Partie: als Leonora und Alvaro in "La forza del destino" (Die Macht des Schicksals) am 22. Dezember. Stichtag für den schriftlichen Vorverkauf ist der 28. September.